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Gold-Drama: Ein Wechselbad der Gefühle

Dem Triumph folgte die Depression: Wohl noch nie in der Geschichte Olympischer Spiele mussten Sportler ein derartiges Wechselbad zwischen Olympiasieg, Aberkennung, Rückgabe und erneuter Aberkennung der Goldmedaille mitmachen müssen wie die deutschen Vielseitigkeitsreiter.

Die Entwicklung im Streit um die Goldmedaillen seit Mittwoch in einer Chronologie:

Die Überraschung:

Durch einen fehlerfreien Ritt von Bettina Hoy gewinnen die deutschen Vielseitigkeitsreiter völlig unerwartet die dritte olympische Goldmedaille seit 1936 und 1988. Im ersten Jubel ahnt keiner, dass die nächsten Stunden zum Krimi werden.

Erste Zweifel: Gerüchte kommen auf, dass gegen die Wertung ein Protest läuft. Wild diskutierend und gestikulierend laufen die Deutschen über den Platz. Die Rede ist von zwölf Strafpunkten und einem französischem Protest - beides stellt sich später als falsch heraus.

Der Schock:

Die Ground Jury verhängt 14 Strafpunkte gegen Bettina Hoy. Dadurch fällt Deutschland auf Rang vier hinter Frankreich, Großbritannien und die USA zurück. Auch das mögliche Gold im Einzel ist nun unwahrscheinlich.

Die Wende:

In Windeseile schreiben die Verantwortlichen des deutschen Verbandes einen Protest, nur 30 Minuten bleiben dafür. Mit Erfolg - das Schiedsgerichtsgericht des Weltverbandes FEI überstimmt die Richter. Damit sind die deutschen Vielseitigkeits-Reiter doch Olympiasieger.

Der Triumph:

Bettina Hoy reitet als Zweite ins Einzelfinale, hat einen Abwurf und zwei Zeitfehler. Der Franzose Nicolas Touzaint startet als Letzter, darf sich zwei Abwürfe leisten. Doch die Stangen purzeln, er sammelt 19 Strafpunkte. Kurz danach reißt Bettina Hoy die Arme in die Höhe, zwei Goldmedaillen hängen um ihren Hals. Das Wechselbad der Gefühle wandelt sich in ein Meer von Freuden-Tränen.

Der Eklat:

Vor der Siegerehrung will Hoy Touzaint trösten und zu Team-Silber gratulieren, doch der Franzosen wendet sich ab. Später verweigern auch die anderen französischen Reiter den Handschlag und drehen ihr den Rücken zu.

Das Nachspiel:

Frankreich, Großbritannien und die USA beraten am Donnerstag ein zweites Mal und beschließen, die deutschen Siege vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) anzufechten.

Die Anhörung:

In einer zweistündigen Anhörung wird am Freitag vor dem CAS der Fall verhandelt. Nach der Sitzung gibt sich der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Jürgen Thumann, bedeckt: «Das Gericht hat sich alles angehört, mehr nicht. Es ist alles möglich.» Die Entscheidung wird für den kommenden Tag angekündigt.

Das Finale:

Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben ihre beiden Goldmedaillen durch die endgültig CAS-Entscheidung verloren. Nach Ansicht des Gremiums war der deutsche Protest beim FEI-Gericht nicht zulässig. Bettina Hoy und Kollegen sind die tragischen Figuren der Spiele von Athen.

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