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Olympia 2012: Vielseitigkeitsreiten: Der Goldjung

Vielseitigkeitsreiter Michael Jung hat mit seinem Pferd Sam zwei Goldmedaillen an einem Tag gewonnen. Jung ist der kompletteste Reiter der Gegenwart. Er trainiert fernab vom restlichen deutschen Team.

Von Felix Haas

Die Uhr tickt. Noch ein Hindernis. Michael Jung zieht gelassen und konzentriert an den Zügeln seines Pferdes Sam. Sam hebt ab, zieht die Hufe an. Nichts wackelt. Nichts reißt. Nichts fällt. Jung und Sam landen. Die Uhr tickt nicht mehr. Kein Fehler, dazu locker unter der geforderten Parcourszeit von 83 Sekunden: Jung klopft Sam auf den muskulösen Hals und ballt danach die Faust - die deutschen Vielseitigkeitsreiter sind Olympiasieger im Team. Jung reitet strahlend zu den Kollegen und seiner Familie. Gold - und das an seinem dreißigsten Geburtstag. Kurz nachdem er vom Pferd steigt, erkundigt er sich, wann denn eigentlich das Einzel-Finale beginne.

So tickt Michael Jung. Erst nachdem der Erfolg mit dem Team feststeht, nimmt er seine Einzel-Kür in den Blick. "Ich mach eins nach dem anderen, konzentriere mich immer nur auf mein Ding", sagt Jung über sich selbst. Das Credo brachte ihm schon den aktuellen Welt- und Europameistertitel ein. Jetzt ist er der erste Vielseitigkeitsreiter, der gleichzeitig Olympiasieger – besser: Doppel-Olympiasieger und Welt- und Europameister ist.

Auf das Team-Gold folgt der Einzel-Triumph

Wenige Stunden nach dem Gold-Ritt mit dem Team fährt Jung seine Konzentration erneut hoch, absolviert den Parcours auch im Einzel-Finale ohne Fehler und hat nach seinem Ritt schon Silber sicher. Das Pech seiner Konkurrentin Sara Algotsson-Ostholt wird dann zu Jungs Glück. Die Schwedin führt die Einzelwertung vor dem entscheidenden Ritt an, darf daher als letzte auf die Strecke gehen. Jung sitzt auf der Tribüne und zittert mit. Algotsson-Ostholt bleibt fehlerlos – bis zum letzten Hindernis. Eine Stange reißt. Jung gewinnt auch im Einzel.

"Haben wir wirklich Gold?", Mama Brigitte Jung ist kaum zu halten, als ihr Michael vom Parcours kommt. "Wahnsinn - wo ist der Michi?", ruft sie und rennt lost um ihren Sohn zu umarmen. Ein strenger Ordner stellt sich in den Weg und weist sie an, den verbotenen Bereich zu verlassen. Vater Joachim ist besser dran. Er darf dort sein bei seinem Sohn, er ist der Trainer.

Die Familie Jung ist nicht nur erfolgreich, sondern auch eigenwillig. Bei der Karriereplanung des Sohnes zum Beispiel. Jung plante seine Laufbahn abseits des deutschen Reitverbandes, er lehnte die Aufnahme in die Perspektiv-Gruppe ab, weil er dafür ins westfälische Warendorf hätte ziehen müssen. "Da hätte ich zu wenige Pferde mitnehmen können", erklärte Jung vor den Olympischen Spielen.

"Michael ist der kompletteste Reiter"

Die Konkurrenz ist schwer beeindruckt von Michael Jung. Der britische Weltranglisten-Erste William Fox-Pitt hält den Olympiasieger für einen "Ausnahmereiter". Bundestrainer Hans Melzer schwärmt von seinem Schützling: "Michael ist der kompletteste Reiter", und weiter, "er ist ein unglaubliches Multi-Talent." Und tatsächlich: Michael Jung ist nicht nur im pferdesportlichen Dreikampf, in der Vielseitigkeit, spitze, sondern er reitet auch in den Spezial-Disziplinen Dressur und Springen erfolgreich auf höchstem Niveau. Daheim am Rande des Nordschwarzwaldes trainiert Jung viel auf reinen Dressur- und Springpferden. So hat er sich schon in jungen Jahren die notwendige Wettkampfhärte und viel Prüfungsroutine geholt.

In der Vielseitigkeit hat Jung in Sam einen Weltklasse-Partner. Der Reiter bildet seine Pferde selbst aus, auch den zwölfjährigen Wallach. "Sam ist ein fantastisches Pferd", sagt Jung über sein Gold-Pferd. "Ich bin sehr froh, dass ich ihn reiten darf." Und das ist gar nicht so selbstverständlich. Denn über Sam gibt es eine äußerst kuriose Geschichte zu erzählen.

Ehemalige Besitzerin entführte Sam von Jungs Hof

Nach dem WM-Erfolg 2010 in Lexington, Kentucky, wollte die damalige Mehrheits-Besitzerin Sam zu Geld machen. Jung war nicht einverstanden. Doch die Besitzerin pfiff darauf und entführte Sam kurzerhand von Jungs Hof. Erst als sich mehrere Mäzene und das Deutsche Olympische Komitee bereit erklärten, die Mehrheits-Anteile an Sam aufzukaufen, einigten sich die Parteien vor Gericht. Es kam zum Happy End, Sam durfte in die Reitschule Jung in Horb am Neckar zurückkehren.

Jetzt hat das Traumduo Gold geholt. Und für Michael Jung ist die Affäre weit weg. Er steht vor den Fernsehkameras. Von seiner hohen Stirn rinnen Schweißperlen herunter. "Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich muss das erst einmal Revue passieren lassen", diktiert er den Journalisten in die Mikrofone. Danach darf er endlich mit seiner Familie und dem Team feiern. Neben den Medaillensiegen wird er wohl auch auf seinen Geburtstag anstoßen. Jetzt, wo er sich nicht mehr zuerst auf den Sport konzentrieren muss.

Von Felix Haas mit Agenturen
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