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Boxen: Boxing Day - Neustart bei Universum

Das Universum schlägt zurück, so dachte man, doch der runderneuerte Boxstall trat mit einer Flotte rostiger Raumschiffe an. Wir blicken auf den Ding-A-Ling Man und einen schwachen Europameister zurück, dazu haben wir die spannensten Kämpfe des kommenden Wochenendes im Programm.

Den "Untergang des Universums“ beschrieb sportal.de schon im August 2009. Nun ist der einst größte Boxstall Europas auf der Mission "Das Universum schlägt zurück.“ Zum Kampfabend im neuen Gym in Hamburg-Lohbrügge erschien der runderneuerte Boxstall allerdings mit einer Flotte rostiger Raumschiffe. Alexander Dimitrenko ließ weniger die Fäuste fliegen, als seine Gedanken um einen eventuellen Kampf gegen einen der beiden Klitschko-Brüder. Aber nun mehr zu den einzelnen Kämpfen des Comeback-Abends.

Mit blauem Auge davon gekommen
Alexander Dimitrenko (32-1-0) vs. Michael Sprott (36-17-0)

Der Europameister im Schwergewicht tat sich gegen den 14 Zentimeter kleineren Michael Sprott schwer. Der Brite konnte in der Halbdistanz Treffer landen, brachte seine Führhand gut an, und auch der linke Haken fand mitunter eindrucksvoll ins Ziel. Dimitrenko versuchte, das Geschehen aus der Distanz zu kontrollieren, verlor aber oft den Überblick und hatte Glück, dass ihm Ringrichter Massimo Barrovecchio wohl gesonnen war. Die zeitweise unsauberen Attacken von Sprott bestrafte Barrovecchio etwas übertrieben mit zwei Punktabzügen, das Urteil der Punktrichter (117-111, 116-111 und 119-108) fiel zu einseitig aus.

Der britische Herausforderer machte insgesamt zu wenig, um den Kampf zu gewinnen, der haushohe Favorit Dimitrenko enttäuschte allerdings auf ganzer Linie. Seine Ankündigungen, gegen die Klitschkos boxen zu wollen, wirken nach diesem Abend ein wenig peinlich. “Ich würde am liebsten morgen gegen sie in den Ring steigen. Sie sehen mich aber als Bedrohung an...“, so Dimitrenko laut boxen.de (bzw. Alexander Pavlov). Michael Sprott, der auch Sparringspartner der Klitschkos ist, bot da die realistischere Einschätzung. "Dimitrenko ist noch nicht bereit für die Klitschko-Brüder, das ist eine andere Liga. Die sind ihm in allen Belangen überlegen“, so Sprott laut Süddeutscher Zeitung.

"Ding-A-Ling Man" verhaut den Panther
Juan Carlos Gomez (49-3-0) vs. Darnell Wilson (24-12-3)

Der 37-jährige Wilson verlor sieben seiner letzten zehn Kämpfe. Der "Ding-A-Ling Man“ gilt als Aufbaugegner. Nachdem der ehemalige Cruisergewichts-Champion Gomez im März 2009 schon mal Vitali Klitschko herausfordern durfte (und dabei chancenlos war), sollte der Kampf gegen Wilson die wohl letzte Möglichkeit auf einen abermaligen WM-Kampf im Schwergewicht sein. Der Kubaner quälte sich, nach eigenen Angaben von einer Schulterverletzung gehandicapt, zehn Runden lang und verlor knapp nach Punkten. Der Black Panther "schob sich schnaufend wie eine schwere Dampflok durch den Ring“, beschrieb das Hamburger Abendblatt die Blamage passend.

Boytsovs Mühe gegen "Schwabbelbauch“
Denis Boytsov (29-0-0) vs. Matthew Greer (14-7-0)

Der 25-jährige Russe Denis Boytsov gilt als große Hoffnung im Schwergewicht. Durch seine verletzte rechte Hand, die mehrfach operiert werden musste, wurde der schlagstarke Universum-Boxer in seiner Entwicklung immer wieder unfreiwillig gestoppt. Er trat gegen Matthew Greer an, der in den letzten drei Jahren vier von sechs Kämpfen verloren hatte und sich mit deutlich zuviel Gewicht auf den Rippen präsentierte. Gegen den Journeyman tat sich Boytsov schwer. Zwar bestimmte er den Kampf durch seinen Jab, brauchte aber bis zur sechsten Runde, bis der Ringrichter das Duell abbrach.

Einen Niederschlag konnte Boytsov dabei nicht verbuchen. Der 43-jährige James "Lights Out“ Toney hatte Greer vor zwei Jahren schon nach zwei Runden brutal KO geschlagen. Die gute Nachricht? Boytsov Schlaghand hielt, aber der ungeschlagene Russe kann und muss sich in den nächsten Kämpfen mächtig steigern, wenn er seinen Ruf als kommender Weltmeister untermauern will.

Silberstreif am Horizont
Rakhim Chakhkiev (11-0-0) vs. Michael Simms (21-15-2)

Den besten Eindruck hinterließ – wieder einmal – Cruisergewichtler Rakhim Chakhkiev. Der Olympiasieger von 2008 gewann durch KO in der vierten Runde gegen den erfahrenen Amerikaner Michael Simms. Bereits in der zweiten Runde musste Simms zu Boden, in der vierten war dann nach einem schmerzhaften Körpertreffer Schluss. Bis dato war Michael „Famous“ Simms noch nie KO gegangen. Der eindeutige Sieg ließ die Universum-Verantwortlichen zu wahren Lobeshymnen abheben. "Außergewöhnlich. Das Beste, was ich seit langem im Ring gesehen habe“, schwärmte Universum-Manager Dietmar Poszwa. Auch sein Trainer Michael Timm war begeistert: "Rakhim hat das hervorragend gemacht, er hat sich Ruhepausen genommen und sehr intelligent geboxt. Ich bin sehr stolz auf seine Leistung. Es wird nun erste Gespräche in Richtung Meisterschaft geben. Ob zehn oder zwölf Runden, werden wir sehen.”

Fazit

Der 28-jährige Russe Chakhkiev war zumindest ein Funken der Hoffnung an einem ansonsten enttäuschenden Boxabend. Auch der neue Geschäftsführer Waldemar Kluch, der dem bisherigen Chef und Universum-Gründer Klaus-Peter Kohl den größten Teil der Firmenanteile abgekauft hat, wusste, dass es noch viel zu tun gibt, um das alte Schlachtschiff wieder auf Kurs zu bringen. "Die Boxer müssen den Rost loswerden“, kommentierte der an diesem Abend mit eingefrorenem Lächeln am Ring sitzende Kluch anschließend treffend.

Wir wollen aber nicht nur zurück blicken. Am nächsten Wochenende gibt es ebenfalls interessante Boxkämpfe, die eine Vorschau durchaus rechtfertigen. In den USA boxt der neue Star am Mittelgewichts-Himmel Sergio Martinez gegen den Briten Darren Barker. In Deutschland versucht Sebastian Sylvester nach seinem Titelverlust gegen Daniel Geale wieder in die Spur zu kommen, der interessanteste Kampf dürfte aber das Aufeinandertreffen zwischen Cruisergewichts-Weltmeister Steve Cunningham und Interims-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez sein. Hier unser Ausblick auf das Boxwochenende.

Samstag, 1. Oktober 2011, Jahnsportforum, Neubrandenburg
Sebastian Sylvester (34-4-1) vs. Brzegorz Proksa (25-0-0)

Nach der enttäuschenden Leistung und dem Titelverlust gegen Daniel Geale will Sebastian Sylvester vor heimischer Kulisse gegen den Polen Grzegorz Proksa den EM-Gürtel im Mittelgewicht und sein verloren gegangenes Renommee zurück erkämpfen. Der interessantere Kampf findet allerdings im Cruisergewicht statt. In einem stallinternen Duell stehen sich die beiden Sauerland-Boxer Steve Cunningham und Yoan Pablo Hernandez gegenüber.

Steve Cunningham (24-2-0) vs. Yoan Pablo Hernandez (24-1-0)

Der Amerikaner Steve "USS“ Cunningham gilt als der beste Cruisergewichts-Boxer derzeit. 2007 besiegte er Marco Huck, verlor allerdings gegen Tomasz Adamek und auch den ersten Kampf gegen Krzysztof Wlodarczyk. Der Kubaner Hernandez sollte eigentlich gegen WBA-Champ Guillermo Jones antreten, aber der von Don King betreute Boxer konnte ein Aufeinandertreffen bisher erfolgreich vereiteln. So muss Hernandez gegen Cunningham in einem der spannendsten Stallduelle seit langer Zeit ran. Angst hat der Kubaner, der von Uli Wegner betreut wird, allerdings keine – auch wenn er weiß, dass der Amerikaner Huck schlagen konnte. "Der Kampf gegen Marco ist schon ein paar Jahre her. Wer weiß, ob das Ergebnis heute nicht anders aussehen würde. Aber dies wird mein Tag und der Kampf meines Lebens“, prognostizierte Hernandez.

Samstag, 1. Oktober 2011, Boardwalk Hall, Atlantic City
Sergio Gabriel Martinez (47-2-2) vs. Darren Barker (23-0-0)

Der ungeschlagene Europameister im Mittelgewicht Darren "Dazzling“ Barker geht als Underdog in den Kampf gegen Martinez. Der 29-jährige Brite weiß um seinen Status. "Ich verstehe, dass ein britischer Champion und Europameister zu sein, in den Staaten nichts bedeutet. Die Amis haben keine Ahnung, wer ich bin, aber keine Sorge, sie werden mich kennen lernen”, sagte Barker vor dem Kampf auf 8countnews.com. In den USA freuen sich die Boxfans schon auf ein eventuell 2012 geplantes Aufeinandertreffen von Sergio "Maravilla“ (das Wunder) Martinez mit Manny Pacquiao.

Dennoch sollte Martinez zunächst aufpassen, dass er nicht selbst sein blaues Wunder erlebt. "Wenn man sich die letzten drei Kämpfe von Sergio gegen Kelly Pavlik, Paul Williams und Sergiy Dzinziruk an sieht, dann muss man sagen, dass das wirkliches gutes Boxen war. Aber ich glaube, ich bin der gewachsene Mittelgewichtler von uns beiden. Ich bin größer und stärker als er, und ich bin davon überzeugt, diese Vorteile in dieser Nacht in den Ring bringen zu können. Es gibt nichts Gefährlicheres als einen hungrigen Boxer, und das bin ich“, legte Barker verbal auf boxingscene.com vor. Am Wochenende werden wir erfahren, ob es ein Wunder gibt, oder ob "das Wunder“ den Kampf gewinnt.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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