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Olympia im TV: Miesepeter unter sich

Olympia ist das Fest der Völker, noch mehr jedoch ist es das Fest der Experten. ARD und ZDF bieten für die insgesamt etwa 300 Stunden Fernsehübertragung aus Peking ihre Crème de la Crème des sportlichen Fachwissens auf. Leider nicht immer zur Freude der Zuschauer. Eine TV-Bilanz des ersten Olympia-Wochenendes.

Von Mark Stöhr

Warum nicht mal Dressurreiten gucken Sonntagmorgens um halb sechs? Der Kater nach der Wochenendtour meldet sich noch früh genug, da kommen Ross und Reiter in China gerade recht. Der Kommentator sieht große Probleme auf dem Dressurplatz. "Dieser Walach ist völlig verspannt", sagt er, die "Piaffe" sei zu unpräzise, die "Traverse" völlig verunglückt.

Was könnte er damit meinen? Dass das Pferd nicht geradeaus läuft, sondern komisch schräg zur Seite, als leide es an Rinderwahn? Man weiß es nicht. Schon bei der Barrenkür unserer Gold-Hoffnung Fabian Hambüchen am Tag davor hieß es aus dem Off nicht weniger kryptisch: "Adler mit halber Drehung in den Markelov, dann den Tkatchev gestreckt und gegrätscht, Ribalko, Abgang im Doppelsalto gebückt." Agenten unterhielten sich wohl so miteinander zu Zeiten des Kalten Krieges, wenn eine Wanze unterm Tisch klebte.

Olympia ist das Fest der Völker, noch mehr jedoch ist es das Fest der Experten. ARD und ZDF bieten für die insgesamt etwa 300 Stunden Fernsehübertragung aus Peking ihre Crème de la Crème des sportlichen Fachwissens auf. Die ganzen Namenlosen, die mit ihren Randsportarten sonst im Programmexil versteckt werden. Sie heißen Carsten Sostmeier und Florian Naß bei der ARD oder Peter Leissl und Michael Pfeffer beim ZDF und haben richtig Ahnung. Die prominenten Kommentatoren wie Béla Réthy und Wolf-Dieter Poschmann übernehmen Disziplinen, bei denen man nicht wirklich etwas falsch machen kann, wie Fußball, Schwimmen oder Leichtathletik. Und die Showstars Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner, die vor lauter Prominenz Reck und Barren nicht mehr auseinanderhalten können, wurden gleich ins Studio verfrachtet. Beckmann darf im Ersten die Zusammenfassungen der kundigen Kollegen anmoderieren, Kerner im Zweiten den deutschen Medaillengewinnern die Hand schütteln. Jeder das, was er kann - nicht zum Schaden der Zuschauer.

Es war ein schwieriger Beginn für die Öffentlich-Rechtlichen am ersten Olympia-Wochenende. Das extreme Pekinger Klima - erst sirrende Hitze, dann sintflutartige Regenfälle - machte nicht nur den Sportlern zu schaffen. Monica Lierhaus, die am Samstag zusammen mit Michael Antwerpes durchs ARD-Programm führte, hatte derart dicke Augenringe, dass man dahinter nur starkes Heimweh oder eine defekte Klimaanlage im Hotel vermuten konnte. Rudi Cerne, ihr Pendant beim ZDF, wurde mit jeder Stunde seiner Schicht noch bleicher und unkonzentrierter und schleppte sich wie ein dehydrierter Marathonläufer über die Ziellinie. China ist nicht Köln, Mainz oder Wien, die Olympiade keine Fußballeuropameisterschaft: So könnte die Fernsehbilanz der ersten Tage lauten.

Denn die Stimmung war alles andere als euphorisch. Die Zuschauerränge in den Sportstätten waren nur halb gefüllt, die deutschen Olympioniken machten vor allem durch sportliche Misserfolge von sich reden. Sonja Pfeilschifter, "die beste Luftgewehrschützin der Welt", wie es zu Wettbewerbsbeginn vollmundig hieß, wurde von einer plötzlichen Sehschwäche befallen. Radrennfahrer Stefan Schuhmacher stieg in der Mitte des Rennens "völlig fertig" vom Sattel, während ein belgischer Kollege sich bis kurz vor Schluss in der Spitzengruppe tummelte - "der war bei der Tour de France dreimal Letzter", merkte Kommentator Florian Naß süffisant an. Und das deutsche Schwimmteam, eine der wenigen Medaillenhoffnungen in einer populären Disziplin, soff auf ganzer Linie ab. Da fiel dann auch die Freude über die Bronzemedaille zweier Synchronspringerinnen eher mäßig aus. Kerner sprach in den "ZDF-Olympia-Highlights" gestern Abend von einer "ganz großen Geschichte" und brauchte dazu fast seinen Spickzettel. Er war ohnehin schon gut bedient, weil ihm der Regen den großen Auftritt auf einer pagodenähnlichen Außenbühne vermasselt hatte. Das ZDF musste bei den "freundlichen Kollegen der ARD" Unterschlupf suchen. Eine verdiente Strafe für die Eventsucht des Zweiten.

Wenn schon die deutschen Sportler wenig positiven Gesprächsstoff lieferten, dann sollten es die Gastgeber auch nicht. So viel Miesepetrigkeit musste erlaubt sein. Den Chinesen wurde einiges angekreidet: die hohe Luftfeuchtigkeit, der Smog, die Algen in der Regattabahn, der Verstoß gegen die Menschenrechte. Vor allem aber der Erfolg. Beckmann raunte etwas von "Staatsdoping" und "2000 einkasernierten chinesischen Sportlern" im Vorfeld. Wer kann schon wissen, was dort hinter den stacheldrahtbewehrten Zäunen passiert ist? Immerhin wusste er ganz genau, wie "der Chinese" so drauf ist: "Er geht manchmal im Pyjama spazieren und findet nichts dabei. Und er schläft in allen Lebenslagen." Leider nicht am Schießstand und auf der Judomatte. China ist im Medaillenspieler erster, Deutschland nur 23. Man sollte eine UNO-Sondersitzung einberufen.

Dass die öffentlich-rechtliche Berichterstattung nicht komplett in Selbstmitleid versank, war allein Waldemar Hartmann und Harald Schmidt zu verdanken. Sie machten die ARD zum klaren Punktsieger am Wochenende. In "Waldi und Harry" wurde alles das pointiert auf die Schippe genommen, was vorher Anlass zur Klage gegeben hatte. Stefan Schuhmacher musste vor laufender Kamera bei seiner Mutter in Nürtingen anrufen und lieferte ein schönes Beispiel eines Mutter-Sohn-Dialogs. Mutter: "Wie geht‘s?" - Schuhmacher: "Ging schon besser." Dass Mutter Schuhmacher und Harald Schmidt zusammen in die Grundschule gegangen waren, machte die Absurdität komplett. Mutter Schuhmacher: "I hab ein Foto, wo du mit der Susi aufm Fahrrad sitzsch." Man hätte es gerne gesehen. Und auch zum Thema chinesische Mentalität fand Schmidt die passende Antwort: Er ließ sich in einer Pekinger Massageklinik durchkneten und lästerte gekonnt über die "deutsche Krankenkassen-Medizin". Sein Fazit nach einer Kur mit Saugknöpfen, die ihm den ganzen Zivilisationsschmutz aus dem Körper zogen: "In Deutschland ist das anders. Da rammt einem ein Selbstausgebildeter Stecknadeln in den Rücken."

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