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Boris Becker: Von der Witzfigur zum Supercoach

Boris Becker erntete in den letzten Jahren häufig Spott, landete in Klatschspalten und Unterhaltungsshows. Jetzt ist er endlich wieder da, wo er hingehört: im Tennis. Und er ist ein klasse Trainer.

Von Felix Haas

Der Spott erreichte seinen Höhepunkt im Dezember 2013, als die erste sportliche Boris-Becker-Nachricht seit Jahren über den Ticker lief. Becker hatte da kurz vorher eine Mütze mit Fliegenklatschen an den Seiten im Fernsehen getragen, hatte seine Tratsch- und Klatsch-Biographie "Das Leben ist kein Spiel" veröffentlicht, der stern schrieb damals dazu: "Bobbele, der neue Loddar", Becker war auf dem besten Weg zur Witzfigur. Da passte diese Nachricht für viele erstmal glänzend ins Bild: Boris Becker wird neuer Tennis-Trainer von Novak Djokovic, der damaligen Nummer Zwei der Welt. "Was soll der dem denn noch beibringen?", fragte selbst der ehemalige Davis-Cup-Teamchef Niki Pilic.

Eineinhalb Jahre später fragt sich so etwas keiner mehr. Im Gegenteil. Die Frage ist eher: Was hat Becker bloß mit diesem Djokovic gemacht?

Novak Djokovic war schon immer ein herausragender Spieler. Was ihm fehlte, war die Konstanz. Und jetzt, unter Becker, dominiert er die Tennis-Welt. Der Serbe ist seit sieben Monaten die Nummer eins, führt die Rangliste mit großem Abstand an. Er gewinnt und gewinnt, allein in diesem Jahr erst die Australian Open, dann die folgenden vier Turniere in Indian Wells, Miami, Monte Carlo und gerade in Rom, gegen Roger Federer, gegen Andy Murray. "Djokovic steht über allen. Djokovic ist so wie vor sechs, sieben Jahren Federer", sagt Ex-Tennis-Star Nicolas Kiefer. Mittendrin im Erfolg: Boris Becker, von der großen Öffentlichkeit fast unbemerkt.

Der entscheidende Faktor für Djokovics Erfolg

Dabei glauben viele Experten, dass Becker der entscheidende Faktor für Djokovics Erfolg ist. Und auch Djokovic selbst weiß um die Rolle seines Coaches. Er sagt: "Ich lerne nach etwas mehr als einem Jahr weiterhin ständig neue Dinge von ihm. Vor allem in psychologischer Hinsicht hilft er mir, weil er diese Situationen bereits kennt." Man hat ihm das vielleicht nicht mehr zugetraut, nach all dem Spöks, nach all den Abschweifungen in die Promi-Welt und ins Poker-Lager. Aber er hat Djokovic tatsächlich besser gemacht.

Das Erstaunliche ist, dass sich Becker mit seinem Trainer-Job verändert. Will man sich bei ihm nach seiner Rolle erkundigen, bekommt man eine überraschende Antwort. Becker will dazu nicht viel sagen. Er drängt jetzt nicht mehr in die Medien. Ein Gespräch mit dem stern lehnt er erst einmal ab. Zu viel zu tun. Frühestens vor Wimbledon könne er da etwas machen.

Sein Schützling soll Emotionen zeigen

Jetzt stehen gerade die French Open an. Es ist eine spannende Zeit für Becker und seinen Schützling Djokovic. Der "Djoker", wie ihn seine Fans nennen, geht als Favorit in Paris an den Start. Doch das Turnier konnte er als einzigen Grand Slam noch nie gewinnen. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Becker vor Wochen dazu: "Wir denken da nicht dran, wir gehen Match für Match vor."

In Paris dürften wie immer nicht allein die Tennis-Fähigkeiten entscheiden. Die psychologische Komponente ist mindestens so entscheidend. Und die scheint Becker bei Djokovic bis ans Äußerte optimieren zu wollen. "Ich habe ihm nicht das Tennisspielen neu beigebracht", sagte Becker der "SZ". Er will das letzte bisschen Leistungsvermögen über die Leistung im Kopf herauskitzeln. Djokovic soll Emotionen zeigen. "Wenn er gefrustet ist und meint, er müsse Dampf ablassen, dann darf er das, wir wollen das sogar."

Becker am richtigen Platz - am Court

Der Plan für Paris scheint also zu stehen. Genaueres über seine Arbeit als Coach erfährt man derzeit nicht von ihm. Da muss man sich dann bis kurz vor Wimbledon gedulden. Schlimm ist das nicht. Dass Becker nicht mehr so in die Öffentlichkeit drängt, ist schließlich ein gutes Zeichen. Becker ist wieder versunken. In seiner wahren Leidenschaft Tennis. Er ist endlich wieder da, wo er hingehört: im Sport. Und da gibt es keinen Anlass, über ihn zu spotten.

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