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Selbstvertrauen statt Selbstzweifel Sieger lieben Druck


Was unterscheidet Siegertypen wie Usain Bolt und Robert Harting von Verlierern wie Britta Steffen, die im Becken unterging? Ein Erklärungsversuch von stern.de-Kolumnist Frank Busemann.

Was haben Usain Bolt und Robert Harting gemeinsam? Was verbindet Asafa Powell mit Silke Spiegelburg? Und was unterscheidet die Britta Steffen von 2008 mit der von London? Natürlich weiß ich es nicht hundertprozentig, dafür ist die menschliche Psyche zu vielschichtig. Und doch: Stellen wir die Frage nach dem Grund des sportlichen Erfolges gibt es Prinzipien, die sich verallgemeinern lassen. Die Magie des Wettkampfes besteht darin, dass man sich mit Gleichgesinnten misst. Das ist immer mit Stress verbunden. Stress ist die Urform des Wettkampfes und versorgt uns evolutionsbedingt zum Beispiel mit Adrenalin und bereitet uns auf den Kampf mit dem Säbelzahntiger vor. Im Angesicht des Todes gibt es also nur kloppen oder fliehen. Olympiasieger und Lauflegende Michael Johnson sagte einmal: "Wenn ich in den Blöcken sitze, habe ich eine unglaubliche Angst. Aber ich liebe diese Angst!". Diese vermeintliche Angst scheint manche zu beflügeln, andere aber auch zu hemmen. Seit jeher trainieren die USA mit Sportpsychologen. Selbst das Hirn lässt sich wie ein Muskel trainieren. Durch stete Wiederholungen festigen sich neuronale Verschaltungen, die Zustände wie Angst anders bewerten, erträglich machen und in Leistung umwandeln.

Hunger, Dürre, Seuchen? Nein, Sport!

Angst oder negativer Stress hat auch immer etwas mit Verlustgefahr zu tun. Was hat ein Sportler zu verlieren, wenn er scheitert? Und warum gibt es Athleten, die rennen, als gäbe es kein morgen mehr? Weil sie nichts zu verlieren haben. Oder sich das zumindest einreden – gut so. Was passiert nämlich, wenn der Athlet nicht oder schlecht ins Ziel kommt? Hunger, Dürre, Seuchen? Nein, nichts! Ist nur Sport! Okay, bei vielen der Job – der ist schon wichtig. Aber der Misserfolg ist Bestandteil des Erfolges. Gäbe es den nicht, gäbe es keinen Sieger. Indem sich der Athlet diesem Procedere aussetzt, spielt er mit der Niederlage. Und das macht es spannend und erstrebenswert. Dem Gegner zeigen, wer der Boss ist. Ein gutes Gefühl. Klappt aber nicht immer.

Ziele müssen greifbar sein

Silke Spiegelburg musste ihren Frust über den vierten Platz bei Olympia herausschreien. Sport ist auch emotional und individuell wichtig. Wenn die Britta Steffen von 2012 sagt, dass sie es den anderen gönnt und dann auf das Finale gespannt sei, ist das nicht die Steffen von Peking 2008, die den Erfolg erzwingen wollte und dem Motto "Augen zu und durch" folgte. Sich im Selbstmitleid zu suhlen und sich dem Schicksal hinzugeben, hat noch niemanden weitergebracht. Bei Silke Spiegelburg verhält es sich anders: Immer wieder im entscheidenden Moment zu scheitern, verschaltet das Hirn genauso wie Erfolg und der Athlet wartet zukünftig auf den vierten Platz. Genau das konnte man der deutschen Stabhochspringerin ansehen. Das ist eine große Gefahr. Ziele müssen greifbar überdimensioniert sein. Wie formuliert der Athlet also Ziele, die langfristig attraktiv für ihn sind? Indem er eine Vision hat, die es wert ist, gelebt zu werden. Robert Harting hat immer Visionen. Usain Bolt auch. Der will eine Legende werden, ist davon überzeugt, dass er schon lange eine ist, denkt aber, dass die anderen das noch nicht wissen. Sportler sind nicht blöde, aber manchmal etwas kompliziert, um ihre Motivation aufrecht zu erhalten.

Wer im Moment ist, ist im Flow

Gesellschaftlich bedingt haben zum Beispiel Amerikaner oder Australier einen großen Vorteil. In der Schule lernen Kinder nach dem Motto "bring and tell", also sich zu präsentieren und über den von ihnen mitgebrachten Gegenstand zu referieren. Im Sportleralltag kommt genau das wieder. "Ich habe mich mitgebracht und ich zeige euch eine Wahnsinnsshow!" Da gibt es keine Zweifel. Sieger zweifeln nie, Zweifler siegen nie! Der Athlet muss von dem überzeugt sein, was er tut. Und er hat Fehler. Jeder Athlet schleppt einen Haufen Fehler mit sich herum, die aber zur Bewältigung der Aufgabe keine Relevanz haben. Sieger konzentrieren sich mit besonderer Achtsamkeit auf das was sie können und nicht auf das, was sie nicht können. Sie genießen den Moment und sind im Hier und Jetzt zu Hause. Nicht bei Meter zehn oder bei der nächsten Höhe. Wer im Moment ist, ist im Flow. Der denkt nicht an Verlust oder Schaden, der spürt etwas, das man gemeinhin als gutes Gefühl bezeichnet. Ein Gefühl, dass man schmecken, spüren und greifen kann.

Ein schmaler Grat

Bolt und Harting, die beiden Goldmedaillengewinner von London, sind Gesamtkunstwerke für sich. Emotionen entladen sie auch über die große Show. Das ist ihre Art des Tunnels. Das Schauspiel um den Lauf herum entspannt Bolt, und nur wer locker ist, ist schnell. Ein anderer Supersprinter aus Jamaika, Asafa Powell, scheitert hingegen immer wieder. Zwar hat er nicht das Kaliber seines Landsmannes Bolt, aber zum Saisonhöhepunkt muss er sich allzu oft den besseren Wettkämpfern geschlagen geben. Gleiches Land, gleiche Disziplin - anderer Charakter. Er verkrampft minimal mit maximaler Wirkung. Stress ist bei Powell kontraproduktiv. Weltrekorde ist er gerannt als er nicht unter Druck war. Er nutzt den Stress nicht als Chance für sich, der Stress hemmt ihn.

Der Leistungssport ist ein schmaler Grat, und der Kopf hat einen entscheidenden Einfluss auf die Medaillenfarbe. Wie sagte doch der Olympiasieger Robert Harting: "Sport ist zu 90 Prozent mental und der Rest ist Kopfsache!“. Und der muss es wissen.

Von Frank Busemann, London

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