Bestätigte Sperre Pechstein darf nicht bei Olympia starten


Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat die Dopingsperre der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein bestätigt. Die Olympischen Spiele im nächsten Jahr rücken für die 37-Jährige damit in weite Ferne. Sogar das Karriereende droht.

Claudia Pechstein steht vor dem Ende ihrer Karriere: Der Internationale Sportgerichtshofes CAS bestätigte am Mittwoch in seinem 66-seitigen Urteil die Zwei-Jahres-Sperre der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin. "Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen", erklärte Pechstein in einer ersten Reaktion, "ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fairplay gibt." Der 37-Jährigen droht nun die Kündigung ihrer Stelle bei der Bundespolizei. Auch finanziell steht sie beim erwarteten Rückzug von Sponsoren vor einem Scherbenhaufen.

Der Eislauf-Weltverband ISU hatte die Berlinerin am 3. Juli wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt. Dagegen war sie vor dem obersten Sportgericht in Berufung gegangen. Pechstein, die jegliches Doping bestreitet, hatte bereits zuvor angekündigt, nun vor das Schweizer Bundesgericht ziehen zu wollen. Erst in der vergangenen Woche hatte das Zivilgericht einer Beschwerde des ehemaligen deutschen Eishockey-Nationalspielers Florian Busch gegen ein CAS- Urteil nach drei Monaten Wartezeit stattgegeben.

"Wir akzeptieren das CAS-Urteil, aber es ist eine große Enttäuschung. Jeder Dopingfall ist eine große Enttäuschung", erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach am Mittwoch der Deutschen Presse Agentur dpa, "sie wird sich neue Ziele suchen." Das Urteil werde aber den Kampf gegen Doping nach vorne bringen, so der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, weil "die Bedingungen für eine indirekte Beweisführung konkretisiert wurden".

"Ich bin platt, mir verschlägt es die Sprache"

In jedem Fall wird die CAS-Entscheidung in dem Präzedenzfall die Tür für weitere Sperren mit indirektem Beweis öffnen. Zahlreiche internationale Sportverbänden haben Listen von Athleten, deren Blutbilder Abnormalitäten aufweisen. Pechstein sieht sich als Opfer dieser Strategie der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, die am 1. Januar 2009 mit ihrem neuen Code den indirekten Beweis ohne positiven Befund möglich gemacht hatte.

"Wie man mich ohne Beweis, aufgrund eines einzigen Indizes, das zudem in der Wissenschaft noch sehr umstritten ist, sperren kann, wird mir für immer unbegreiflich bleiben", sagte Pechstein. Ihr Anwalt Simon Bergmann kündigte an, schnellstmöglich ein Verfahren vor dem Schweizerischen Bundesgericht in Lausanne anzustrengen und sprach von einem "schwarzen Tag für die Sportrechtssprechung". Der Teamchef der deutschen Eisschnellläufer, Helge Jasch, reagierte bestürzt: "Ich bin platt, mir verschlägt es die Sprache. Wir sind damit sportlich geschwächt, schließlich können nicht 20 Leute in unserem Team zu Medaillen laufen."

Für den Nürnberger Pharmakologen Fritz Sörgel war der Fall dagegen "von Anfang an" klar: "Ich hatte nicht an die Blutkrankeit geglaubt. Für alle, die es an indirekten Beweisen forschen, ist das Urteil ermutigend. Es ist immer eine gewisse Unsicherheit mit drin, aber diese ist im Fall Pechstein sehr klein."

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"Abnormale" Blutwerte

Der Internationale Sportgerichtshof CAS begründet die Bestätigung der Sperre von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein unter anderem mit dem unnormalen Verlauf des Blutprofils der Berlinerin. Das geht aus der 66-seitigen Urteilsbegründung des CAS hervor. "Das CAS-Gremium stellte fest, dass der Anteil der Retikulozyten bei der Athletin am 6. und 7. Februar 2009 in Hamar einen Wert aufwies, der im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung in Europa, zu anderen Elite-Eisschnellläufern und auch im Vergleich zu ihren eigenen üblichen Werten abnormal war. Das Gremium stellte außerdem fest, dass der Unterschied der Werte vom 8. Januar mit 1, 74, vom 6. Februar mit 3,49 und vom 18. Februar mit 1,37 nicht normal war."

Dieser Verlauf sei durch die medizinischen Begründungen, die Pechstein angebracht habe, "nicht zu erklären". Der CAS schrieb in einer Zusammenfassung seiner Begründung, dass der Eislauf-Weltverband die Beweislast "zur Zufriedenheit des Gremiums" getragen habe. Pechstein habe die Werte "nicht in vertretbarer Weise" mit einer angeborenen Krankheit oder einer Blut-Abnormalität erklären können. Der CAS stellte deshalb fest, dass eine "Manipulation des Blutes der Athletin die einzige vernünftige Alternative für die Ursache ihrer abnormalen Werte" darstelle. Die von Pechstein angeführten angeblichen Verfahrensfehler der ISU beim Umgang mit den Blutproben ließ der CAS nicht gelten. Er hält das angewandte Messverfahren für "zulässig".

Pechstein war lange Zeit fest von einem Freispruch ausgegangen. Erste Zweifel waren ihr vor gut zwei Wochen gekommen, als der CAS das ursprünglich für den 5. November angekündigte Urteil am Abend davor um gut 14 Tage verschoben hatte. "Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird", erklärte Pechstein.

"Der Fall ist wichtig für Deutschland und die ISU"

"Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten", schimpfte Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, die für die eigene Verteidigung knapp 250 000 Euro ausgegeben haben soll. "Wenn die Umkehr der Beweislast im Anti-Dopingkampf Schule macht, dann kann man ja zukünftig keinem talentierten Kind oder Jugendlichen mehr mit gutem Gewissen empfehlen, Leistungssport zu treiben. Denn am Ende steht man womöglich, so wie ich jetzt, unverschuldet vor den Trümmern seiner Karriere. Das ist alles einfach unbegreiflich."

Sportrechts-Experte Michael Lehner bezeichnete die CAS- Entscheidung als "sportpolitisches Urteil, ein Schnellschuss-Urteil". Es gebe bisher "kein Anwendungsprotokoll, das genau beschreibt, wie der indirekte Nachweis zu führen ist", sagte der Heidelberger Jurist. Es stehe "auf sehr dünnem Eis, ohne saubere juristische Vorbereitung. Da hat Claudia Pechstein richtig Pech gehabt. Ich wünsche mir, dass sie jetzt als Vorreiter anderer betroffener Athleten weitergeht vor das Schweizer Bundesgericht."

David Howman, der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, hatte bereits am Dienstag beim Anti-Doping-Forum in Berlin versucht, die Bedeutung des Falls herunterzuspielen: "Der Fall ist wichtig für Deutschland und die ISU. Aber wir betrachten den Fall wie jeden anderen auch."

DPA/SID DPA

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