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Athen 2004 Deutsche Hoffnungen: "Ganz gut, dass ich nicht mehr die Lichtgestalt bin"

"Ich fahre nicht nach Athen, um im Vorlauf nur mal ins Publikum zu winken. Wenn ich verletzungsfrei bleibe, habe ich das Zeug, ins Finale zu kommen", sagt der 400-m-Europameister.

Den Spätsommerabend des 23. August 2004 hält sich Ingo Schultz mal lieber frei. Wenn die Uhren im Athener Olympiastadion lautlos auf "21.10" springen und die Stille vor dem Schuss einzieht - dann, ja dann könnte ihm die Stunde schlagen. Auch wenn es nur 45 Sekunden oder sogar ein paar Hundertstel weniger sind. "An diesem Abend will ich auf der Bahn stehen. Ich fahre nicht nach Athen, um im Vorlauf nur mal ins Publikum zu winken. Wenn ich verletzungsfrei bleibe, habe ich das Zeug, ins Finale zu kommen", sagt der 400-m-Europameister.

Niederlagen und Enttäuschungen

Hallenstarts, Freiluftsaison, DLV-Qualifikation, Vorlauf, Halbfinale, Finale - es könnte ein olympischer Marathon nach Athen werden für den 28-Jährigen von der TSG Bergedorf. Und Schultz hat gerade erst erfahren, wie schnell Träume platzen können: 2003 war ein Jahr der Niederlagen und Enttäuschungen, und für 2004 hat der 2,01-m-Mann durch die Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber noch nicht einmal ernsthaft mit dem Training angefangen. "Aber es war bestimmt besser, diese Erfahrungen 2003 zu machen und nicht im Olympia-Jahr." Mit Druck kann er umgehen, und "vielleicht ist es ganz gut, dass ich nicht mehr die Lichtgestalt bin".

Beim mühsamen Comeback hat ihn das Epstein-Barr-Virus nun wieder gebremst. "Ich habe mir zu viel zugemutet und bin gleich wieder krank geworden", erklärt der im Emsland geborene Hamburger. Er allein wird entscheiden, "wann es wieder losgeht. Wenn die Trendwende kommt, umso besser, aber erzwingen kann ich es nicht." Das weiß Ingo Schultz jetzt, denn das Jahr 2003, das er eigentlich mit dem Weltmeistertitel krönen wollte, "das war schon eine Niederlage für mich. Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um darüber hinweg zu kommen." Als Siebter seines Halbfinales (46,02 Sekunden) musste er in Paris bitter enttäuscht seine Siebensachen packen.

Rückbesinnung auf alte Stärken

Doch Schultz und sein Trainer Jürgen Krempin haben aus den Fehlern gelernt - Selbstkritik war der erste Weg zur Besserung. "Ich habe dieses Jahr ein paar Sachen schleifen lassen und nicht mit aller Konsequenz verfolgt. Und dafür habe ich meinen Preis gezahlt", gibt Schultz zu. Um die vielleicht einzige Olympia-Chance seiner Karriere nicht zu verspielen - 2008 in Peking wäre er schon 33 -, hat der Vizeweltmeister von Edmonton drei Punkte auf dem Zettel: "Rückbesinnung auf die Stärken der Jahre 2001 und 2002. Kein Höhentrainingslager mehr. Im Team konsequenter zusammenraufen."

Trotz des Fehlstarts ins Wintertraining hat Schultz die Hallensaison längst nicht abgeschrieben. "Nur die WM Anfang März kommt mir zu spät. Aber ein paar Hallenwettkämpfe möchte ich machen", kündigt er an. Deutschlands bester Runden-Renner räumt ein, dass er sich in der WM-Vorbereitung verzettelt hat: "Durch den langen Saisonaufbau war ich schon platt, als es in die Höhe ging. Außerdem habe ich zu viele Körner bei Wettkämpfen gelassen."

Augeben kommt nicht in Frage

Seine Fans möchte Schultz im Olympia-Jahr nicht noch einmal enttäuschen: "Ich will den Leuten zeigen, was ich drauf habe und dass ich wieder da bin." Das Wort "Aufgeben" gehört nicht zum Sprachschatz des Diplom-Elektrotechnikers, aus dem bis 2006 ein "Dr. ing." werden soll. "Nur ein einziges Mal, nach meiner Leistenoperation im Herbst 2000, habe ich ans Aufhören gedacht", erinnert er sich. "Seitdem habe ich mir nie wieder diese Frage gestellt."

Privat läuft alles prima. Das sieht man Schultz an, wenn er mit Freundin Heidi Hand in Hand durch Hamburg bummelt. Ihr Glück wollen die beiden in Ruhe genießen. "Mit meinem Leben in die Öffentlichkeit zu gehen, das ist nicht so meine Art", sagt Schultz. Ganz so viel hanseatische Zurückhaltung liegt Heidi nicht: "Ich habe Ingo im Sommer zu seinem 28. Geburtstag einen Tanzkurs geschenkt." Ohne Training ist Ingo eben nicht zu trauen.

Von Ralf Jarkowski, DPA

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