Ertls Olympia-Tagebuch Der Sieger in der "Toilettenschüssel"


Der Schweizer Abfahrts-Sieger Didier Défago machte sich hervorragend in der "Toilettenschüssel". Das titelt zumindest eine Schweizer Zeitung. Hat der Olympiassieger vor Freude etwa zu viel gefeiert? stern.de-Kolumnistin Martina Ertl versucht das Schwyzer-Dütsche zu ergründen und macht eine interessante Entdeckung.

Zum Frühstück gönne ich mir eine Schweizer Zeitung. Die Meldung zum ersten Schweizer Herren-Abfahrtssieg nach 22 Jahren wird da wohl am emotionalsten dargestellt sein. Ich stutze. Die Überschrift: " Morgins steht Kopf, Defago kommt am besten durch die "Toilettenschüssel" ! Erschrocken lege ich die Zeitung erstmal schnell weg. Ich habe zwar noch immer einen Schweizer Fanclub, aber die letzten Feinheiten des Schwyzer Dütsch sind auch mir offensichtlich verborgen geblieben.

Hatte sich Defago vor dem Abfahrtssieg erstmal in Siegerlaune getrunken und war ihm darauf am nächsten Morgen noch etwas schlecht, oder hat das gesamte Starterfeld vor dem Wettkampf gefeiert und Defago war damit am besten zurecht gekommen?

Schwyzer-Dütsche Wort-Kreationen

Irgendwie passt das Thema nicht so recht zu meinem Frühstück, aber mein Drang zum Ergründen letzter Wahrheiten ist stark, so dass ich doch den Vorsitzenden des Schweizer Martina-Ertl-Fanclubs telefonisch um Aufklärung bitte, die ich dann für den ersten Teilsatz der Meldung auch bekomme. Didier Defago kommt also aus einem wallischen Skidörfchen namens Morgins. Bleibt allerdings noch die Sache mit der Toilettenschüssel- vielleicht eine wallisische Redensart unter den Skiburschen, die ausdrücken soll, dass er seine Sache sehr gut gemacht hat ?

Ich erinnere mich an meine Abfahrten und suche Parallelen: Ja, natürlich wurde es mir bei der einen oder anderen Pistenführung auch mal etwas mulmig, aber so richtig schlecht war mir eigentlich nie. Defago, trotz Gold ein kleines Weichei?

Auch Maria Riesch kennt die "Toilettenschüssel"

Ich lege die Angelegenheit erstmal ad acta und widme mich einem Telefonat mit Maria Riesch. Sie beklagt sich, dass die Damen ein zweigeteiltes Abfahrtstraining hatten, bei dem nur Teilabschnitte befahren werden konnten- vor dem Männerwettkampf die obere Teilstrecke, nach dem Wettkampf die untere Teilstrecke. Wie es denn gelaufen sei, erkundige ich mich höflich. Die Antwort paralysiert mich. Mit Wiesel und Fallaway wäre sie gut zurecht gekommen, für Murr's Hopp wäre auf Grund der Streckenteilung zu wenig Geschwindigkeit da gewesen und die Toilettenschüssel hätte sie sauber durchfahren.

Ich habe schon oft von Marias Sauberkeitswahn und Ordnungssinn gehört, auch haben wir ein gewisses Näheverhältnis, aber beim besten Willen, nein, das ist zuviel, ich verlange jetzt wirklich eine Erklärung von ihr- auch vor dem Hintergrund der Geschichte mit Defago. Maria liefert mir die Aufklärung.

Ich hätte nie gedacht, dass es für das Skiexpertentum äußerst bedeutsam sein könnte, die extrem kreativen Sprachschöpfungen zu verinnerlichen, mit denen die Architekten von Skipisten einzelne Streckenabschnitte zu bezeichnen pflegen. Aber dem Schwyzer-Dütsch hätte ich die Wortschöpfung auch zugetraut.

Viele Grüße, Martina Ertl


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