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Coronakrise Der Fußball war noch nie so egal wie jetzt – und er unterschätzt das entscheidende Problem


Die DFL kann das Ende der Corona-Zwangspause kaum abwarten und arbeitet mit Hochdruck an Exit-Strategien. Unser Autor befürchtet aber: Der Fußball wird noch sehr viel länger egal bleiben, als es vielen Spielern und Verantwortlichen lieb sein dürfte.

Endlich! Fußballfreunde aller Vereine blinzeln verzückt zum Horizont, weil dort ein kleines Licht zu sehen ist. Denn ab sofort wollen die Bundesligavereine schrittweise ihr Training hochfahren, schließlich ist eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Geisterspielen für Anfang Mai angedacht. Der Arzt und Virologe Alexander Kekulé hält das für machbar. 

Zwar müssten die Spieler unter besonderen Sicherheitsbedingungen weiterleben, ganze Mannschaften müssten in Spezialquarantäne, und vor jedem Spiel müssten alle Spieler neu getestet werden, aber: "Rein virologisch wäre das Problem lösbar", so Kekulé, Direktor für Medizinische Mikrobiologie am Uniklinikum Halle, im ZDF-"Sportstudio".

1,23 Millionen Fans gucken altes Pokalfinale

Das sind scheinbar gute Nachrichten für Millionen Fans, die sich offenbar so sehr nach ihrem Lieblingssport sehnen – sonst hätten am Samstag wohl kaum 1,23 Millionen Zuschauer in der ARD die Wiederholung des DFB-Pokalfinales 2014, den 2:0-Sieg der Bayern nach Verlängerung über Borussia Dortmund, verfolgt.

Und überhaupt wäre das Signal vom rollenden Ball so wichtig für die Gesellschaft, hieß es in den vergangenen Wochen immer wieder aus der Branche: ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung in schweren Zeiten. Hannovers Martin Kind scheute sogar größtmögliches Pathos nicht, als er sich die Rückkehr zur Normalität in einem Interview ausmalte wie damals nach dem Krieg, während der Weltmeisterschaft 1954.

Das zeugt nicht nur von der weltfremden Selbstüberschätzung, die vielen Machern aus dem Fußballbusiness offenbar auch in Krisenzeiten nicht auszutreiben ist, sondern auch von ihrer Verlogenheit: Denn natürlich geht es einzig und allein darum, das Geld durch die Fernseheinnahmen wieder fließen zu lassen – denn die wirtschaftliche Lage der DFL scheint weitaus dramatischer als bislang angenommen: 13 der 36 Profiklubs droht aktuell – also schon in dieser Saison – ein Insolvenzverfahren.

Aber abgesehen davon, dass diese Zahl eine Schande ist angesichts von einer Steigerung der Medienerlöse der Liga von 750 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro in den vergangenen fünf Jahren; abgesehen davon, dass die Opferrolle, die der Profifußball seit Beginn der Krise ähnlich schnell angenommen hat wie andere Milliardenkonzerne der klassischen Wirtschaft, die ruckzuck Mietenzahlungen verweigern oder Kurzarbeit anmelden, eine Verhöhnung der restlichen Bevölkerung darstellt – abgesehen davon übersieht der Fußball in seiner hastigen Ausarbeitung möglicher Exit-Strategien den entscheidenden Faktor.

Denn: Virologe Kekulé betonte im "Sportstudio" ebenfalls, dass er Zuschauerkulissen für dieses Jahr "nicht mehr ernsthaft ins Auge fassen würde". Eine Einschätzung, die jeden Fan aufhorchen lässt, der vor der Zwangspause das Geisterspiel zwischen Gladbach und Köln oder jenes von PSG gegen Dortmund sehen musste – seelenlose Kicks ohne Feuer und Atmosphäre, denen beinahe jegliche Spannung abging. Leere Arenen als Gruselkabinett.

Corona-Krise: Fußball ohne Fans ist nichts wert

In ihrer existenziellen Sorge vor einem längeren Stillstand des Betriebs versuchen die Verantwortlichen diese Tatsache zu ignorieren. So hatte Mönchengladbachs Profi Christoph Kramer nach dem Derby gegen Köln noch das ungute Gefühl, ein Trainingsspiel absolviert zu haben – inzwischen würde er aber "jedes Geisterspiel" nehmen, wie er zuletzt im "Sportstudio" betonte: "Man muss sagen, es geht nicht mehr um Spaß, sondern darum, dass wir überhaupt wieder spielen." Die traurige Wahrheit ist jedoch: Es geht um mehr. Fußball wird gerne als "wichtigste Nebensache der Welt" bezeichnet, aber wenn sich die ganze Welt plötzlich nur noch um eine einzige Hauptsache dreht, wird die wichtigste Nebensache nun mal zur Farce. Der Fußball war noch nie so egal wie dieser Tage. Und er wird noch sehr viel länger egal bleiben, als es vielen Spielern und Verantwortlichen lieb sein dürfte.

Weil Fußball ohne Fans nichts wert ist. Er ist nichts wert ohne die Rentner am Spielfeldrand der Kreisliga. Und er ist erst recht nichts wert ohne die Ultras in den Kurven. Ein Bundesligaspiel ohne Fans ist sogar noch weniger reizvoll als der vielzitierte "Kick von 22 Kurzbehosten im Park", weil der Aufwand in eklatantem Missverhältnis zum Ertrag steht.

Und so bleibt die vermeintliche Ablenkung durch Fußballspiele bloß eine Illusion, solange Zuschauer nicht zugelassen werden können. Da kann sich die Bundesliga so viel vormachen, wie sie will. Selbst wenn bald wieder gespielt wird, werden wir die Zeit zwischendurch weiterhin mit Aufzeichnungen alter Pokalfinals überbrücken müssen. Weil Geisterspiele in Krisenzeiten eben keinerlei Normalität vermitteln, sondern das Gegenteil: Sie legen in radikaler Weise offen, dass gerade nichts normal ist. Daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Und zwar genau so lange, bis wir wieder ins Stadion dürfen.


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