Der Fall Caster Semenya Verkommen zu einer Schmierenkomödie


Der Fall Caster Semenya hält die Sportwelt seit Wochen in Atem. Die Frage nach dem Geschlecht der 800-Meter-Weltmeisterin von Berlin scheint mittlerweile geklärt. In Semenyas Herkunftsland Südafrika wird auf dem Rücken des 18-jährigen Teenies trotzdem weiter Politik gemacht.
Von Marc Goergen, Kapstadt

Das Drama begann mit einem keine zwei Minuten währenden 800-Meter-Lauf. Vor fünf Wochen siegte die südafrikanische Läuferin Caster Semenya bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin über die 800 Meter. Erstaunlich waren die fast drei Sekunden Vorsprung vor der Konkurrenz. Noch erstaunlicher ihr muskulöser Körper, ihre tiefe Stimme und die kaum vorhandene Oberweite. Am erstaunlichsten ist allerdings, welche Schmierenkomödie sich daraus entwickelt hat.

Pauschalvorwurf Rassismus

Im ersten Akt, noch in Berlin, beschloss der internationale Leichathletikverband zu testen, ob Semenya tatsächlich eine Frau sei. Diese Tests, so hieß es, würden einige Wochen dauern - und sind, zumindest offiziell, noch nicht beendet. Das führte zu wütenden Protesten des südafrikanischen Verbandes - und machte aus Semenya in der Heimat eine Märtyrerin. Als die 18-Jährige in Johannesburg ankam, warteten da schon Hunderte, unter ihnen Winnie Mandela, die Ex-Frau Nelson Mandelas, und Julius Malema, der immer für eine Provokation zu habende Chef des Jugendverbandes des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). "Warum sind keine weißen Südafrikaner gekommen?", fragte Mandela. "Weil sie keine Patrioten sind, sondern Rassisten", daraufhin Melema.

Da war es, das für Südafrika so heikle Thema der Hautfarbe, und alle Einmischungen von internationaler Seite wurden zunächst mit dem Pauschalvorwurf des Rassismus abgewehrt. Die Nation, so ließ die Regierung wissen, stehe hinter Semenya. Die Familienministerin schrieb einen Beschwerdebrief an die Vereinten Nationen, und der Sportminister sagte, es führe zum dritten Weltkrieg, sollte man Semenya fortan von Frauenwettbewerben ausschließen.

Südafrikanische Vorwürfe werden zum Boomerang

Dabei, und hier beginnt die Volte des Dramas, hatte der südafrikanische Verband vor der Reise nach Berlin selbst das Geschlecht seiner Läuferin getestet. Leonard Chuene, der Chef des Verbands wollte allerdings tagelang nichts mehr davon wissen. "Wir haben es satt, von Europäern angeglotzt zu werden. Wir werden es nicht erlauben, dass unsere Kinder von Europäern ausgeforscht und begutachtet werden", empörte sich Chuene. Erst als Reporter der Wochenzeitung "Mail & Guardian" E-mails ausfindig machten, die Chuene mit Ärzten ausgetauscht hatte, knickte der Sportchef ein. Er gestand, Semenya selbst ausgeforscht und begutachtet zu haben.

Ihr selbst allerdings hatte man davon nichts gesagt. So werden jetzt - Akt drei - alle Vorwürfe des südafrikanischen Verbands zum Boomerang. Die Politiker haben derweil flugs einen neues Ziel ausgemacht, und stürzen sich anstelle des Auslands nun auf Chuene. "Abscheulich" sei sein Verhalten, ließ die Regierungspartei ANC wissen. Und der stellvertretende Sportminister Gert Oostshuizen sagte: "Chuene hat das ganze Land belogen. Das ist nicht akzeptabel". Es scheint nur eine Frage von Tagen, bis Chuene zurücktreten muss. Schon im letzten Jahr entging er nur knapp dem Rauswurf, weil er eine Affäre mit seiner Assistentin hatte und dieser prompt das Gehalt erhöhte.

Männliche und weibliche Geschlechtsorgane

Und Semenya selbst? Klar scheint mittlerweile, was sie ist: ein so genannter Hermaphrodit. Das ließ der internationale Leichtathletikverband durchsickern. Semenya hat offenbar keine Eierstöcke, aber innen liegende Hoden. Ansonsten wird die 18-Jährige von der Öffentlichkeit abgeschottet. Für eine Zeitschrift ließ sie sich, wohl auf Berater hörend, demonstrativ in Frauenkleidern ablichten, das war's. Sie hat sich in ihr Heimatdorf namens Fairlie zurückgezogen, ein Tausend-Seelen-Nest im heißen Norden des Landes. Tagelang parkten Übertragungswagen auf den staubigen Straßen, befragten Reporter jeden, der Semenya von gemeinsamen Badewannen-Aufenthalten kannte - die Läuferin selbst aber war für kein längeres Gespräch zu haben. Auch die Teilnahme an den nationalen Cross-Meisterschaften sagte sie schließlich ab. Wie das Schmierentheater endet? Irgendwann in den nächsten Tagen wird der internationale Leichtathletik-Verband offiziell verkünden, was schon jeder weiß. Semanya hat männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Was allerdings dann mit Caster Semenyas Goldmedaille geschieht, das kann noch keiner sagen. Was in der 18-Jährigen vorgeht, wohl erst recht nicht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker