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Olympia 2012: Sprinter Usain Bolt: Eine lebende Legende ohne Ziel

Alles erreicht. Alles gewonnen. Usain Bolt ist nach dem Doppel-Gold von London einer der außergewöhnlichsten Sportler. Was dem 25-Jährigen fehlt, ist eine neue Herausforderung.

Von Christian Ewers, London

Als er nach 19,32 Sekunden angekommen war, legte Usain Bolt sich auf die Tartanbahn des Londoner Olympiastadions und machte ein paar Liegestützen. Dann sprang er hoch wie ein Klappmesser, lief in die Kurve, schnappte sich eine Jamaika-Fahne und drehte eine Ehrenrunde, während die anderen Sprinter im Zielraum lagen oder hockten und nach Luft schnappten.

Es genügt Usain Bolt nie, ein Rennen zu gewinnen. Er muss zeigen, wie leicht es ihm fällt. Sein Jubel ist nicht nur Ausdruck von Freude, er ist immer auch eine Demütigung des Gegners, in dessen empfindlichstem Moment. Im Moment der Niederlage.

Bolt vergleicht sich mit Muhammad Ali

Am Donnerstagabend nahm sich Usain Bolt, geboren in Trelawny, Jamaika, besonders viel Zeit, für die Feier seiner selbst. Er machte seine Faxen noch, als die Zehnkämpfer schon ihren 1500-Meter-Lauf absolvierten. Die überlange Show hatte ihren Grund: Usain Bolt ist ab sofort eine Legende. So sieht er es jedenfalls selbst. "I am the greatest", sagte Bolt nach seinem Triumph über die 200-Meter-Distanz. Und natürlich hatte er die Worte mit Bedacht gewählt.

Auf diesen Satz hat eine andere Legende das Patent, Muhammad Ali. In dieser Liga fühlt sich Bolz jetzt angekommen: Ali, Jordan, Pelé, Bolt. Seine Pressekonferenz beendete Bolt mit einer Drohung, die wie ein Scherz klingen sollte: "Wenn ihr in euren Zeitungen nicht schreibt, dass ich eine Legende bin, gebe ich nie wieder ein Interview."

Was nun, Herr Bolt?

Usain Bolt, 25, ist seit Donnerstagabend ein außergewöhnlicher Sportler. Seine beiden Goldmedaillen über 100 und 200 Meter hat er verteidigt; das war zuvor in der Geschichte der Olympischen Spiele noch keinem Athleten gelungen. Die Frage ist nun, wie es weitergeht. Er ist der größte Sprinter mit dem größten Ego. Und es gibt keine Ziele mehr für ihn. Auf die 400 Meter-Strecke will Bolt jedenfalls nicht wechseln. Das hätte ein Ziel sein können, Champion aller Sprintstrecken zu werden. Bolt aber sagt: "Ich hasse die 400 Meter. Fragt mich bitte nie wieder nach den 400 Metern."

Manche seiner Worte klangen nach Abschied. "Ich habe meine Zeit gehabt. Und jetzt drängen eine Menge junger Kerle nach", sagte Bolt und zeigte auf den Silbermedaillengewinner Yohan Blake und Warren Weir (Bronze), die neben ihm auf dem Podium saßen. Beide sind 22 Jahre alt, beide kommen aus Jamaika, beide sind sie seine Trainingspartner.

Blake in Lauerstellung

Doch Aufhören will Bolt noch nicht, dass stellte er klar. "Ich habe eine Menge Spaß an der Leichtathletik. Ich gehe noch nicht in Rente. Aber spätestens mit 30 ist Schluss, das steht fest." Yohan Blake, der weltweit beste Sprinter nach Bolt, war zufrieden mit seinem zweiten Platz über 200 Meter. Er scheint sich damit arrangiert zu haben, der Mann im Schatten des Meisters zu sein. "Gott hat heute gesagt: Das ist ein Usain-Tag", sagte Blake schicksalsergeben. Blake nennt sich selbst "Das Biest" – aber in London hat er noch keine Kampfansage gemacht. Blake ist froh, Teil der Bolt-Show zu sein, er sagt, es sei ihm "eine Ehre, mit Usain trainieren und gegen ihn laufen zu dürfen."

Sie sind Freunde, die beiden schnellsten Männer der Welt. Bolt hat die Regeln vorgegeben, schon vor zwei Jahren. "Du bist ein netter Kerl, aber Du kommst zur falschen Zeit. Die nächsten beiden Jahre gehören mir", sagte Bolt, als er Blake 2010 traf. Ein Jahr später wurde Blake Weltmeister über die 100 Meter – aber nur, weil Bolt einen Fehlstart auslöste und disqualifiziert wurde. Jetzt starten Bolt, Blake und Weir gemeinsam in der 4x100-Meter-Staffel für Jamaika. Bolt könnte seine dritte Goldmedaille in London gewinnen. Aber für seine Rechnung spielt das keine Rolle mehr. Er ist ja jetzt schon eine lebende Legende.

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