HOME

Turnerin Simone Biles: Die Überfliegerin von Rio

Sie turnt in ihrer eigenen Welt, ihre Konkurrenz ist chancenlos: US-Turnerin Simone Biles ist der Liebling von Rio - und hält mühelos Vergleichen mit Legenden wie Michael Phelps oder Michael Jordan stand. Dabei hatte sie keinen leichten Start in ihre Karriere.

Simone Biles

Zehn Weltmeistertitel hat sie schon: Mit einer Körpergröße von nur 1,45 Metern ist Simone Biles der Shooting-Star der Olympischen Spiele in Rio.

Schon nach der ersten Übung am Sprung schien alles klar. Olympiasiegerin im Mehrkampf konnte nur eine werden: Simone Biles, 19 Jahre jung, 1,42 Meter klein, dieses Adoptivkind aus Cleveland, Ohio mit einer geradezu olympiareifen Geschichte.

Einst vernachlässigt von der Mutter, einer alkohol-und drogenabhängigen Frau, wuchs sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Adria bei den Großeltern auf und wurde von ihnen mit drei Jahren adoptiert. Mit sechs entdeckte sie das Turnen bei einem Ausflug und ließ danach nie mehr los. Diese Eltern, Ron und Nellie Biles, saßen auch gestern wieder in der ersten Reihe der Olympiahalle von Rio de Janeiro, daneben die Schwester, eingewickelt in den Stars and Stripes. Sie bejubelten das Wunderkind Simone wie alle anderen 12.000 Zuschauer: Brasilianer und Argentinier, Russen und Chinesen. Für zwei Stunden schien die Welt vereint.

Doppelter Salto plus Drehung - kein Problem für Biles

Nur einmal mussten sie zittern. Es war nach der zweiten Übung am Schwebebalken. Kurzzeitig ging die Russin Aliya Mustafina in Führung. Andere Turnerinnen verpatzten ihre Übungen und fielen zurück - eine Erinnerung daran, wie schnell vier Jahre Vorbereitung und Träume in einem einzigen Moment platzen können. Aber alle in der Halle Carioca 2 wussten, dass die nervenstarke Biles sie am Balken und Boden leicht wieder würde abfangen können - und so kam es dann auch. Während überall Tränen flossen, turnte Biles sich zu Traumnoten und ließ die Konkurrenz weit zurück. Am Boden zeigte sie wieder mal den "Bile", einen nach ihr benannten höchst komplizierten Sprung, doppelter Salto plus Drehung, den sonst noch keine je gestanden hat. Da zeigten sich alle ihre Vorteile: Sie ist kraftvoller als die zarten Chinesinnen, denen wieder mal keiner abnimmt, dass sie 16 Jahre alt sein sollen. Sie ist flinker und wendiger als viele europäische Turnerinnen. Und nervenstärker als alle sowieso. Erst auf dem Podium flossen auch bei ihr die ersten Tränen.

Damit ist Simone Biles schon jetzt die erfolgreichste Turnerin aller Zeiten. Lediglich Olympiasiege fehlten ihr nach zehn Weltmeistertiteln noch und bisher holte sie hier in Rio alle souverän, mit der Mannschaft und nun auch im Einzel-Mehrkampf. Ab Sonntag könnten drei weitere Medaillen an den Einzelgeräten dazu kommen. Boden, Sprung und Schwebebalken. Nur am Stufenbarren sind andere besser.

"Sie ist mein Vorbild"

Schon jetzt ist Simone Biles der Star dieser Spiele, wie die einheimische Judoka Rafaela Silva eine kleine schwarze Frau, die mit Hilfe des Sports unter zunächst widrigen Umständen aus der Not herausfand. Beide hatten liebevolle Eltern, beide hingebungsvolle Jugendtrainer, Simone Biles hatte im Unterschied zu Rafaela Silva auch das nötige Geld und Sponsoren, heute sogar eine eigene Turnhalle, die ihre Mutter, eine erfolgreiche Unternehmerin, ihr gebaut hat. Dennoch konzentrierten sich die Medien im Vorfeld eher auf die Männer dieser Spiele, auf den Sprinter Usain Bolt und den Schwimmer Michael Phelps. Simone Biles selber musste Vergleiche mit Michael Jordan über sich ergehen lassen.

"Sie ist mein Vorbild", sagt der US-Turner Danell Leyva. "Ich versuche sie nachzuahmen in der Art, wie sie Turnen angeht. Sie genießt es einfach. Nur sie zu beobachten hat mir geholfen, Turnen zu genießen." Als sie vor einigen Monaten gefragt wurde, was ihre Ziele seien, hatte sie gesagt: "Mich für Olympia zu qualifizieren." "Das ist alles", hatte ihre Mutter nachgefragt.

Freundlichkeit und Understatement als Markenzeichen

"Ja", hatte Simone geantwortet. "Wenn sich das ändert, aktualisiere ich das später." Vor ein paar Tagen musste sie noch eine Kontroverse über sich ergehen lassen. Ron und Nellie Biles seien vielleicht Mom und Dad, aber nicht ihre Eltern, sondern Großeltern, hatte der NBS Journalist Al Trautwig gesagt. Es folgte ein Aufschrei der Empörung, ein Shitstorm in den sozialen Medien, bis sich der Journalist schließlich kleinlaut entschuldigte.

So ist es ihr einige Male ergangen. Wenn Reporter sie daran erinnern, dass ihre Mutter Shannon heißt, sagt sie freundlich, dass Shannon zwar ihre biologische Mutter sei, aber nicht ihre Mom.

Freundlichkeit und Understatement gehören zu ihren Markenzeichen. Kein schlechtes Wort über ihre biologische Mutter - sie sehen sich ab und zu - keine großen Töne im Vorfeld von Wettkämpfen. Im Team gilt sie als "bubbly", als stets sprudelnde, quasselnde Energiebombe, die ihrer Mutter zuliebe nur am Sonntag einen Ruhetag einlegt, um sie in die Kirche zu begleiten. Nur diesen Sonntag fällt das weg. Da startet sie an den Einzelgeräten. Drei Goldmedaillen könnten dann noch hinzukommen. Sie wäre schon dann eine der größten Olympionikinnen aller Zeiten.