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Olympische Kulturen: "Ohne Hejab kann ich nicht laufen"

Aerodynamisch sah das Gewand nicht aus, mit dem Rokia Al Gassra zum olympischen 100-Meter-Vorlauf antrat. Die 21-jährige Leichtathletin aus Bahrain lief mit dem traditionellen Hejab, der nach islamischer Sitte den ganzen Körper der Frau bedecken muss.

Aerodynamisch sah das Gewand nicht aus, mit dem Rokia Al Gassra zum olympischen 100-Meter-Vorlauf antrat. Immerhin lief die 21-jährige Leichtathletin aus Bahrain mit dem traditionellen Hejab, der nach islamischer Sitte den ganzen Körper der Frau bedecken muss, am Freitag 11,49 Sekunden und wurde Fünfte - vor Läuferinnen aus Zimbabwe, Mikronesien und Kuwait. Am längsten brauchte für den Sprint Fatun Abukar Omar aus Somalia, die 14,29 Sek. unterwegs war. So etwas gibt es nur bei Olympischen Spielen.

"Mehr Arabarinnen"

"Es sollten viel mehr Athletinnen aus der arabischen Welt an Olympia teilnehmen", sagte Al Gassra nach ihrem Debüt. In Athen war sie zwar nicht die Schnellste, in ihrer Heimat läuft die zierliche Sportlerin aber so manchem Mann davon. Auf die Frage, ob dies stimme, hauchte Al Gassra nur ein "Ja" und lächelte.

"Ohne Hejab kann ich nicht laufen"

Dabei würde sie ihren Hejab, aus dem nur das Gesicht heraus schaut, aber nie ablegen. "Das ist die Grundlage des Islam, eine alte Tradition. Ohne Hejab kann ich nicht laufen", sagte die Läuferin, die erst mit 17 Jahren in der Schule mit dem Sport begann. Möglicherweise wird ihr der Sportartikelhersteller "Nike" nun etwas Bequemeres, keineswegs aber Anzügliches schneidern. "Es gibt Gespräche", hieß es in einer Mitteilung der bahrainischen Sportführung.

Überwältigt war auch die Irakerin Alaa Jassim von ihrem Auftritt, der für sie 12,70 Sekunden dauerte. "Es ist eine große Ehre für mich, bei Olympischen Spielen dabei zu sein", sagte die aus dem immer noch vom Bombenterror erschütterten Land. "Ich bin hier, um das irakische Volk zu repräsentieren, nicht nur die Frauen."

Mit dem Training für Athen hat sie erst im März begonnen. "Vorher habe ich keinen Sport getrieben, das war bei uns nicht möglich", erklärte Alaa Jassim. Vor Olympia hat sie aber so intensiv wie möglich trainiert. "Wenn es ging, habe ich fünf bis sechs Mal die Woche trainiert. Doch oft konnte ich es nicht, weil Bomben fielen und es Explosionen gab." Wenngleich Jassim keinen Triumph feierte, konnte sie sich doch über einen kleinen Sieg freuen: «Ich habe nur daran gedacht, die Ziellinie zu erreichen. Und ich habe es in persönlicher Bestzeit geschafft.»

Als erste Frau aus Afghanistan durfte Robina Muqimyar an den Spielen teilnehmen - allerdings in langer Hose. Die 17 Jahre alte Sprinterin lief den Vorlauf damit in 14,14 Sekunden, was aber keine Rolle spielt. Ihre Teilnahme ist ein weiteres Zeichen der Normalisierung in ihrem Land, aus dem sie während der brutalen Taliban-Herrschaft flüchtete. Danach lebte sie jahrelang in Palästina. Ihre Angst, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden, nahm ihr Fahim Yusufzai, der olympische Botschafter Afghanistans: "Sie hat mich gefragt: Was ist, wenn ich verliere? Und ich habe geantwortet: Egal - dabei sein ist alles."

Andreas Schirmer, DPA / DPA

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