VG-Wort Pixel

London 2012 Der Chinese, der 60.000 Kilometer zu Olympia radelte


Ein chinesischer Bauer hatte sich vor Jahren geschworen, zu den nächsten Olympischen Spielen nach London zu fahren. Auf dem einzigen Fahrzeug, das er sich leisten konnte - einer Rikscha.

Er ist durch Kriegsgebiete gefahren, hat Hochwassern getrotzt, hohe Berge bezwungen und bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius durchgehalten. Sein Ziel sei es, so sagt er, "den olympischen Geist zu verbreiten". Der 57-jährige Chinese Chen Guanming ist mit seiner Rikscha rund 60.000 Kilometer geradelt, um rechtzeitig bei den Olympischen Spielen in London zu sein.

Zu der Reise sei er inspiriert worden, als der Londoner Bürgermeister die Olympische Flagge entgegenahm, sagte er dem britischen Sender BBC. Am 23. Mai 2010 habe er sein Zuhause verlassen und sei in zwei Jahren durch 16 verschiedene Länder geradelt, bis er am 9. Juli 2012 in der britischen Hauptstadt ankam. Ein Londoner entdeckte ihn demnach "völlig verloren und niedergeschlagen" in einer Straße im Westen der Stadt. "Erst dachte ich, es sei eine Touristen-Rikscha", wird John Beeston zitiert. "Aber dann sah ich mich noch einmal um." Chens dreirädriges Fahrzeug zieren Fotos von ihm vor internationalen Wahrzeichen und ein Banner, auf dem steht, dass er auf einer langen Reise sei.

Chen spricht kein Wort Englisch. Glück für ihn, dass sein Entdecker oft auf Geschäftsreisen in China weilt. "Ich bemühte mein begrenztes Mandarin und fragte, ob er Chinese sei", sagt Beeston: "Er strahlte vor Freude." Der Brite nahm ihn mit nach Londons Chinatown, wo Chen seine Geschichte erzählte und mit Bewunderung und Unterkunft-Angeboten überschüttet wurde. Er habe sich sogar eine jamaikanische Trainingsjacke gekauft, sagt Chen: "Sie konnten keine chinesische finden."

"Es ist, als sei ein Marsmensch gelandet"

Seine Geschichte klingt fantastisch, doch der Mann aus der Provinz Jiangsu im Osten Chinas kann Zeitungsartikel, Fotos, ein Buch mit Nachrichten aus aller Welt und einen Pass vorweisen. "Es ist, als ob man den Leuten erzählen würde, ein Marsmensch sei in ihrem Garten gelandet", sagt Beeston. "Aber was er getan hat, ähnelt den Taten Marco Polos - und die Italiener haben einen Flughafen nach dem Entdecker benannt."

In den ersten Ländern, die er bereiste - Malaysia, Thailand und Vietnam - habe er seine Kleider sieben oder acht Mal am Tag auswringen müssen, denn es sei etwa 38 Grad heiß gewesen. In Thailand habe eine Flut seine Reise aufgehalten. Bei seinem Versuch, Südostasien zu verlassen, hätten ihm Beamte in Burma ein Visum verweigert. Unbeirrt sei er umgekehrt und gen Tibet geradelt, wo er auf seinem getriebelosen Fahrzeug bis zu 7000 Meter hohe Berge erklommen habe. Nach der Durchquerung Pakistans, Afghanistans und des Iran sei er schließlich in der Türkei gelandet, wo Schnee fiel. Das Thermometer zeigte 30 Grad unter Null, und er habe vier Tage eingeschneit ausharren müssen.

"London ist besonders schön", sagt Chen. "Die Menschen sind mir gegenüber sehr freundlich und herzlich. Wenn ich zurückkehre, werde ich den Chinesen erzählen, wie zivilisiert die Engländer sind." Er wolle seine Botschaft von Frieden und Umweltschutz verbreiten und sei ein großer Fan der Olympischen Spiele. "Ich bin hierhergekommen, weil ich wollte, dass die ganze Welt die Spiele unterstützt und Teil von ihnen ist."

Chen bekam einen Ehrensitz bei der Abschlussfeier in Peking

Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking hatte Chen laut BBC einen persönlichen Kreuzzug gegen Umweltverschmutzung geführt. Nachdem Chinas Bewerbung erfolgreich war, sei er medienwirksam aus Peking in sein Dorf namens Erchen geradelt - über 90.000 Kilometer und durch 1764 Städte. Danach habe er drei Monate lang in der chinesischen Hauptstadt und dem Olympischen Park Müll gesammelt. Für seine Sammelaktion sei er von den Behörden mit einem Ehrensitz bei der Abschlussfeier belohnt worden.

Zur Abrundung seiner olympischen Reise möchte Chen nun auch bei der Eröffnungszeremonie in London dabei sein. Was immer auch geschieht - nach den Spielen in London radelt er nach Brasilien. Für die Sommerspiele in Rio, 2016.

jar/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker