Schwimm-Rekorde "Wie ist das möglich ohne Doping?"

Weltrekorde wie am Fließband: Die Leistungen der olympischen Schwimmer um Superstar Michael Phelps machen skeptisch. Sportler und Experten diskutieren kontrovers: Schwimmlegende Michael Groß verteidigt Phelps' Rekordjagd, Hochsprung-Olympiasiegerin Heike Henkel indes kann sich seine Leistung ohne Doping kaum erklären.

Die Weltrekordflut bei den olympischen Schwimm-Wettkämpfen in Peking mit dem schon sechsfachen Goldmedaillen-Gewinner Michael Phelps an der Spitze haben eine Kontroverse über Doping-Spekulationen ausgelöst. Während der dreimalige Olympiasieger Michael Groß vor einer Vorverurteilung der herausragenden Leistungen des Amerikaners warnt, beobachtet Hochsprung-Olympiasiegerin Heike Henkel die Großtaten von Phelps mit "gemischten Gefühlen". Auch der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer ist skeptisch. "Es würde mich nicht wundern, wenn im Nachhinein noch unerlaubte Mittel entdeckt würden", sagt der Spezialist.

Laut Schänzer könne man angesichts der Flut von 21 Welt- und 24 Europarekorden im "Wasserwürfel" von Peking den Missbrauch von illegalen Mitteln nicht ausschließen. "Gewisse leistungsfördernde Mittel wie Insulin oder Fremdblut-Doping können momentan nicht entdeckt werden", berichtete Schänzer. Das IOC hatte angekündigt, alle 4500 Doping-Proben der Pekinger Spiele für einen Zeitraum von bis zu acht Jahren einzufrieren und mit neuen Analysetechniken auch nachträglich zu prüfen.

Michael Groß verteidigt Phelps' Leistungen

Der einstige deutsche Schwimm-Star Michael Groß sieht dagegen in den außergewöhnlichen Leistungen in Peking keinen Grund für einen Generalverdacht. "Ich würde mir verbitten zu sagen, das geht nur mit Doping", sagte er im Interview mit dem "Deutschlandradio Kultur". Wenn das so wäre, "müssten wir die Spiele einstellen und sie 'Olympischen Zirkus' nennen". Hinter den extremen Leistungen stehe vor allem die starke Professionalisierung des Sports. Das habe zunächst einmal nichts mit Doping zu tun, meinte Groß. der lange Oberkörper von Michael Phelps, sein extremer Beinschlag sowie die Technik der Startsprünge und Wenden seien die halbe Miete des Erfolgs, glaubt der einstige Weltklasse-Schwimmer: "Er benutzt seinen Armzug wie eine Wand, um sich daran hochzuziehen. Da ist tierisch Power dahinter, die seine Leistungs-Dimension erklärt."

Bereits seit dem 15. Lebensjahr schwimme der Amerikaner auf extrem hohem Niveau. Seine Entwicklungs-Kurve sei nachvollziehbar und relativ normal. "Das Einzige was mich beeindruckt und erstaunt, ist dieses extrem hohe Leistungsniveau mehrfach hintereinander. Das ist schon fast unmenschlich", äußerte Groß. "Vielleicht wäre es für ihn mal gut, wenn er ein Rennen verliert, um zu zeigen, dass er kein Übermensch ist."

"Wenn ich die Zeiten sehe, werde ich skeptisch"

Einen solchen Persilschein mag die frühere Hochspringerin Heike Henkel Schwimmstar Phelps nicht ausstellen. "Wenn ich die Zeiten sehe, werde ich skeptisch. Da frage ich mich schon: Wie ist das möglich ohne unterstützende Mittel?", sagte die Olympiasiegerin von 1992 "Zeit online". "Dass er nur wegen seines speziellen Schwimm-Anzugs so schnell schwimmt, kann ich mir nicht vorstellen." Sie verstehe, wenn gegen Sportler ein Generalverdacht besteht und könne "nachvollziehen, dass ein Großteil des Publikums den Glauben verloren hat".

Unterdessen wurden bei den Peking-Spielen zwei weitere Doping- Fälle bekanntgemacht: Der zweifache Medaillengewinner Kim Jong-Su und die Turnerin Thi Ngan Thuong aus Vietnam sind positiv getestet worden. Der Schütze aus Nordkorea ist der Einnahme des verbotenen Betablockers Propranolol überführt und nachträglich disqualifiziert worden. Er müsse seine Silbermedaille aus dem Wettbewerb mit der Freien Pistole und das Luftpistolen-Bronze zurückgeben, teilte Giselle Davies, Sprecherin des Internationale Olympischen Komitees (IOC), mit. Bei Thi Ngan Thuong Do wurden Spuren des Diuretikums Furosemid gefunden.

Bisher wenig positive Tests bei den Spielen

Bisher hat das IOC 2203 Tests in der chinesischen Hauptstadt durchgeführt. Die niedrige Zahl der positiven Proben sei eine Folge des "erhöhten Bewusstseins bei den Athleten, dass Doping inakzeptabel" sei, betonte Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des IOC. Die Zahlen seien auf jeden Fall "sehr ermutigend". Zuvor war unter der IOC-Hoheit bereits die spanische Radfahrerin Maria Isabel Moreno mit dem Blutdopingmittel Epo erwischt worden.

Andreas Schirmer, Sven Busch/DPA DPA

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