HOME

Neue Enthüllungen im Dopingskandal: Alle rechnen mit Lance Armstrong ab

Lebenslang gesperrt, Tour-Titel vermutlich futsch - und es droht weiterer Ärger: Frühere Weggefährten rechnen mit Lance Armstrong ab, und in alten Blutproben sollen Dopingmittel entdeckt worden sein.

Von Alexandra Kraft

Lance Armstrong ist gnadenlos. Gegen sich, seinen Körper und alle, von denen er sich bedroht fühlt. Aber immer mehr seiner alten Weggefährten und Freunde wenden sich von dem ehemaligen Superstar ab. So zeichnet der ehemalige Radprofi Tyler Hamilton in seinem in dieser Woche erscheinenden Buch "The secret Race" von Armstrong das Bild eines skrupellosen Dauerdopers - und erneuert damit seine Anschuldigungen aus dem vergangenen Jahr. Das Buch des ehemaligen Teamkollegen von Armstrong liefert zahlreiche Enthüllungen und neue Details aus dem nahen Umfeld. Jahrelang fuhr Hamilton als sogenannter Edelhelfer an der Seite von Armstrong, nun berichtet er auf 265 Seiten über seine Zeit mit dem Texaner. Und bringt diesen damit erneut in Erklärungsnot. Angeblich ist Hamilton auch einer der zehn Zeugen, auf deren Aussagen die amerikanische Anti-Dopingagentur USADA ihre Anklage gegen den ehemaligen Radhelden stützt.

Bereits im Mai 2011 hatte Hamilton für Aufssehen gesorgt, als er Armstrong in einem Interview öffentlich des Dopings bezichtigte. Damals sagte er im amerikanischen Fernsehsender CBS über seinen alten Teamkollegen: "Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat." Nun legt er nach. Armstrong sei nicht nur Teil des Dopingsystems gewesen, sondern habe es selbst angetrieben.

"Unsere Ärzte waren besser, vor allem besser bezahlt"

Besonders ernüchternd wirkt Hamiltons Beschreibung des ungleichen Kampfes der Dopingjäger gegen die Radprofis: "Wir hatten immer Vorsprung vor den Verfolgern. Die hatten ihre Ärzte, wir unsere. Unsere waren besser, vor allem besser bezahlt." So sei es ein leichtes gewesen, nicht erwischt zu werden.

Über Armstrong schreibt Hamilton: Doping sei "im Denken von Lance ein Bestandteil des Lebens, wie Sauerstoff oder die Schwerkraft gewesen.“ Hamiltons, der selbst dreimal des Dopings überführt wurde, zieht ein kühles Fazit: Armstrong sei ein "Pionier des Dopings" gewesen.

Kurz vor der Tour de France 1999 will Hamilton seinen Teamkollegen zum ersten Mal nach dem Dopingmittel EPO gefragt haben. Damals, in der Villa des Radstars in Nizza, habe der nur wortlos auf den Kühlschrank gezeigt. Dort habe Hamilton dann auch das verbotene Medikament gefunden.

"The restaurant is 167 away"

Während der Tour de France 1999, so Hamilton, habe das Armstrong Team einen speziellen Dopinghelfer beschäftigt. Der Mann sei auf einem Motorrad dem Fahrerfeld gefolgt und habe stets EPO in einer Thermosflasche dabei gehabt. Teammitglieder hätten diesen Mann, mit dem Spitznamen "Edgar“ per Prepaid Handy kontaktieren können. "Immer wenn wir Edgar brauchten, sagten wir Bescheid und er fuhr vor und deponierte etwas für uns", so Hamilton. Hamilton schreibt auch, er habe einmal von seinem Arzt folgende SMS erhalten: "The restaurant is 167 away.“ Das habe bedeutet, die Bluttransfusion finde in Hotelzimmer 167 statt.

Auch der ehemalige Telekomfahrer Bjarne Riis kommt bei Hamilton nicht gut weg. Der Däne, der heute Alberto Contadors Teamchef bei Saxo Bank-Tinoff ist, sei es schließlich gewesen, der Hamilton dem mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes vorgestellt habe. Was Doping anging, hatte Hamilton in seiner aktiven Zeit selber nur wenig Skrupel. "Du schluckst eine Pille oder klebst dir ein Pflaster oder bekommst eine kleine Injektion – das ist doch nichts. Aber wenn du einen großen, durchsichtigen Plastikbeutel vor dir siehst, wie er sich langsam mit deinem warmen, roten Blut füllt – das vergisst du niemals.“

Die Fahrer hätten, so Hamilton, untereinander Codenamen für die verschiedenen leistungssteigernden Medikamente benutzt. Red eggs, rote Eier, seien zum Beispiel Testosteronpillen gewesen. Die Mittel seien den Radprofis dann in kleinen weißen Frühstückstüten übergeben worden.

Sheryl Crow soll "Informationen geliefert" haben

Nach Hamiltons Fernsehauftritt im vergangenen Jahr habe Armstrong gedroht, ihm das Leben zur Hölle zu machen, wenn er gegen ihn aussagen würde. Bei einem Zusammentreffen mit dem Superstar in dessen Wohnort Aspen, so berichtet Hamilton, sei er von Armstrong beschimpft worden. "Wenn du im Zeugenstand bist, werde ich dich in Stücke reißen", soll der gedroht haben. Und: "Dann wirst du wie ein dämlicher Idiot dastehen", habe Armstrong zu ihm gesagt.

Ausgesagt hat wohl auch Sheryl Crow, Armstrongs ehemalige Verlobte. Sie soll, so berichten amerikanische Medien, bereits 2011 von Bundesbeamten befragt worden sein. Die US-Zeitung "New York Daily News“ berichtet, die Sängerin, mit der Armstrong drei Jahre liiert war, hätte den Ermittlungsbehörden "Informationen geliefert." Details ihrer Aussage wurden bisher nicht bekannt. Brisant könnte sein: Crow hatte ihren damaligen Verlobten bei seinen beiden letzten Toursiegen in den Jahre 2004 und 2005 nach Frankreich begleitet.

Nichts Gutes zu berichten hat auch der langjährige Armstrong-Vertraute Mike Anderson. Im US-Magazin "Outside“ schreibt Anderson über seine Zeit als persönlicher Assistent des siebenfachen Tour-de-France-Siegers. Laut Anderson hatte Armstrong Steroide im Badezimmer stehen, so dass sie jeder leicht hätte finden können. Außerdem habe Armstrong ihm gegenüber die Einnahme des Dopingmittels nicht geleugnet. "Jeder macht es, sagte er mir locker, und schaute mir gerade in die Augen." Danach habe sich das Verhältnis zwischen den beiden dramatisch verschlechtert.

"Er zeigte keine Gefühle, ließ die Bombe platzen"

Auch menschlich sei Armstrong gnadenlos gewesen, behauptet Anderson. Er erinnere sich, wie emotionslos Armstrong seiner damaligen Frau Kristin am Strand von Santa Barbara 2003 gesagt habe, dass er sich scheiden lassen wolle. Kristin sei von der Ankündigung ihres Mannes völlig überrascht worden: "Er zeigte keine Gefühle, ließ die Bombe platzen und ließ Kristin allein am Strand stehen."

Als Anderson 2004 angeblich ohne Grund gefeuert wurde, habe Armstrong ihn persönlich in aller Öffentlichkeit schlecht gemacht und so sein Leben in den USA ruiniert. Unter anderem habe der Radstar ihn der Erpressung bezichtigt. Anderson beschreibt Armstrong als eiskalten und berechnenden Mann, dessen einzige Verteidigungslinie sei, sich als guter Kerl darzustellen, der zum Opfer gemacht werden soll. Am Ende sah der ehemalige Assistent keine andere Möglichkeit, der Rache seines Chefs zu entgehen, als mit seiner Familie nach Neuseeland auszuwandern.

Mit Jonathan Vaughters meldete sich ein weiterer früherer Teamkollege Armstrongs in der "New York Times“ zu Wort. Er versuchte zu erklären, warum im Radsport überhaupt gedopt wird. Vaughters glaubt, dass mit Dopingmitteln eine Leistungssteigerung von etwa zwei Prozent möglich ist. Warum also als das Risiko? Vaughters: "Im Spitzensport sind zwei Prozent mehr Kraft eine Ewigkeit. Es ist beim 100-Meter-Lauf eine Zeit von 9,8 oder 10 Sekunden. Im Schwimmen ist es der Unterschied zwischen dem ersten und neunten Platz. Und bei der Tour de France sind zwei Prozent der Abstand zwischen dem ersten und 100. Platz im Gesamtklassement."

USADA soll Dopingmittel in altem Blut entdeckt haben

Die US-Antidoping-Agentur (USADA) hatte in der vergangenen Woche eine lebenslange Sperre gegen Armstrong ausgesprochen und beantragt, dass alle Ergebnisse des Texaners seit dem 1. August 1998 gestrichen werden sollen. Inzwischen, so berichtet das französische TV-Magazin "Stade 2", sei die USADA im Besitz von positiven Dopingproben des ehemaligen Radhelden. Dabei soll es sich um ursprünglich negative Blutproben handeln, die unter Aufsicht der USADA erneut analysiert worden seien.

Trotz dieser und aller neuen Anschuldigungen scheint Armstrong sein Selbstbewusstsein nicht verloren zu haben. Auf einer Krebs-Konferenz im kanadischen Montreal stellte er sich vor wenigen Tagen mit folgenden Worten vor: "Mein Name ist Lance Armstrong. Ich bin ein Krebsüberlebender und, ja, ich habe die Tour de France sieben Mal gewonnen."

Wissenscommunity