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Schwimmdebakel für Steffen & Co. Selbstkritik? Fehlanzeige!


Britta Steffen war der deutsche Medaillentrumpf bei den Olympischen Spielen. Derzeit "glänzt" sie aber nur außerhalb des Beckens - mit unpassenden Bemerkungen. Und einer laschen Einstellung.
Von Klaus Bellstedt

Immer wieder wrang sich Britta Steffen im Aquatic Centre das Restwasser aus ihren nassen Haaren. Irgendwann fielen gar keine Tropfen mehr aus ihrem blonden Schopf. Sie machte trotzdem weiter. Und so sah es schließlich nach einer Verlegenheitsgeste aus. Das konnte man verstehen: Über die 100 Meter Freistil war Deutschlands beste Schwimmerin gerade im Halbfinale mit ziemlich schwachen Zeit von 54,18 Sekunden ausgeschieden. Die 28-Jährige machte im Becken alles falsch, was man falsch machen konnte: Sie ging das Rennen viel zu langsam an, sie erreichte zu keinem Zeitpunkt die nötige Grundschnelligkeit, und am Ende fehlte ihr auf ihrer Lieblingsstrecke auch noch das Stehvermögen. Dieser Auftritt war einer Doppel-Olympiasiegerin unwürdig.

Schon zu Beginn der Schwimmwettbewerbe scheiterte Steffen mit der 4 x 100 Meter Freistil-Staffel. Da war sogar schon im Vorlauf Schluss. Jetzt bleibt ihr nur noch das Sprint-Rennen über 50 Meter Freistil. In der jetzigen Form wird die Weltrekordlerin aber auch dort chancenlos sein. Bei Britta Steffen, und das gilt übrigens auch für ihren Freund Paul Biedermann, fangen nach den teilweise desaströsen Auftritten die Misserfolge an, die Erfolge zu überstrahlen. So droht den deutschen Schwimmern erstmals seit 1932 in Los Angeles wieder eine olympische Nullnummer. Denn mehr Medaillentrümpfe als Steffen und Biedermann hat der deutsche Schwimmverband im Aquatic Centre nicht. Das ist an sich schon peinlich genug. Wären da nicht die Auftritte der deutschen Schwimmer nach ihren Rennen.

Sie galt mal als kritischer Geist

Gerade Britta Steffen vermittelte einem den Eindruck, als würde sie das alles kalt lassen. Sie sprach nach dem Debakel so, als könne sie über Wasser gehen. Dabei war sie gerade abgesoffen. Mit viel Selbstgefälligkeit und fast schon ein bisschen arrogant kommentierte sie das Ausscheiden: Das Scheitern sei "kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet. Also ist so weit alles okay." Selbstkritik? Fehlanzeige! Stattdessen Plattitüden: "Der Sport ist nicht planbar", "ich habe alles gegeben". Die Krönung war schließlich eine Art Selbstaufgabe. "Vielleicht ist meine Zeit einfach vorbei, was die 100 Meter betrifft", sagte sie. Und lächelte dabei.

Britta Steffen galt vor diesen Olympischen Spiele als kritischer Geist. Als eine, die reflektieren kann und auch mal Missstände anprangert . Vor allem war sie eine, die mit der richtigen Einstellung ihrem Sport nachging. Nach einem Krankheitsjahr 2010 kam Steffen eindrucksvoll zurück, holte in Europa und auch national Titel. Bei den Europameisterschaften auf Lang- und Kurzbahn allerdings nicht gegen die ganz große Konkurrenz. Aus dem vierwöchigen Trainingslager auf Teneriffa ging die Schwimmerin trotzdem mit viel Euphorie. "Es kann noch mal richtig, richtig gut werden", hatte sie gesagt - ein fataler Trugschluss wie sich jetzt herausstellen sollte. Wie bei der WM 2011 konnte Steffen eine angeblich gute Form nicht ins Becken bringen. Große Klappe, nichts dahinter. So könnte man es auch sehen.

Nachholbedarf in Sachen Einstellung

Spätestens am Samstag sind die Olympischen Spiele für Britta Steffen vorbei. Wenn nicht noch ein Wunder passiert, bleibt die Berlinerin in London ohne Medaille. Danach beginnt die Aufarbeitung der Ereignisse. Nach einer eingehenden Analyse des deutschen Schwimm-Desasters mit der sportlichen Leitung und den Trainern sind Konsequenzen nicht ausgeschlossen. Das kündigte Christa Thiel, die Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes an. Die Schwimmer selbst wird man schlecht bestrafen können. Wobei: In Sachen Einstellung besteht bei einigen im Team großer Nachholbedarf. Vor allem bei Britta Steffen. Nach ihrem Halbfinal-Aus über die 100 Meter Freistil schloss sie ihr Statement mit folgenden Worten: "Ich freu mich für die anderen und darauf, dass ich das Finale jetzt als Zuschauer gucken kann. Vielleicht gehöre ich einfach nicht mehr zur Weltspitze. Aber damit kann ich ganz gut leben." So spricht eigentlich nur jemand, der mit seinem Sport abgeschlossen hat. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Während der Olympischen Spiele.


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