Chinas Hürdenstar Liu Xiang Volksheld ohne Arztwahl


Hürdenstar Liu Xiang war Chinas wichtigster Athlet für die Spiele von Peking. Dass er verletzt ausschied, nimmt keiner übel. Dafür umso mehr, dass er sich in den USA operieren lässt.
Von Christoph Bertling

Sein Schmerz war der Schmerz der weltgrößten Nation. Als Liu Xiang, Chinas Hürdensprintweltmeister und Gesicht der Olympischen Spiele 2008, in Peking aus dem Startblock stieg, zeigte sich das Riesenreich schockiert. In nahezu jeder TV-Sendung, fast allen Radios und in jeder Zeitungsausgabe wurde von dem großen Unglück berichtet. Xiang, die Goldhoffnung in der Leichtathletik, war verletzt ausgeschieden. Immer wieder flimmerten die Tränen seines Trainers Sun Haiping über die Bildschirme.

Vorwürfe gab es nicht, warum auch, Xiang bekam kollektives Mitgefühl. Das chinesische Staatsfernsehen CCTV unterlegte seine TV-Beiträge über Xiangs Schicksalsschlag sogar mit Liebessongs.

Warum vertraut er nicht den eigenen Ärzten?

Jetzt ist es damit in China vorbei. Xiang läuft sogar Gefahr, zu einer chinesischen Hassfigur zu werden. Nach einer Odyssee von Arzt zu Arzt haben sich nämlich Xiang und Haiping entschieden, seine Achillessehne in den USA operieren zu lassen. Die Behandlung soll Mitte Dezember in Houston/Texas stattfinden - und das ist eine Sache, die viele Chinesen heftig empört. Eine Operation in den USA sehen sie als Demütigung für China an. Warum, so die immer wieder gestellte Frage, vertraut er nicht den Ärzten seines eigenen Volkes?

Die Zeitung "Nanfang Daily" spekulierte, alles sei nur eine "Betrugsshow", der Star simuliere die Verletzung bloß. In chinesischen Blogs wurde Xiang bereits als "Verräter" und "Betrüger" beschimpft. Xiang gilt im Reich der Mitte nicht als unabhängiger Athlet mit freier Arztwahl, sondern als Staatseigentum. Seine Jugend, seine Karriere, seine Erfolge - alles wurde von höheren Instanzen geplant, um China auf seiner sportlichen und politischen Mission zu beglücken. Die Staatsregierung ließ vor den Spielen sogar einen Starkult um Liu Xiang zu, förderte ihn sogar.

Systematisch zum Heimatprodukt aufgebaut

Kein chinesischer Sportler wurde so systematisch zum Heimatprodukt aufgebaut und vermarktet. Nicht einmal die Disziplin durfte sich Xiang selbst aussuchen. Biometrische Untersuchungen zeigten schon im Kindesalter Xiangs, dass aus dem Knirps ein Sprintstar werden könnte. Die Volksrepublik, die keine Vereine, sondern nur Talentschmieden kennt, bestimmte, welche Sportart er zu betreiben habe.

Es folgte eine steile Laufbahn, am Computer geplant. Die Regierung hatte dank Xiang große Hoffnungen, endlich auch in der Leichtathletik angreifen zu können. Spätestens bei den Spielen in der Heimat sollte die chinesische Power für jeden sichtbar sein - und das in einer Sportart, die noch nie von einem Chinesen dominiert wurde.

Xiang ist ein smarter Typ

Schnell zeigte sich, dass die Entscheidung richtig war, auf die Hürdenhoffnung zu setzen. Xiang siegte vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Athen, verbesserte 2006 den Weltrekord, wurde 2007 Weltmeister. Dazu ist Xiang ein smarter Typ - die Liebesbeziehung zwischen Xiang und Volk konnte beginnen.

Fast schon logisch, dass Chinas Regierung und Wirtschaft ihn als nationales Idol vermarkteten. So läuft Xiang bereits seit Jahren für die chinesische Alkohol- und Tabakindustrie Reklame. In chinesischen Theatern werden Stücke mit Xiang als Hauptfigur aufgeführt. Alle Chinesen sollen sich ein Beispiel an dem bescheidenen, leistungsfähigen Sportler nehmen.

Schatten auf der Psyche

Für die Olympischen Spiele sollte er dieses Bild auch dem Ausland vermitteln. Immerhin gehört der Hürdensprintstar für das US-Magazin "Time" zu den 20 bekanntesten Asiaten der Welt. Im Inland sollte er Vorreiter eines chinesischen Sport- und Leichtathletikzeitalters werden. Eine Rolle, die Xiang gern einnahm. "Ich hoffe, ich kann meinen Kollegen zeigen, dass man mit Geduld und Engagement alle seine Fähigkeiten in Leistung umsetzen kann", sagte er vor den Spielen von Peking.

Der Fall der Ikone bei den Olympischen Spielen traf die Bevölkerung so unvermittelt wie hart. Immerhin steht Liu Xiang für Erfolge in Chinas Sport, Wirtschaft und Staat. Doch man konnte es mit der Unberechenbarkeit des Schicksals erklären - auch im normierten China wissen sie, dass ein Mensch keine Maschine ist. Erst die Entscheidung für Amerika nehmen sie übel. Immerhin konsultiert Xiang in der Krise nicht das System, das ihn groß gemacht hat. Dass gerade die USA - und seien es auch nur amerikanische Ärzte - ihren Hürden- und Volkshelden wieder zum Erfolg führen könnten, ist für viele Chinesen ein unerträglicher Gedanke. Immerhin arbeitet das Volk hart, diesen Weltgiganten zu überflügeln. Xiang weiß das. Seine Entscheidung revidiert er dennoch nicht. Schließlich steht seine sportliche Karriere auf dem Spiel, und die medizinische Behandlung scheint ihm in Houston die beste zu sein. "Ich habe das Gefühl, dass mich immer noch die Menschen unterstützen", sagt er abwehrend. Langsam begreift man, was sein Trainer meint, wenn er sagt: "Liu Xiangs Problem ist nicht nur seine Achillessehne, sondern vor allem der Schatten auf seiner Psyche."

FTD

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