Pünktlich um 18 Uhr am Samstag versammelte sich die deutsche Nationalmannschaft vor dem Bildschirm. Selbstverständlich nahm auch Julian Nagelsmann am gemeinsamen Fernsehabend im Hotel in Frankfurt-Sachsenhausen teil, hatte er doch ganz bestimmte Erwartungen an die Live-Übertragung aus Budapest. Kai Havertz, der dort mit Arsenal London im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain stand, möge bitte gesund und möglichst als Sieger zum Nationalteam stoßen.
Nagelsmanns erster Wunsch erfüllte sich. Havertz blieb unverletzt, er spielte 90 Minuten durch und erzielte sogar ein Tor. Das 1:0 in der 6. Minute genügte jedoch nicht, um sich zum Champions League-Sieger krönen zu können. Paris glich zum 1:1 aus, und als es ins Elfmeterschießen ging, war Havertz bereits ausgewechselt. Von der Seitenlinie aus musste er mit ansehen, wie sein Mitspieler Gabriel dos Santos Magalhaes als letzter Schütze den Ball in den Abendhimmel jagte. Mit einer Wucht, die fürchten lässt, dass der Ball heute noch in der Stratosphäre unterwegs ist.
Kai Havertz muss gestützt und getröstet werden
Kai Havertz wird also als geschlagener Mann zum DFB-Team nach Frankfurt reisen. Viel Zeit bleibt ihm nicht, um die Niederlage von Budapest aufzuarbeiten. Bereits am Dienstag fliegt er mit der Mannschaft in die Vereinigten Staaten, wo die Deutschen zwei ihrer drei WM-Gruppenspiele bestreiten werden. Am Samstag steht in Chicago ein Spiel gegen die USA an; es ist der letzte Test, bevor die WM am 14. Juni in Houston gegen Curacao beginnt.
Havertz wird in den nächsten Tagen gestützt und getröstet werden müssen. Was so ziemlich das Gegenteil dessen ist, was der Bundestrainer sich erhofft hatte: Dass Havertz nämlich die Reisegruppe aufmuntert mit Geschichten über seine Ruhmestaten. Dass er den jungen Spielern erzählt, wie man große Titel gewinnt. Und dass Havertz selbst an Sicherheit gewinnt am Ende einer Saison, die er zwar als englischer Meister abgeschlossen hat – die aber zugleich eine Comeback-Saison war für ihn, der lange an den Folgen von Knie- und Oberschenkelverletzungen gelitten hatte.
Havertz‘ Niederlage ist auch Nagelsmanns Niederlage. Kein Bundestrainer vor ihm hat so sehr auf den sogenannten Flow vertraut. Nagelsmann glaubt, dass Erfolg aus Erfolg erwächst. Je mehr Siege, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich die schöne Geschichte von allein fortschreibt. Dieser Denkweise entspringt auch die kurzfristige Nominierung von Manuel Neuer. Nagelsmann meint, den Torwart umgebe eine „besondere Aura“; eine Kraft, die mit den üblichen Metriken des Fußballs nicht zu messen sei.
Dummerweise ist Neuers Strahlkraft reichlich runtergedimmt in diesen Tagen. Eine Wadenverletzung macht seinen Einsatz im Testspiel gegen Finnland an diesem Sonntag (20.45 Uhr, ZDF) unmöglich. Und ob es für einen Einsatz gegen die USA reicht, ist derzeit noch fraglich.
Mangel an Heldengschichten
Es herrscht derzeit ein Mangel an Heldengeschichten im DFB-Team. Die Bayern-Spieler Kimmich, Tah, Musiala, Goretzka, Pavlovic, Karl und Neuer könnten von einer gewonnenen Meisterschaft und dem DFB-Pokalsieg berichten – aber unerhörte Geschichten sind das nicht. Das zählt zur Standardware, seit Jahrzehnten schon. Zumal die Münchener selbst auf eine zweischneidige Saison zurückblicken. Gegen Real Madrid und im ersten Halbfinale gegen Paris Saint-Germain spielten sie Fußball wie von einem anderen Stern (und Neuer hielt überragend), doch es reichte nicht für einen Einzug ins Champions-League-Finale. Bis auf ihren Torwart dürften sich die meisten Bayern-Spieler als Verlierer fühlen, denn einen Preis für den atemberaubendsten Fußball vergibt die Uefa nicht.
Die Nachrichtenlage gibt aktuell zu wenig her, als dass sie Nagelsmanns Perpetuum mobile in Schwung bringen könnte. Nagelsmann wird selbst eine Geschichte erfinden müssen, an die alle glauben und die sie durch die ersten WM-Wochen trägt.
Dass der Bundestrainer dazu in der Lage ist, hat er schon einmal bewiesen. Im Herbst 2023, ein halbes Jahr vor der sogenannten Heim-EM, erlitt die Nationalmannschaft bittere Niederlagen gegen die Türkei und Österreich. Nagelsmann stand in der Kritik; der Boulevard war alarmiert und fragte auf der Titelseite: „Versaut uns Nagelsmann die EM?“
Nagelsmann ist als Rhetoriker gefragt
Es folgte eine wundersame Wiederauferstehung mit Siegen gegen Frankreich und die Niederlande drei Monate vor EM-Beginn – bis heute die größte Coaching-Leistung von Nagelsmann. Heute ist die Lage wesentlich heller als damals im Herbst. Die Nationalmannschaft gewann zuletzt sieben Spiele in Folge, allerdings allesamt gegen mittelklassige bis schwache Gegner.
Wenn man in die Mannschaft hineinhorcht, erfährt man, dass die Spieler sich dessen bewusst sind. Nicht einer sagt: Wir werden Weltmeister. Irgendwie haben sie schon ein gutes Gefühl für die WM, aber auch nur irgendwie.
Was es jetzt bräuchte, ist ein Bundestrainer, der rhetorisch in Champions-League-Form ist. Die Flugreise von Frankfurt am Main nach Chicago dauert neun Stunden. Zeit genug, um eine Geschichte zu erzählen, die größer ist als die Niederlage von Budapest.