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Turnen: Machtkampf um Hambüchen

Riesen-Ärger im Deutschen Turner-Bund. Im Mittelpunkt: Sportdirektor Wolfgang Willam, der sich abfällig über die Leistungen Fabian Hambüchens geäußert hatte. Hambüchen selbst reagierte geschockt auf die Aussagen, sein Vater Wolfgang stand kurz vor einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Der Bruch zwischen Hambüchen und dem Verband ist nur schwer zu kitten.

Von Jens Fischer, Peking

Fabian Hambüchen sollte der deutsche Star der Olympischen Spiele werden. Gold am Reck - das war das große Ziel, mit dem er nach Peking gereist war. Die Erwartungshaltung von Seiten der Öffentlichkeit war riesig, geblieben ist mit Ach und Krach eine Bronzemedaille. "Ich war zu sehr auf Gold fixiert. Das war nicht meine Woche, das waren nicht meine Olympischen Spiele", sagte Hambüchen nach dem Wettkampf an seinem Lieblingsgerät frustriert.

Das Unglück nahm schon früh seinen Lauf: Bereits beim Mannschaftswettkampf patzte Hambüchen. Bei seiner Reckübung, die er im Vorfeld der Spiele wie im Schlaf beherrschte, griff er bei einem eigentlich einfachen Übungsteil, dem Adler mit ganzer Drehung, daneben. Bronze futsch, es blieb nur Blech für die deutsche Riege.

Auch in seinem Einzelwettkampf am Reck hielt Hambüchen dem Druck nicht stand. Mit der Vorgabe, die schwerste Übung der Reck-Geschichte turnen zu wollen, wirkte er fahrig und nervös. Er machte leichte Fehler und saß bei der Notenvergabe mit Tränen in den Augen auf der Bank. Gold war weg, es waren wirklich nicht die Spiele des Fabian Hambüchen.

Wenige Tage später beginnt der Skandal. Im Mittelpunkt: Wolfgang Willam, Sportdirektor des Deutschen Turner-Bundes. "Ich bin heilfroh über Bronze. Denn seit langem war klar, dass Fabian nicht in der Form war, die für einen Olympiasieg nötig gewesen wäre", erzählte er freimütig in einem Interview. "Das habe man nicht publik gemacht, um den Jungen nicht zusätzlich zu verunsichern".

Aussagen, die Hambüchen auf die Palme bringen. "Ich war geschockt. Nach Bronze hatte er mir noch fröhlich gratuliert", reagiert er erzürnt in einer Fernsehsendung. "Ich war in Superform, noch nie so gut drauf. Ich hatte die meisten Finals und damit das härteste Programm. Psychisch und physisch war ich super drauf." Aussagen, die Willam im Regen stehen lassen und einen Machtkampf zwischen Hambüchen und dem Deutschen Turnerbund provozieren.

Auch Hambüchens Vater und Trainer Wolfgang kann den Sportdirektor Willam nicht verstehen.

Kolportiert wird folgende Geschichte: Vater Hambüchen stellt Willam beim Frühstück im olympischen Dorf zur Rede, will wissen, was der verbale Angriff auf seinen Sohn zu bedeuten habe: "Ich habe ihn rüde angemacht und ihn gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank habe." Dessen Reaktion spricht Bände: "Wer bist du eigentlich, der es wagen kann, mich hier so anzumachen?". Starker Tobak, der verdeutlicht, wie groß der Ärger im deutschen Turner-Team nach Hambüchens Olympia-Enttäuschung ist.

Für Hambüchens Vater sind die Konsequenzen des Vorfalls klar: Sportdirektor Willam muss zurücktreten. "Der muss weg" - eindeutiger kann man es nicht formulieren. Nach diesen Aussagen ist es kaum vorstellbar, dass die Hambüchens und Sportdirektor Willam in Zukunft eine gemeinsame Basis finden werden.

Hambüchens Manager Klaus Kärcher gießt derweil weiter Öl ins Feuer:

"Über das weitere Vorgehen werden wir jetzt in Ruhe zu Hause beraten und dann an die Öffentlichkeit gehen", ließ er mitteilen. Klar ist: Die Hambüchens sind in einer starken Position, ohne das Aushängeschild wäre Turnen in Deutschland nur die Hälfte wert. Das weiß auch Willam - und versucht jetzt seine Aussagen schnellstens zu relativieren: "Ich habe meine Einschätzung nicht auf das Reck, sondern auf seine Gesamtform bezogen. An verschiedenen Geräten hat er in Peking Zehntel liegen lassen. Am Reck aber habe ich ihm durchaus zugetraut, dass er gewinnen kann". Hört sich gleich anders an - wird seine Gegner aber nicht so schnell beruhigen.

Der Machtkampf um das deutsche Turn-Idol ist eröffnet. Schwer vorstellbar, dass ihn der Sportdirektor Willam überlebt. Dafür ist Fabian Hambüchen einfach zu wichtig für den deutschen Turn-Sport.

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