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Olympiagold für Alexander Zverev Und plötzlich könnte es Liebe werden

Alexander Zverev jubelt über Olympia-Gold im Tennis
Historisches Gold: Alexander Zverev ist der erste deutsche Olympiasieger im Tennis-Einzel
© Frank Hoermann / Sven Simon / Picture Alliance
Alexander Zverev hatte es immer schwer in seiner Heimat. Zu arrogant, zu abgehoben, so sahen ihn seine Kritiker in Deutschland. Nun ist er Olympiasieger im Tennis – und könnte eine neue Euphorie auslösen. 
Von Klaus Bellstedt

Es ist gerade einmal zwei Jahre her, dass Alexander "Sascha" Zverev dem stern ein Interview gab und sich darin ein bisschen darüber beschwerte, dass ihm in seinem Heimatland die nötige Anerkennung fehle. Schon 2019 war Zverev längst Deutschlands bester Tennis-Spieler, 2018 hatte er mit den ATP-Finals auch ein sehr bedeutsames Turnier gewonnen. Sicher, es war ihm noch kein Triumph bei einem der vier großen Grand-Slam-Events gelungen. Und doch gehörte und gehört der gebürtige Hamburger seit Jahren zum elitären Club der zehn weltbesten Tennis-Herren. Trotz allem galt: Zverev war in Deutschland nie sehr beliebt – und schon gar nicht geliebt. Gut zwei Jahre später ist der 24-Jährige nun also Olympiasieger.

Zverev hat etwas Historisches vollbracht: Noch nie zuvor gab es im Tennis-Einzelwettbewerb der Herren einen deutschen Sieger. "Ich wünsche mir, dass Tennis wieder mehr Aufmerksamkeit in diesem Land bekommt", sagte er damals zum stern. Man darf davon ausgehen, dass nun der Zeitpunkt wirklich gekommen ist. Und auch Sascha Zverev dürfte fortan von der Öffentlichkeit in seiner Heimat in einem anderen Licht gesehen werden. 

Traum-Tennis gegen Djokovic

Zverev hat bei den Olympischen Spielen eine fantastische Tennis-Woche hinter sich. Vom ersten Match an präsentierte sich die aktuelle Nummer fünf der Weltrangliste in einer bestechenden Verfassung. Der Hamburger trotzte auch den heiß-schwülen Bedingungen im Ariake Tennis Park in der Bucht von Tokio und dominierte dieses Turnier bis zum Ende. Dabei war nicht das Endspiel gegen den Russen Karen Khachanov, das Zverev am Sonntag im Eiltempo mit 6:3 und 6:1 gewann, sein Meisterstück, sondern das Halbfinale gegen Novak Djoković. Dieser Sieg gegen die scheinbar unbezwingbare Nummer eins der Welt – den Überspieler dieser Sportart – war vielleicht das beste Match seines Lebens. Nie zuvor war es Zverev gelungen, den Serben bei einem Grand-Slam-Turnier zu bezwingen. Nun plötzlich, bei Olympia, war es soweit.

Die sportliche Weiterentwicklung des 24-Jährigen war in diesem Match besonders gut zu beobachten. Nach dem Verlust des ersten Satzes gegen Djoković, seinem einzigen überhaupt in diesem Turnier, schwang sich Zverev auch mental zu einer unfassbaren Leistung auf und gewann am Ende ungefährdet und fast schon beängstigend cool mit 1:6, 6:3 und 6:1. Viel besser als in den letzten beiden Sätzen gegen Djoković konnte man nicht Tennis spielen. Der darauf folgende Sieg über Khachanov, der Nummer 25 der Welt, war nur die logische Konsequenz. 

"Es ist etwas, wovon man nicht träumen kann. Es sind Gefühle, die ich nicht beschreiben kann", Zverev rang nach seinem Gold-Coup mit den Worten. Die Bilder, die da aus Tokio übermittelt wurden, zeigten einen fast schüchtern wirkenden jungen Tennis-Spieler, der im Moment seines größten Erfolges, erstaunlich bescheiden und zurückhaltend rüberkam. "Ich habe nicht für mich gespielt, sondern für das ganze Land", sagte er noch. 

Im Familienverbund gegen das angekratzte Image

Zverev, das wurde in den Tagen von Tokio ersichtlich, hat den Spirit der Olympischen Spiele voll verinnerlicht. Immer wieder betonte er den guten Zusammenhalt im gesamten deutschen Team und sprach in diesem Zusammenhang auch nach seinem Olympiasieg von einer "kleinen Familie". Tennis-Profis sind zuallererst mehr oder weniger gut funktionierende Ich-AG’s. Sie spielen das ganze Jahr bis auf ein, zwei Mannschaftswettbewerbe nur für sich. Dieses auch für Zverev neue Gefühl, bei Olympia im Kollektiv ein Land zu repräsentieren, hat seine emotionale Wirkung nicht verfehlt. Auf dem Weg nach ganz oben könnte diese Erlebnis für den Hamburger ein entscheidender Meilenstein sein. 

Dabei war es bis zuletzt nicht immer leicht, Fan von "Sascha" Zverev zu sein. Sein Image war lange angekratzt. Leicht arrogant und auch ein bisschen überschätzt, so sahen ihn seine Kritiker. Zverev, der seinen Hauptwohnsitz in Monte Carlo hat, hatte schon auch einen eigenen Anteil daran. Die Party-Bilder von ihm mitten in der Corona-Pandemie wirkten verstörend. Es gab einen öffentlich ausgetragenen und schmutzigen Streit mit seinem Ex-Manager Patricio Apey, von dem er sich mittlerweile getrennt hat. Dazu stehen immer noch die Vorwürfe einer Ex-Freundin in Raum. Diese beschuldigt Zverev der körperlichen Gewalt. Ein Vorwurf, den der 24-Jährige nach wie vor vehement bestreitet. Das zwischenzeitlich neue Management hat Zverev auch schon wieder gewechselt. Vieles läuft jetzt über seinen Bruder Mischa und den Familienverbund mit Vater Alexander Senior, der ihn auch wieder trainiert. Zverev braucht diese gewisse Art der familiären Geborgenheit. 

Zverev will ein Vorbild ein

In diesem Jahr ist vieles besser geworden. Die Schlagzeilen waren bis zuletzt rein sportlicher Natur. Zverev hat auch die nächste Stufe in seiner Persönlichkeitsentwicklung genommen. Er reflektiert mitunter klug und hat nach eigener Aussage an sich gearbeitet. Am Rande der Australian Open in Melbourne Anfang des Jahres sagte er einmal: "Ich habe nachgedacht und für mich verstanden: Ich möchte in Deutschland eine Person sein, über die Kinder sagen: 'Wegen dem will ich Tennisspieler werden. Den Zverev finde ich toll.'" 

Jetzt ist er Olympiasieger und noch nie standen die Chancen besser, diese von ihm selbst mit viel Ehrgeiz angestrebte Vorbildfunktion nun auch voll auszufüllen.


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