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Wimbledon-Auftakt: Heimat? Zverev spricht über sein Verhältnis zu Hamburg und Deutschland

Rafael Nadal sagt über ihn, er habe das Zeug zur Nummer 1. Und doch, so hat es den Anschein, fremdelt Deutschland noch ein wenig mit seinem derzeit besten deutschen Tennisspieler. Im stern spricht Alexander Zverev über das Gefühl von Heimat, fehlende Anerkennung - und seine Chancen in Wimbledon.

Interview: Klaus Bellstedt

Alexander Zverev beim ATP-Turnier in Halle

Alexander Zverev hofft zum Turnierstart in Wimbledon auf eine gute Tagesform

AFP

Heute startet in Wimbledon das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres. Mit dabei und an Position sechs gesetzt, Deutschlands derzeit bester Tennisspieler Alexander Zverev. Rafael Naldal sagt über ihn, er habe ganz klar das Zeug zur Nummer eins – und doch wirkt es so, als ob die Tennisfans noch ein wenig mit dem gebürtigen Hamburger fremdeln. Woran das liegt? "Ich habe noch kein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. Das macht mich nicht interessant genug", gibt Zverev im stern-Interview freimütig zu.

Alexander Zverev, in Deutschland vollzieht sich gerade eine Art politisch-kultureller Wandel. Ein Youtuber zerlegt die CDU, die SPD löst sich selbst auf und ein Grünen-Politiker wird vielleicht der nächste Bundeskanzler. Bekommen Sie das als Profisportler eigentlich mit?

Eindeutig ja. Alles, was in Deutschland passiert, interessiert mich. Ich bin in diesem Land groß geworden. Für mich ist es wichtig, zu wissen, was hier los ist. Ich sauge das gewissermaßen weg.

Sie sind in Hamburg geboren. Ihre Eltern stammen aus Russland. Mittlerweile leben Sie in Monte Carlo, sind aber über 300 Tage im Jahr unterwegs und tingeln von Turnier zu Turnier. Kennen Sie das Gefühl von Heimat?

Ich lebe jetzt seit ein paar Jahren in Monte Carlo. Ich bin dort gerne. Aber meine Heimat bleibt immer Hamburg. Selbst wenn das Wetter oft mies war, wenn ich von den Turnieren zurückgekommen bin, Hamburg ist die Stadt, in der ich mich am wohlsten fühle. Ich werde die Atmosphäre in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, nie vergessen.

Boris Becker pflegt ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Heimat. Stichwort: Neidkultur. Becker lebt schon lange in London. Es geht ihm auch immer viel um Respekt. Wir würden Sie Ihr Verhältnis zu Deutschland beschreiben?

Die Deutschen sind schon speziell (lacht). Boris hat vielleicht sogar Recht mit manchen Dingen, die ihn hier stören. Ich kann für mich aber sagen: Ich liebe es, immer wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ich bin so viel unterwegs, und dann schätzt man eben Dinge wie Pünktlichkeit und, ja, auch Sauberkeit. Es funktioniert gefühlt einfach alles. Von einer Neidkultur bekomme ich nichts mit. Und wenn schon, sie gibt es in jedem Land. Für mich steht fest: Ich will nach meiner Karriere wieder in Deutschland leben. Ich mag die Menschen, die hier leben. Und vor allem auch, wie sie hier leben. Das hat etwas mit Kultur zu tun.

Sie sind derzeit die Nummer 5 der Tennis-Weltrangliste, sind amtierender Weltmeister und genießen international eine hohe Popularität. In Deutschland hat man das Gefühl, dass Sie in Sachen Beliebtheit und Bekanntheit immer noch hinterherhinken. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Tennis ist in Deutschland nicht Sportart Nummer 1. Es interessiert die Leute einfach nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Früher war es anders, mit Steffi Graf und Boris. Steffi ist die Beste aller Zeiten. Becker ist wegen seines Wimbledon-Erfolgs eine Legende. Aber wenn du, so wie die beiden es waren, nicht ganz oben bist, dann wird es schwer mit der Anerkennung. Top 5 reicht dann nicht. Ich habe noch kein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. Das macht mich nicht interessant genug. In Italien zum Beispiel ist das anders. Ich staune immer wieder, wie populär die Sportart dort ist. Auch ohne den absoluten Weltklassespieler sind die Menschen mit Herz und Seele Tennisfans. Sie schauen auch sehr viel mehr Tennis und wissen gut über unseren Sport Bescheid. Das beeindruckt mich. In Deutschland fehlt mir das ein bisschen. Ein Beispiel: Ich habe im vergangenen Jahr die ATP-WM der besten acht Spieler der Welt gewonnen. Das Turnier ist schwieriger zu gewinnen als ein Grand-Slam-Titel. Ja, es wurde in Deutschland darüber berichtet, aber nicht in dem Umfang, in dem ich es mir gewünscht hätte. Glauben Sie mir: Hätte ich Wimbledon gewonnen, die Sache wäre anders gelaufen.

Vermissen Sie die Anerkennung in Ihrer Heimat?

Nein, das nicht. Ich bin keiner, der von Anerkennung lebt. Ich will nur Tennis spielen, ich liebe Tennis. Ich liebe das Gefühl, Trophäen in die Luft zu stemmen. Mir geht es um den Sport, und ich wünsche mir, dass Tennis wieder mehr Aufmerksamkeit in diesem Land bekommt.

Sie befinden sich derzeit in einem Rechtsstreit mit Ihrem Ex-Manager Patricio Apey. Dazu ging die Beziehung zu Ihrer Freundin in die Brüche. Ihr Vater hatte ein paar gesundheitliche Probleme. Ist das nicht Gift für einen Individualsportler?

Es war nicht einfach. Früher gab es viele Leute um mich herum, die mir alles abgenommen haben. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt und muss die Sachen zum ersten Mal selber in die Hand nehmen. Es ist ein Lernprozess, den ich gerade durchmache. Und da bin ich schon weitergekommen. Ich kann die Dinge wieder kontrollieren. Wenn das alles irgendwann mal durchgestanden ist, werde ich stärker als je zuvor sein. Das hoffe ich zumindest.

Rafael Nadal hat über Sie mal gesagt, Sie seien "a clear future number one", die klare zukünftige Nummer 1 im Herren-Tennis. Gibt es einen Plan von Ihnen, diesem Ziel näher zu kommen?

Wie soll man sowas planen? Ich spiele nicht gegen Roboter, sondern gegen Menschen. Die können und werden sich auch weiter verbessern. Es ist ein ewiger Kampf.

Nadal hat gerade zum 12. Mal die French Open gewonnen. Er ist 33 Jahre alt. Roger Federer ist sogar vier Jahre älter, und Novak Djokovic, die Nummer 1 der Welt, ist 32. Die "Alte Garde" dominiert noch immer das Herren-Tennis. Was zeichnet die "Big Three" aus?

Sie sind drei vollkommen unterschiedliche Spieler – mit unterschiedlichen Stilen. Djokovic ist wie eine Maschine. Wenn er einmal im Match führt, macht er keine Fehler mehr. Bei Nadal ist es die Intensität. Er spielt vom ersten bis zum letzten Punkt genau gleich. Federer wiederum macht aus jeder Situation etwas Neues. Er hat 20 verschiedene Varianten drauf. Die drei sind immer noch Extraklasse, gerade bei den großen Turnieren ist das deutlich zu spüren. Dahinter ist schon eine kleine Lücke.

Wimbledon steht vor der Tür. Was macht dieses Turnier auf Rasen, mal abgesehen vom Belag, so besonders?

Es ist die Historie, die dort überall zu spüren ist. In Wimbledon wurden und werden Legenden geboren. Das unterscheidet das Turnier auch von den anderen Grand Slams in New York, Melbourne und Paris. Es ist sehr besonders, in Wimbledon Tennis zu spielen.

Haben Sie sich ein sportliches Ziel gesetzt für Wimbledon?

Nein. Das funktioniert bei mir nicht. Es wird sehr viel auf die Tagesform ankommen - auf meine und auf die meines Gegners. Wenn es ganz doof läuft, fliege ich in der ersten Runde raus, aber ich kann eben auch im Halbfinale auf Djokovic treffen und dort vielleicht sogar gewinnen.

Stimmt es eigentlich, dass Ihre Mutter sich Ihre Matches vor Spannung nicht anschauen kann und immer dann, wenn Sie auf dem Platz stehen, mit dem Hund raus geht?

Sie sagt immer, es würde am Hund liegen. Der könne während meiner Spiele nicht so lange sitzen und müsse raus (lacht). Es ist tatsächlich wahr, meine Mutter erträgt es nicht, bei mir zuzuschauen. Sie geht dann einfach Gassi. Mal länger, mal kürzer.

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