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Paralympics in London: Der Sprinter und sein Navi

Matthias Schröder ist beinahe blind und sehr schnell. Bei den Paralympics in London gehört er zu den Medaillenhoffnungen. Er darf nur eines nicht: aus der Bahn geraten.

Von Tobias Ochsenbein

Die Sonne brennt auf die Leichtathletikbahn im Sportforum Berlin herunter. Matthias Schröder dreht gemeinsam mit seinem Guide Tobias Schneider zum Einlaufen ein paar Runden. Schröder ist gut gelaunt, leicht verschwitzt, das Gesicht braungebrannt von den zahlreichen Trainingseinheiten draußen. Die beiden setzen sich auf den Rasen, Schröder zeigt auf Schneider und sagt: "Tobias ist mein sehendes Auge."

Matthias Schröder, 29 Jahre alt, ist fast blind. Auf dem rechten Auge hat er noch ein Prozent Sehkraft, auf dem linken 0,8. Sein Sehzentrum ist defekt, er sieht noch ungefähr einen Meter weit, Linien und Konturen erkennt er bloß aus den Augenwinkeln. Aber Matthias Schröder ist Profisportler, Leichtathlet im Paralympischen Sportclub Berlin. Vor vier Jahren, bei den Paralympischen Spielen in Peking, lief er in der Zeit von 49,45 Sekunden über 400 Meter zu Gold. Sein erstes Olympiagold. Vor acht Jahren in Athen gewann er Silber und Bronze über 200 und 100 Meter. Bis zum Gewinn der Goldmedaille konnte Schröder mit seiner Restsehkraft die Begrenzungslinien der Bahn noch erkennen, schemenhaft zwar, aber er konnte sich daran orientieren, brauchte keinen Begleitläufer.

Bei den Paralympics, die vom 29. August bis zum 9. September in London ausgetragen werden, wird er nun das erste Mal in seiner olympischen Karriere mit einem Guide laufen. Er startet über 200 und 400 Meter und wird sich in zwei Vorläufen und dem Final jeweils gegen 20 Konkurrenten durchsetzen müssen. Startklasse T12, für Sportler mit einer Sehkraft bis zu 2,5 Prozent. Seine Erwartungen sind hoch, schließlich gilt es einen Titel zu verteidigen. "Ich weiß, dass die Konkurrenz nicht geschlafen hat. Aber auch ich bin nicht stehen geblieben. Wir erwarten schon eine Medaille, aber es muss nicht unbedingt die goldene sein." Um dieses Ziel zu erreichen, trainiert der Berliner sechsmal die Woche, sonntags ist frei.

Wie Russisches Roulette

Schröders Augenkrankheit befällt normalerweise Menschen, die über 50 Jahre alt sind. Bei ihm schlug sie eines Nachts im zarten Alter von gerade mal sechs Jahren zu. "Es hat geblitzt in meinen Augen, an mehr kann ich mich nicht erinnern." Die Ärzte sagten ihm später, dies sei der Moment gewesen, als seine Netzhaut riss. Schröders Körper produziert ein Eiweißprodukt nicht, das zum Überleben der Netzhaut notwendig ist. Eine Erbkrankheit, die äußerst selten auftritt. Auch seine Schwester hat sie, die beiden jüngeren Geschwister nicht. Die Krankheit überspringt jeweils eine Generation; sollte er einmal Kinder haben, wären sie davon nicht betroffen. Seine Enkel jedoch könnten es sein.

Anfangs konnte er noch eingeschränkt sehen, doch die Sehkraft nimmt seither ständig ab. Momentan stagniert die Erkrankung, die Sehkraft bleibt stabil. Bereits morgen kann alles anders sein. Er weiß nicht, ob und wann er sein Augenlicht für immer verliert. Seine Krankheit ist unberechenbar. "Es ist wie russisches Roulette: Ich mache morgens die Augen auf und entweder kann ich dann noch sehen, oder ich kann es nicht mehr." Schröder erzählt ruhig, ein bisschen zynisch gar. Er hat sich längst mit seinem Schicksal abgefunden. Auch damit, dass die Forschung kein Geld in die Entwicklung eines Medikamentes stecken will. "Es lohnt sich nicht für ältere Menschen und die verschwindend kleine Anzahl junger Kranken zu forschen, sagten mir die Ärzte."

Gemeinsamer Zieleinlauf

Matthias Schröder und sein Guide verlegen das Training nun in den Schatten: Rücken- und Bauchmuskulatur. Die beiden laufen jetzt gut zwei Jahre miteinander und sind ein eingespieltes Team. "Es braucht viel Erfahrung und Vertrauen zueinander, um als Team zu harmonieren", sagt Schröder zwischen zwei Sit-ups. "Mit Begleitläufer laufen ist immer mit Risiken verbunden, aber mit ihm fühle ich mich sicherer." Für Läufer mit Guide gelten strenge Regeln: Der Begleitläufer darf keinen Zentimeter vor dem eigentlichen Läufer laufen und höchstens 52 Zentimeter hinter ihm. Und das Wichtigste: Beide müssen gemeinsam ins Ziel einlaufen. "Es ist schwierig einen guten Guide zu finden. Und wenn man einen gefunden hat muss man schauen, ob die Zusammenarbeit funktioniert. Entweder klappt es, oder es klappt nicht."

Zu schnell

Schröder hatte, nach der Olympiade in Peking, als er noch ohne Guide lief, aber bereits wusste, dass er künftig einen brauchen würde, ein Luxusproblem: Er war zu schnell. Seine Bestzeit über 400 Meter liegt bei 49,29 Sekunden. Ein Begleitläufer muss noch ein wenig schneller sein, und diejenigen, die dieses Kriterium erfüllen, gehören zur deutschen Läuferspitze. "Die wollen nicht mit Behinderten laufen." Der Sportmanagement-Student Tobias Schneider wollte. Seither ist er ganz für Schröder da, zog sogar von Potsdam nach Berlin für ihn, damit die beiden täglich gemeinsam trainieren können. "Tobias ist ein strenger Trainingspartner, er guckt, korrigiert und gibt Anweisungen." Schneider ist Schröders Taktiker - und Rammbock. Im Zentimetermeterabstand läuft er rechts neben Schröder und schiebt ihn zurück auf dessen Bahn, sollte er zu nahe an die Linie seiner Laufbahn kommen. Denn die eigene Bahnlinie darf nicht überschritten werden, und gerade das bereitet Schröder vor allem in den Kurveneingängen Probleme. Die Zentimeter-Beziehung zwischen den beiden funktioniert non-verbal, reden dürfen sie nicht während des Rennens, ansonsten droht die Disqualifikation.

War die Umstellung vom Einzelläufer zum Läufer mit Guide eine Herausforderung? "Für mich war es nicht sehr schwierig. Ich wollte ja die Hilfe und konnte mich gut darauf einstellen." Zudem habe es Vorteile wenn man gemeinsam an den Start gehen könne, das lege die Nervosität. Über was reden die beiden im Startblock? "Wir unterhalten uns dann über alltägliche Dinge wie Tagesaktualitäten", sagt Schröder. "Oder das Aussehen der Kampfrichterinnen."

Nicht der Bums-Bums-Disko-Typ

Schröder kam erst mit 16 Jahren zum Laufsport. Bei den Schulmeisterschaften war er stets der Schnellste, egalisierte Rekord um Rekord. Da packte ihn sein Lehrer eines Tages sprichwörtlich in sein Auto und fuhr mit ihm zu einem Probetraining. Schröder absolvierte ein paar Runden. Das Urteil des Trainers war kurz und knapp: "Ein solches Talent darf man nicht verschwenden." Bald darauf holte er im Nationalteam seine ersten Medaillen. Seither gehört er zu den besten Behindertenportlern der Welt. 2009 sprang er im Weitsprung über 7,47 Meter. Das ist der weiteste Satz eines sehbehinderten Athleten aller Zeiten. Und dies obwohl Weitsprung nicht zu seinen Hauptdisziplinen gehört. Das macht er "just for fun". Schröders Kapital ist seine Lockerheit.

Sport ist sein Leben. Abseits der Tartanbahn lässt er es eher ruhig angehen: "Ich habe praktisch kein Privatleben. Aber wenn ich mal frei habe, dann treffe ich mich am liebsten mit Freunden, koche und esse gerne. Ich bin nicht so der Bums-Bums-Disko-Typ, eher ein Familienmensch." Zudem arbeitet Schröder seit zehn Jahren bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) im Bereich Kommunikationsmanagement. Die BVG sind ein äußerst kooperativer Arbeitgeber, denn sie bieten Schröder ein Sponsoring in Form eines Sportförderungsprogramms: Für jegliche Trainings und Wettkämpfe wird er freigestellt. Auf die Stelle ist er angewiesen, denn vom Sport alleine kann Schröder nicht leben. Er erhält zwar vom Verband Kader- und Top-Team-Gelder, diese decken aber gerade die Ausgaben für den enormen Verschleiß seiner Sportklamotten.

Letzte Einheit dieses Trainings: Kugelwerfen. Die beiden Sportler haben sichtlich Spaß, sie witzeln, klopfen Sprüche und spornen sich gegenseitig an. Keine Spur von Nervosität. Das wird sich noch ändern bis zum Start am 2. September.

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