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Golf-Tagebuch, Tag 1 Golfen, bis der Arzt kommt

Herrscher über den Platz: der Golfer
Herrscher über den Platz: der Golfer
© Colourbox.de
Unser Sportredakteur macht den Selbstversuch: Schafft er innerhalb von nur fünf Tagen die Platzreife?
Von Klaus Bellstedt, Bad Saarow

Kennen Sie Bad Saarow? Oder vielleicht den Scharmützelsee? Eher nicht, es sei denn, Sie sind Golfer. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie schon mal einen kleinen Abstecher in dieses Urlaubsresort, 70 Kilometer südöstlich von Berlin, getätigt haben, relativ groß. Denn Golf ist, wenn auch noch nicht auf dem Weg zum Volkssport, in Deutschland zumindest weiter auf dem Vormarsch. Die Zeiten, in denen Golf noch als elitäre Randsportart der Schönen und Reichen galt, sie sind längst vorbei. In der Ödnis rund um den Scharmützelsee wimmelt es nur so vor Golf-Freaks, und so sagen sich dort eben nicht nur Hase und Igel "Gute Nacht", sondern es fliegen tagsüber auch kleine weiße Bälle durch die von städtischer Umweltbelastung befreite Luft.

"Das Sport & Spa Resort A-Rosa Scharmützelsee mit seinen drei 18-Loch-Plätzen, zwei Driving Ranges und einem 9-Loch-Kurzplatz bietet für Golfer jeder Spielstärke das ideale Angebot." So sagt es der Prospekt. Und was ist, wenn man gar nicht Golfen kann? Dann soll man innerhalb von rekordverdächtigen fünf Tagen seine Platzreife, also den Golf-Führerschein, schaffen. Allerdings und Achtung, das ist jetzt ganz wichtig: ohne Garantie. Das steht auch im Prospekt. Klingt sportlich, aber irgendwie auch verlockend und herausfordernd. So herausfordernd, dass ich als Sportjournalist - und aktiver Fernsehsportler - dieses Angebot nicht ausschlagen kann. Zumal man sich jenseits der 30 dem idealen Golfalter immer mehr nährt. George Clooney hat übrigens erst mit 40 angefangen, den Schläger zu schwingen. Jetzt oder nie, mach den Selbstversuch, Klaus!

Automatismen, Gefühl und Konzentration

Vor Ort stelle ich fest: Es gibt noch mehr Kurzentschlossene, die sich auf das Abenteuer "Platzreife innerhalb einer Woche" eingelassen haben. Jeder der durchaus homogenen Sechser-Gruppe hat auch schon mal einen Schläger in der Hand gehabt. Joseph aus Stuttgart hat sogar schon zwei Kurse hinter sich, erzählt er mir auf dem Weg zur ersten Trainingsstunde. Klar, ich hab früher beim Minigolf auch noch jeden von der Platte geputzt, denke ich. Der soll mal nicht so einen auf dicke Hose machen. Zwei Kurse und immer noch keine Platzreife, so kann man es nämlich auch sehen, Joseph.

Angeführt wird die Gruppe von Steffen. Er ist unser Trainer in dieser Woche. Der 33-jährige Berliner, der seit 28 Jahren Golf spielt, soll uns also für die Prüfung am Freitag fit machen. Für den ersten Tag sind vier Stunden Training angesetzt. Das Wetter ist nahezu ideal, nicht zu heiß bei bedecktem Himmel. Steffen weiht uns in die Philosophie und die Begriffe des Golfsports ein. Er spricht viel von Automatismen, von Bewegung, Gefühl und Konzentration. Der "Pro", so nennt man in der Golfsprache den Trainer, erklärt auch, welcher Schläger für welchen Schlag geeignet ist. Klingt alles etwas kompliziert, ist es aber nicht. Schnell sitzen Begriffe wie "Pitching Wedge", "Sandwedge" oder "Putter". Dann endlich gibt Steffen den Startschuss. Das Zeichen, auf das alle gewartet haben.

Golfer-Träume werden wahr

Das Putten, also das kurze Spiel auf dem Grün mit der direkten Annäherung zum Loch, steht zunächst auf dem Programm. Die Bälle flitzen nur so über das kurzgeschorene Gras - das Loch trifft niemand. Schnell wird klar, dass das Niveau der Gruppe ausgeglichen ist. Alle sechs sind in etwa auf dem gleichen Level. Das beruhigt. Die Lerntaktik ist klar: Der "Pro" führt uns immer weiter weg vom Grün, sodass die Entfernung zum Loch größer wird und man jeweils entsprechend unterschiedliche Schläger in die Hand nehmen sollte. Besondere Freude kommt auf, als es in die gefürchteten Sand-Bunker geht. Von dort aus aufs Grün zu gelangen, ist wohl die wahre Kunst des Golfsports. Steffen macht das großartig. Immer wieder führt er uns die Schläge selbst vor, bei ihm sieht alles spielerisch leicht aus. Das muss doch innerhalb von einer Woche zu schaffen sein. Mal abwarten! Das fiese am Golf ist nämlich, dass man in relativ kurzer Zeit kleine Erfolge feiert, die sich aber schon wenig später als böse Rohrkrepierer entpuppen.

Nach zwei Stunden intensiven Schlagtrainings schickt Steffen uns in die Pause. Golf ist nicht wirklich anstrengend, aber trotzdem weiß man hinterher, was man getan hat. "Angenehm erschöpft", nennt der "Pro" das. Die kurzen Annäherungsschläge haben wir gelernt, als Nächstes steht das Abschlagen auf dem straff organisierten Trainingsplan. Darauf fiebert die Gruppe hin. Denn das optimale Treffen des Balles verbunden mit dem ganz besonderen Geräusch und einer möglichst langen und hohen Flugbahn: davon träumen Golfer - ob Anfänger oder Könner.

Natürliche Selektion setzt ein

Also dann, rauf auf die Driving Range und Bälle kloppen. Und hier trennt sich anscheinend die Spreu vom Weizen. Während die Männer, leicht Macho-like, alles aus sich rausholen und mit stattlichem Erfolg auf alles zielen, was sich bewegt, schwächeln die Damen zunächst. Ganz schlimm trifft es Petra, Josephs Frau. Die Blondine schwingt so unglücklich, dass sie sich prompt einen Lendenwirbel ausrenkt. Das war's dann für heute. Zum Glück ist es hier im Sport & Spa Resort A-Rosa nicht weit zum Chiropraktiker ...

Zum Ende der zweistündigen Prügelorgie holen die verbliebenen Ladys dann tatsächlich noch auf. Die Jungs sind platt, zahlen jetzt für ihren Übermut und den übertriebenen Krafteinsatz. Die Folge: Blasen an den Händen, steife Hälse und trockene Kehlen. Steffen registriert die Erschöpfungserscheinungen und schickt uns alle gemeinsam zum Abschluss des ersten Tages noch einmal auf's Putting-Green. "Bei allem Ehrgeiz bleibt Golf ein Spiel. Und der Spaß sollte dabei niemals zu kurz kommen", sagt er noch. Pah, denke ich. Morgen ist es vorbei mit dem Spaß. Dann wird es erstmals auf den Platz gehen. Neun Löcher stehen auf dem Programm. Und noch ist nicht sicher, ob Petras Lendenwirbel bis dahin wieder mitmacht. Mal schauen, ob die natürliche Selektion weitergeht. Ich jedenfalls werde durchhalten, komme, was wolle!


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