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Athen 2004 Länder: Zurück in die Zukunft

Zu Sowjetzeiten waren die russischen Sportler die Besten der Welt. Nach der Olympia-Pleite 2002 in Salt Lake City sind die Ansprüche bescheidener geworden. Mindestens 30 Goldmedaillen sollen es aber schon werden.

Der Schock der Olympia-Pleite bei den Winterspielen 2002 sitzt der Sportnation Russland noch in den Knochen. So erfolglos wie nie zuvor präsentierten sich die Russen in Salt Lake City. Ein Sofortprogramm zur Entwicklung des Sports, finanzielle Unterstützung und 1000 neue Stadien und Sportanlagen hatte Präsident Wladimir Putin daraufhin angekündigt. Zwei Jahre später ist davon noch wenig zu sehen.

Zumindest die Funktionäre wagen vor den Spielen in Athen wieder optimistische Prognosen. "Für uns liegen 37 Goldmedaillen drin. Damit könnten wir die Besten bei Olympia werden" schwärmt der Projektleiter Athen-2004, Anatoli Kolesow. Wie zu den Zeiten des Kalten Krieges träumen manche Russen davon, endlich die Amerikaner wieder hinter sich zu lassen.

Trainingszentren vermodern

Wer in Russland Erlebnisberichte über den Zustand der Trainingszentren liest, fragt sich allerdings, wie dieses hohe Ziel erreicht werden soll. Noch verwunderlicher ist es, dass das Land in der Sportgymnastik, Leichtathletik, im Fechten und auch im Schwimmen noch immer zur Weltspitze gehört. In einer elitären Einzelsportart wie dem Tennis streben die russischen Damen um Maria Scharapowa und Anastasia Myskina gleich im Dutzend an die Weltspitze.

Im größten Land der Erde existieren nach Medienberichten insgesamt noch sechs föderale Leistungszentren, die allesamt zu Sowjetzeiten gebaut wurden und von denen kein einziges modernisiert ist. "In einigen Leistungszentren sind noch nicht einmal die notwendigsten Reparaturarbeiten durchgeführt worden", schreibt das Politikjournal "Profil" in seinem skeptischen Ausblick auf Athen.

Hoffen auf 30 Goldmedaillen

Viele russische Weltstars wie der Schwimmer Alexander Popow trainieren seit Jahren im Ausland. Doch die allermeisten Spitzensportler sind ihrer Heimat treu geblieben. Die Turnerin Swetlana Schorkina, der Turner Alexej Nemow, der Fechter Pawel Kolobkow sowie fast alle Leichtathleten leben und trainieren weiterhin in Russland.

Den Medaillen-Optimismus der Sportfunktionäre teilen viele russische Fachjournalisten nicht. "Es wäre schon ein großer Erfolg, wenn wir auf 30 Goldmedaillen kommen", wird in der Tageszeitung "Sport-Express" prognostiziert. Auf den Nachwuchs setzt man in Russland die wenigsten Hoffnungen. "Olympisches Gold werden jene Sportler holen, deren Ausbildung noch die Sowjetunion finanziert hatte", schreibt die Journalistin Maria Barinowa.

Mit nüchternen Zahlen lässt sich aufzeigen, wie weit der russische Sport ins Hintertreffen zu geraten droht. Während sich in den USA nach Presseberichten 4750 Bürger ein öffentliches Schwimmbad teilen müssen, kommt in Russland ein Schwimmbad auf 107 000 Menschen. Die Sportwissenschaft liegt am Boden, es fehlt das Geld für qualifizierte Trainer.

Wer als Spitzensportler in Russland nicht von der Teilnahme an westlichen Turnieren oder von der Werbung leben kann, bekommt vom Staat nur einen Hungerlohn. Das durchschnittliche Entgelt für Sportler in wenig prestigeträchtigen Disziplinen betrage im Durchschnitt 170 Euro monatlich, sagt Leila Pokrowskaja von der Staatsbehörde für Leistungssport.

Zumindest bei den Preisgeldern liegen die Russen international gut im Rennen. Immerhin 50 000 Dollar (40 000 Euro) bekommt ein russischer Goldmedaillengewinner von oberster Stelle. Die gleiche Summe wird auch für den Trainer fällig. Sollten jedoch die Pessimisten Recht behalten, braucht Wladimir Putin bei den Spielen in Athen nicht allzu tief in die Staatskasse zu greifen.

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