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Wochenbilanz: Tour brutal

Massenstürze, Beleidigungen, Rippen- und Knochenbrüche: Die Tour der Leiden machte in der ersten Woche ihrem Namen wieder alle Ehre. Ergebnis des zunehmenden Drucks von Sponsoren und Teamleiter auf die Fahrer?

Schlechtes Wetter und Stürze bestimmen bisher die 91. Tour de France . 99 der 189 Fahrer waren nach nur sieben Etappen bereits Sturz- Opfer. Besonders schlimm traf es in der ersten Woche das Team Gerolsteiner. Réné Haselbacher hatte am Freitag den Massensturz auf der Zielgeraden von Angers ausgelöst, der 150 Fahrer angeschlagen zurück ließ oder zum Stoppen zwang. Am Samstag erwischte es auch Sven Montgomery, der sich bei einem Sturz das Schlüsselbein brach. Insgesamt 13 Fahrer sind nicht mehr im Rennen, darunter die angeschlagene italienische Sprint-Elite mit Mario Cipollini und dem Weltranglisten- Spitzenreiter Alessandro Petacchi.

Der durch Haselbachers Bruch des Lenkrads ausgelöste Massensturz in Angers sorgte für heftige Kontroversen und böses Blut. Der Australier Robbie McEwen soll den blutend und benommen am Boden liegenden Österreicher des Gerolsteiner-Teams "übel beschimpft und mit der Faust bedroht" hoben. Teamchef Hans-Michael Holczer war Ohrenzeuge und beschritt umgehend den Beschwerdeweg.

"Einer fuhr mir über das Gesicht"

"Ich habe die skandalösen Vorkommnisse McEwens Mannschaftsführung von Lotto und den Tour-Veranstaltern mitgeteilt. Wer seinen niederen Instinkten so freien Lauf lässt wie McEwen gehört nach Hause geschickt", empörte sich Holczer, als er die Intensivstation des Krankenhauses verließ. Sein Fahrer erlitt einen doppelten Bruch dreier Rippen und eine Nasenbein-Fraktur. "Einer fuhr mir über das Gesicht", erinnerte sich Haselbacher.Am Montag soll er nach Hause transportiert werden.

The Tour-Show must go on

Weiter im Rennen sind der Amerikaner Tyler Hamilton, der im Vorjahr mit einem angebrochenen Schlüsselbein knapp drei Wochen später in Paris auf Rang vier fuhr, und der besonders Verletzungserfahrene Rolf Aldag. Laut Teamarzt Lothar Heinrich klagt der Westfale über "Prellungen am ganzen Körper". Mitfavorit Hamilton stürzte auf den Rücken.

Kaum der Rede wert im harten Tour-Alltag: Matthias Kessler fährt mit einer angebrochenen Rippe und der Berliner Jens Voigt stürzte am Chaos-Tag in Angers auf den Kopf. «Nichts passiert», gab er schnell Entwarnung. Die Tour der Leiden geht für alle weiter. Muss für alle weiter gehen.

"Der Druck wird immer größer"

Nur unglücklichen Streckenplanungen, der Vorliebe der Franzosen für Kreisverkehre und glatten Straßen durch Dauerregen die Schuld für das diesjährige Sturzfestival zu geben, greift nach Ansicht von Radsport-Insider und dem ehemaligen Tour-Etappensieger Jens Heppner viel zu kurz.

Für ihn ist die Tour brutal vor allem die Konsequenz einer erbarmungslosen Kommerzialisierung des Rennspektakels. "Der Druck von Sponsoren und Teamleitung wird immer größer, weil das Geld eine immer größere Rolle spielt. Die Tour ist die größte internationale Bühne des Radsports und nur dort bietet sich für viele die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Manche tun das ohne Rücksicht auf Verluste".

Andreas Zellmer, DPA / DPA

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