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Schluss-Etappe: Frankreich feiert Toursieger Landis

Happy End bei der Tour de France: Der Amerikaner Floyd Landis gewann das härteste Radrennen der Welt - und der Deutsche Andreas Klöden schaffte den Sprung aufs Podium. Die letzte Etappe gewann der Norweger Thor Hushovd.

Von Jan Ullrichs Suspendierung in Straßburg bis zur Triumphfahrt von Floyd Landis auf den Champs-Elysées - die 93. Tour de France war bis zum letzten Kilometer am Sonntag in Paris eine Achterbahn der Gefühle. Im Finale dieser wohl einmaligen "Tour der Verrückten", die nach dem Doping-Ausschluss des Siegers von 1997 und des Italieners Ivan Basso ohne Topfavoriten auskommen musste, jubelten rund 200 000 Menschen auf dem Pariser Prachtboulevard dem 30-jährigen Amerikaner im Gelben Trikot zu. Von einer tief greifenden Krise des Radsports war - jedenfalls am Straßenrand - nicht viel zu merken.

Landis, der mit 59 Sekunden vor dem Spanier Oscar Pereiro und 1:29 Minuten vor Andreas Klöden triumphierte, setzte die amerikanische Tradition in Paris nach sieben Jahren Lance Armstrong fort. Als Sieger der 20. und letzten Etappe über 154,5 Kilometer zwischen Sceaux-Antony und Paris kreuzte der Norweger Thor Hushovd unter dem Arc de Triomphe als Erster die Ziellinie und zog damit den Tour-Schlussstrich 2006, nachdem er als Prolog-Sieger auch das erste Ausrufezeichen gesetzt hatte. 139 Fahrer von 176 gestarteten erreichten die französische Hauptstadt.

Keine Chance für Zabel

Der Australier Robbie McEwen verfehlte als Zweiter im finalen Spurt der diesjährigen Tour seinen vierten Etappensieg, sicherte sich wie 2004 und 2002 aber das Grüne Trikot. Zweiter in der Punktewertung wurde der sechsfache Sprint-Beste (1996-2001) Erik Zabel, am Sonntag Vierter, bei seiner 12. Tour-Teilnahme. Der 13. Etappensieg seiner Karriere blieb ihm versagt, auch wenn der Berliner aus dem Milram-Team bei seinen beiden dritten Plätzen in Straßburg und Dax an große Zeiten erinnerte.

Andreas Klöden, Tour-Zweiter von 2004, sicherte sich beim alles entscheidenden Zeitfahren am Samstag noch vor Konkurrent Carlos Sastre den dritten Platz. An den aufopfernd kämpfenden Pereiro und dem phänomenalen Amerikaner kam er aber nicht mehr heran. "Ich freue mich riesig. Es war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass ich auf's Podium komme. Dafür musste jemand einbrechen: Das war Sastre heute", sagte der neue Ullrich-Ersatz im T-Mobile-Team am Samstag.

Pereiro überraschte alle

Landis war zum Kampf gegen die Uhr in Le Creusot mit einem Rückstand von 30 Sekunden auf Pereiro angetreten und eroberte das Gelbe Trikot schon nach der Hälfte der 57 Kilometer langen Strecke. Mit seiner Atem beraubenden Aufholjagd in den Alpen hatte der Phonak- Kapitän - ähnlich wie der Luxemburger Charly Gaul 1958 - Tour- Geschichte geschrieben. "Ich habe von meinen Eltern bestimmte Werte mit auf den Lebensweg bekommen - dazu gehört auch die Beständigkeit", sagte Landis, der in der Glaubensgemeinschaft der Menoniten in Pennsylvania aufwuchs.

Auf der letzten Alpen-Etappe in Morzine hatte er 7:08 Minuten auf Klöden und Pereiro aufgeholt, nachdem er am Vortag fürchterlich eingebrochen war. "Ich komme aus einer Welt, in der sehr hart gearbeitet wurde, deshalb stehe ich hier", betonte Landis, dessen sportliche Zukunft trotz des Triumphes offen ist: Ende des Jahres muss sich der Fahrer einer komplizierten Operation unterziehen, ihm droht eine Hüftprothese.

Deutscher verpasste Weißes Trikot

Der 24-jährige Markus Fothen vom Team Gerolsteiner verpasste zwar gegen Damiano Cunego (Italien) das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers, machte ansonsten als Tour-Debütant auf Rang 15 aber eine gute Figur. Matthias Kessler und "Ausreißer-König" Jens Voigt (Berlin/CSC) sorgten für deutsche Etappenerfolge. "Cunego ist ja als Giro-Gewinner nicht irgendjemand. Mit dem Trikot hätte ich eine zufrieden stellende Bilanz ziehen können", war Hans-Michael Holczer, Manager des Gerolsteiner Teams, etwas enttäuscht.

Klödens 36-jähriger Team-Kollege Sergej Gontschar, der am Samstag auch das zweite Zeitfahren gewann, bescherte den Bonnern neben Kessler zwei weitere Etappensiege und das Gelbe Trikot für drei Tage. Diese Erfolge ebneten den Weg zum Sieg in der Mannschaftswertung. Der nationale Konkurrent, zu Saisonbeginn deutlich besser in Tritt als die Bonner, musste bei der Tour zurückstecken. Levi Leipheimer, im Vorjahr Sechster, wurde nur 13. Ein Etappensieg, wie ihn Georg Totschnig 2005 schaffte, fehlt in der Gerolsteiner-Statistik.

T-Mobile unter Doping-Schock

Überschattet wurde die Tour immer wieder von neuen Berichten über das Madrider Doping-Netzwerk. Wegen angeblicher Verbindungen dazu waren neun Fahrer von der Tour ausgeschlossen worden, darunter auch Ullrichs Team-Kollege Oscar Sevilla und sein spanischer Landsmann Francisco Mancebo. Das Astana-Team des mitfavorisierten Alexander Winokurow, dessen Name nicht in den Listen der Guardia Civil auftauchte, durfte nicht antreten, weil es durch Ausschlüsse zu stark dezimiert war.

Das T-Mobile-Team, das noch immer unter dem Doping-Schock um ihren einstigen Kapitän Jan Ullrich steht, kündigte im Zuge der bevorstehenden Aktion "Alles auf den Prüfstand" einen Wandel auch an der Spitze der Teamleitung an. Das Bonner Mobilfunk-Unternehmen hatte während der Tour dem früheren Teamchef Rudy Pevenage gekündigt - und am Freitag auch Ullrich.

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