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America's Cup: Millionen für die Millionäre

Flaute in Valencia, kein Wind, keine Regatten. Aber wen interessiert das eigentlich, oder besser: Wen interessiert eigentlich der America's Cup?

Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Als ich bei einem Capuccino nahe am Hafen über den nächsten Artikel zum America's Cup nachdenke, überkommen mich plötzlich Zweifel. Also frage ich Maria, die auf dem Hocker neben mir sitzt:
"Sag mal, interessierst du dich zufällig für den America's Cup?"
"Was ist das?"
"Der wichtigste Segelwettbewerb der Welt."
"Ah, OK, nein."
"Nein? Warum nicht?
" "Weil mich Segeln noch nie interessiert hat."
" Verstehe …"
Weibliche Logik, und wie immer nicht zu widerlegen.

Ich gehe in mich und versuche mich zu erinnern, wer sich in meinem Bekanntenkreis für Segeln interessiert. Mathias, gut verdienender Zahnarzt: nein. Oliver, Topmanager bei der deutschen Börse: schwärmt für's Sumoringen, aber nicht für's Segeln. Thomas, Wahl-Hamburger, Topmann bei Philips: nein, nur Frauen, Autos und Fußball, wie gehabt. Fährt zwar einen teuren BMW, aber sein Herz schlägt, soweit ich weiß, nicht für BMW Oracle. Ich nehme einen kalten Schluck Capuccino und sinniere weiter über Sport im Allgemeinen und den America's Cup im Besonderen.

Kompliziert ist es schon

Klar, der America's Cup ist nicht so leicht zu verstehen wie Fußball: ein Ball, zwei Tore, zwei Halbzeiten, Bum Bum. Oder Formel 1: Immer im Kreis herum, das rote Auto, das als erstes durch's Ziel geht, ist der Ferrari. Der America's Cup stellt da schon höhere Ansprüche an das männliche und menschliche Gehirn: Erst mal eine Menge "Acts", also Showregatten, irgendwann der nach der Handtasche der Freundin benannte, rund drei Monate dauernde Herausforderer-Cup und dann erst die "Best of Nine"-Regatten des America's Cup selbst. Und auch die AC-Regatta an sich ist ja nicht so ohne weiteres zu verstehen: Fünf Minuten Kleinkrieg, bevor es überhaupt über die Startlinie geht, ein Spielfeld, das ohne GPS und Computersimulationen so gut wie unsichtbar bleibt, Vorfahrtsregeln, gegen die sich das Abseits im Fußball wie ein Geniestreich ausnimmt und Boote, die etwa halb so schnell unterwegs sind wie die Männer bei der Tour de France – wenn es die ersten Hügel hinaufgeht. Undankbar das Ganze, sehr undankbar.

Spaß für die Internationale Hummer-Society

Andererseits investieren BMW, T-Systems, die Allianz, 1&1 und andere deutsche Spitzenunternehmen Hunderte von Millionen Euro in das Spektakel, und das würden sie doch nicht tun, wenn sie sich nichts davon versprechen würden, oder? Richtig. Ich blättere in meinen Unterlagen. "Werben und Verkaufen", Nr. 7/2007. Dort steht unter "Trendsport für Reiche" etwas zum Image des America's Cup bei denen, die Jochen Schümann nicht "für irgendso'n neuen Starkoch" halten wie mein alter Freund Tomte. Diesem erlauchten Kreis gilt der Segelsport als "herausfordernd" (85 %), "ansprechend" (82 %) und "High Tech/ High Quality" (80 %). Das also ist die eigentliche Zielgruppe der Sponsoren:
"Schatz, stell bitte den Beamer etwas leiser und komm essen, der Hummer wird sonst kalt."
"Ich bin sofort bei dir, Beatrice, aber der America's Cup ist gerade so ansprechend!"

Hm, ich lächle die Bedienung an und denke weiter über die Sache nach. Jetzt wird mir manches klar, etwa die Tatsache, dass die ARD die Regatten aus Valencia erst nachts um zwanzig nach eins überträgt. Wer am nächsten Tag außer leichtem Golftraining nichts vorhat, sieht sich um diese Zeit gerne Sport im Fernsehen an. Und langsam dämmert mir auch, warum sich BMW mit 15 Millionen Euro beim America's Cup engagiert: Für den schwer vermögenden Yachtbesitzer stellt das neue 6er-BMW-Cabriolet nämlich eine ernstzunehmende Option dar, wenn es um ein passendes Weihnachtsgeschenk für den Butler oder den neuen Einkaufswagen für die 18jährige Stieftochter geht. Auch das Engagement von T-Systems leuchtet mir jetzt mehr und mehr ein: Wer eine Fabrik mitsamt 10.000 Mitarbeitern besitzt, hat wahrscheinlich noch nie selbst eine Telekom-Hotline anrufen müssen. "Was man gemeinsam erreichen kann? Eigentlich alles!" Stimmt.

Nicht nur an die Zuschauer denken

Bleibt eine letzte Frage: Warum sollte ich an einem Artikel zum America's Cup weiter schreiben, den wahrscheinlich ohnehin niemand lesen wird? Gegenfrage: Wie gut war unser Sex mit 18? Wer von uns konnte mit 25 einen Bordeaux von einem Glas naturtrüben Johannisbeersaft unterscheiden? Und hätte sich einer von uns vor dem 30igsten Lebensjahr mit einer Arie von Maria Callas im Ohr auf die Terrasse gesetzt und über das Göttliche in der Musik nachgedacht? Eben. Manche Dinge, auch die schönsten, gewinnen in unserem Dasein erst nach und nach an Bedeutung. Wenn wir neugierig bleiben. Wenn wir uns die Mühe machen, das Besondere an einer Sache zu entdecken. Bis wir irgendwann vielleicht sogar Genuss daraus ziehen.

"Wenn man ein bisschen an den Zuschauer denkt, darf man da nicht Segeln senden", hat der verantwortliche Sportredakteur der ARD, Günther Betz, erklärt und den frühen Mittag gemeint. Eigentlich richtig, und doch falsch, Herr Betz, denke ich noch, bevor ich den Capuccino bezahle und lächelnd hinunter zum Hafen gehe.

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