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Ex-Zehnkämpfer Hingsen Mehr Robert Hartings braucht das Land!


Ex-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen wundert sich nicht über das frühe Aus vieler deutscher Leichtathleten. Aber nicht die Sportler müssen umdenken, sondern Politik und Wirtschaft.

Herr Hingsen, wie gefällt Ihnen die Show vom Diskuswerfer Robert Harting? Nach seinem Olympiasieg hat er sich das Trikot zerrissen und einen kleinen Hürdenlauf im Stadion veranstaltet.

Ich finde Robert Harting klasse. Das ist ein echter Typ, der polarisiert. Manche halten ihn für einen Kasper, ich allerdings habe größten Respekt vor ihm. Der arme Kerl war kurz vor dem Burn-out, er hat schwere Verletzungen durchgestanden und sich selbst enormen Druck gemacht vor London. Und dann haut der so ein Ding raus und wird Olympiasieger. Wahnsinn! Die deutsche Leichtathletik braucht Helden wie ihn.

Warum?

Anstelle des Deutschen Leichtathletikverbandes würde ich Harting durch die Schulen schicken. Harting soll einfach nur seine Geschichte erzählen. Ich versichere Ihnen: Wir würden auf einen Schlag viele Kinder für die Leichtathletik begeistern.

Der Schulsport nimmt in den Nachwuchsprogrammen vieler Länder eine wichtige Stellung ein. Hier findet die Sichtung von Talenten statt, die dann in Kooperation mit Vereinen gefördert werden. Wie ist es Ihrer Meinung nach in Deutschland um den Schulsport bestellt?

Katastrophal. Viele Hallen sind marode, die Infrastruktur liegt darnieder, das ist ein großes Versagen der Politik. Unter einer Bildungsoffensive verstehe ich auch Investitionen in den Sport, auch Sport ist ein Kulturgut. Wir müssen richtig Geld in die Hand nehmen, wenn wir nicht noch weiter im Medaillenspiegel abschmieren wollen.

Nur die Politik soll schuld sein?

Die Wirtschaft ist auch aufgerufen, einen Schulterschluss mit dem Sport zu üben. Wir müssen Anreize schaffen, dass jungen Athleten früh eine berufliche Perspektive geboten wird. Talente müssen ohne Zukunftsangst ihren Sport machen können. Darin liegt für mich der Schlüssel für zukünftige Erfolge in der deutschen Leichtathletik.

In den achtziger Jahren haben Sie Erfolge für die Leichtathletik eingefahren, einige Weltrekorde im Zehnkampf aufgestellt. Berühmt geworden sind Sie allerdings durch ihre beinharten Duelle mit Daley Thompson. Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem alten Rivalen?

Wir verstehen uns mittlerweile sehr gut. Ich werde Daley hier bei den Sommerspielen in London treffen. Er hat mir am Telefon gesagt, dass er am liebsten nochmal im Zehnkampf gegen mich antreten würde.

Und? Nehmen Sie die Herausforderung an?

Nee, da muss ich Daley leider enttäuschen. Ich pack’ das körperlich nicht mehr. Ich hatte vor gar nicht langer Zeit eine schwere Verletzung am Bein. Im Quadrizeps sind mir drei Muskelstränge gerissen – Spätfolge einer Verletzung, die mich 1988 die Olympischen Spiele in Seoul gekostet haben. Ich bin damals angeschlagen an den Start gegangen und habe dann drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf hingelegt.

Thompson gegen Hingsen, das ist bis heute eines der größten Duelle in der Leichtathletik – auch abseits der Arena...

... ja, Daley hat damals versucht, mich zu provozieren und mich so aus dem Konzept zu bringen. Den englischen Zeitungen hat er erzählt, ich sähe aus wie Tom Selleck aus "Magnum" und sollte doch besser Filme drehen als Zehnkampf zu betreiben. So bin ich zu meinem Spitznamen "Hollywood-Hingsen" gekommen.

Haben Sie damals gelitten unter den Psychospielchen?

Ich fand das ziemlich albern. Ich bin irgendwann zu Daley gegangen und habe gesagt: Wir sitzen im selben Boot, wir müssen uns nicht bekriegen. Heute sehe ich das etwas anders. Wir haben den Menschen damals eine gute Show geboten; Sport ist ja auch Unterhaltung und nicht nur die Jagd nach neuen Rekorden.

Christian Ewers und Wigbert Löer

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