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Olympia in Kanada: Ein Land entdeckt seinen Patriotismus

Eigentlich sind die Kanadier ein eher zurückhaltendes Volk. Die Olympischen Spiele sind da für das gesamte Volk eine neue Erfahrung. Man berauscht sich plötzlich vergnügt an allem in Rot und Weiß. Und auch ein bisschen an sich selbst.

Von Mathias Schneider, Vancouver

Da ist zum Beispiel Noah Wallace, 38. Noah Wallace arbeitet als Manager in einem Sportgeschäft in Kitsilano, einem Vorort Vancouvers, eine Viertelstunde ist es von hier mit dem Bus bis zur Innenstadt. Man spürt eigentlich nicht viel von Olympia hier draußen, zumindest nicht am Morgen. Noch immer joggen die Menschen mit Kopfhörern am Wasser des Burrad Inlet entlang.

Auch Wallace rennt weiter regelmäßig mit seiner Laufgruppe nach der Arbeit, er ist keiner, der leicht dem kollektiven Taumel von Großereignissen erliegt. Wenn man ihm allerdings nach gut einer Woche Olympia über den Weg läuft, ziert plötzlich eine kleine kanadische Flagge die rechte Wange, er trägt sie den ganzen Tag. "Man will die Sache ja auch ein bisschen unterstützen" sagt er. Die Sache, das sind die Olympischen Spiele in seinem Land. In Kanada.

Ganz Kanada feiert in Rot-Weiß

Wer derzeit durch Vancouver schlendert, die Robson Street hinauf und hinunter, vorbei an Souvenirständen, der taucht ein in ein Volk in Rot und Weiß. Eishockey-Jerseys wohin das Auge reicht. Die Menschen sind regelrecht aufgekratzt von diesen Olympischen Spielen, wie man das eigentlich eher von Teenagern bei der ersten Liebe kennt.

Ein Land entdeckt sich selbst. "Wir sind eigentlich kein besonders patriotisches Volk, nicht im klassischen Sinn", sagt Wallace. Er stammt selbst nicht von hier, sondern aus Ontario, ist dann aber in Vancouver hängen geblieben. Olympia, das sei plötzlich eine Angelegenheit für alle Kanadier in diesem riesigen Land, das durch die Sprache in zwei Hälften geteilt ist, in Francokanadier und jene mit der Amtssprache Englisch.

Wie ein Schneeball der Euphorie

Beinahe möchte man meinen, man sei in einen riesigen Schneeball der Euphorie geraten, der gerade über die Metropole am Pazifik hinwegrollt. Noch zwei Tage vor den Spielen wirkten die Straßen der Stadt wie ausgestorben, dann erreichte die Olympische Fackel das Zentrum und mit ihr kam eine Freude, die sie selbst nicht Recht erklären können hier im liberalen Westen, wo man eher das Understatement schätzt.

Selbst dass die eigenen Athleten weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, stört nicht. Auch die Niederlage der geliebten Hockey-Nationalmannschaft gegen die Amerikaner tat dem Treiben keinen Abbruch. Der Rausch in den Arenen ging weiter. Man scheint sich fortwährend gegenseitig anzustecken mit seiner guten Laune, und natürlich erinnert das alles an den deutschen Sommer des Jahres 2006, als die Nation bei der Weltmeisterschaft ohne Vorwarnung eine Art vierwöchige Loveparade feierte.

"Diese Art Begeisterung ist eigentlich völlig unkanadisch"

Laura Moss, Direktorin für internationale kanadische Studien an der University von British Columbia nennt die neue Identifikation mit dem eigenen Land einen "strategischen Nationalismus." Das sei eine Art Wiederaufleben des kulturellen Nationalismus. Sie versteht darunter nicht eine kritiklose Verehrung vom allem, was nur rote und weiße Farbe an sich trage, sondern einen ganz gezielten Stolz auf kanadische Errungenschaften. Es geht bei diesem Patriotismus nicht um Machtdemonstration, sondern er ist eher als ein riesiges Fest zu verstehen, in dem jeder aus der Gemeinschaft Kraft und Identität zieht. Tatsächlich scheint gerade die junge Generation in Kanada regelrecht nach Zusammenhalt zu suchen. Am Samstagabend zogen 100.000 Jugendliche völlig aufgekratzt durch die Straßen, brüllten beseelt "Go, Kanada, go." Und schlossen sich unter einander immer wieder zu neuen Gruppen zusammen, wie eine wabernde Masse.

Vor dem offiziellen Laden für olympische Devotionalien in Downtown Vancouver bildet sich täglich eine Schlange von über 200 Metern, die sich mittlerweile über mehrere Blocks hinzieht. Allein ein Kapuzenpullover verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal, Tendenz rapide steigend. "Diese Art Begeisterung ist eigentlich völlig unkanadisch", sagt der Manager Wallace. Noch bei den Olympischen Spielen in Calgary sie die Veranstaltung eher mit distanzierter Gelassenheit begleitet worden. Wallace will jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass sein Land sich gerade dauerhaft verändere. "Dazu sind wir zu groß, zu weitläufig." Aber die Flagge auf der Backe, die bleibe zumindest mal bis Sonntag dort.

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