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Dirk Nowitzki: Die deutsche Ziege

Dirk Nowitzki sollte die Dallas Mavericks zum NBA-Titel führen und als erster Europäer zum Superstar der Liga aufsteigen. Stattdessen ist er auf dem Tiefpunkt seiner Karriere angekommen. US-Medien betreiben ein regelrechtes "Dirk-Bashing".

Von Jan Christoph Wiechmann, Dallas

Wenn er doch mal ausrasten würde. Mal fluchen. Gegen Stühle treten. Fotografen anrempeln. Sich so richtig ärgern. Sich ärgern wie ein Superstar der NBA. Aber nicht mal beim Ärgern ist er das: ein Superstar. Selbst im Moment der größten Niederlage sitzt er vor den Kameras und spricht die Worte sachlich, etwas traurig vielleicht, aber sachlich: "Ich konnte meinem Team in einem entscheidenden Spiel nicht helfen, das ist hart", analysierte Nowitzki nach dem Debakel gegen die Golden State Warriors.

Aber es ging noch sachlicher: "Meine Erwartungen an mich sind sehr hoch, und wenn ich diese Erwartungen nicht erfülle, bin ich enttäuscht." So ist er eben, registrierten die Journalisten. Keine Leidenschaft selbst beim Leiden. Kein Fighter. Kein Leader. Auch im Reden: ein Weichei. Ein deutsches Weichei. Da hatten die US-Medien wieder etwas gefunden für ihr Zerrbild. Etwas zum Draufschlagen.

"Dirk trägt die Schuld"

Und das tun sie seit Freitagmorgen unaufhörlich. Draufschlagen. Die Lokalzeitung Dallas Morning News nennt es das "Dirk-Bashing" der Fans und Medien und beteiligt sich selbst in fast genussvoller Hingabe. Sie beschreiben die Transformation vom "German Giant" zur "German Goat", vom deutschen Giganten zur deutschen Ziege, vom "wertvollsten" Spieler der NBA zum "unsichtbarsten". "Hat einer unserer Stars sich je so in die Hose gemacht?" fragt das Konkurrenzblatt "Fort Worth Star Telegram" und ergänzt: "Er ist der Inbegriff vom Stereotyp eines weichen Spielers aus Europa."

Und weil das der Demütigung nicht genug ist, schreibt der angesehene Kolumnist Jean-Jacques Taylor: "Die Dallas Mavericks werden nie einen Titel gewinnen, so lange Dirk Nowitzki ihr bester Spieler bleibt. Nowitzki trägt die Schuld. Es ist die Wahrheit. Es tut weh, so wie es weh tut, seinen Kindern eine Ohrfeige zu geben."

Eine irrationale Wut entlädt sich auf ihn

Die Ohrfeigen scheinen den Medien nicht besonders weh zu tun. Sie üben sich seit mindestens einer Woche im Dirk-Bashing. Das ist das eigentlich Befremdende in diesen dunklen Tagen von Texas. Dirk Nowitzki spielt seit neun Jahren in Dallas. Er ist mit dem Team groß geworden. Er hat es in die Spitze geführt. Sie alle haben ihn umjubelt, als er die Mavericks in dieser Saison zu großartigen 67 Siegen führte - und schlagen nun gnadenlos auf ihn ein. Es mag das Schicksal eines jeden Stars sein, der die hohen Erwartungen nicht erfüllt, aber es steckt mehr hinter der Kritik, eine fast irrationale Wut, die sich jetzt entlädt.

Es begann im vergangenen Jahr. Nowitzki und die Mavericks holten den NBA-Titel nicht, obwohl sie in der Finalserie Best of Seven schon zwei Spiele gegen Miami gewonnen hatten. Die Kommentatoren sahen den Grund für die Pleite in Miamis überragendem Spieler Dwyane Wade, doch der sah den Grund in Nowitzki: "Dirk sagte, sie hätten den Titel selbst verschenkt, aber der eigentliche Grund für die Niederlage war nur er. Er war nicht der Leader, der du in diesen Momenten sein musst."

Zu unamerikanisch für den großen Star

Dann aber kam er zurück. Als Leader. Er zeigte es allen. Er schaffte im Schnitt 24,6 Punkte und wurde zum Favoriten für die Wahl des wertvollsten Spielers der Saison (MVP). Und er tat dies auf eine so europäische Weise, wie es die spektakelhungrigen Amerikaner nicht eben lieben: In aller Bescheidenheit, als Team-Player, ohne große Show, methodisch, emsig, gewissenhaft. Etwas zu unamerikanisch. Etwas zu deutsch. Ein sehr deutscher Superstar in einem sehr amerikanischen Sport. Das ist nicht die einfachste Kombination.

Er war der beste Spieler der Saison

Nowitzki gab wenig Interviews und riss das Maul nicht auf und sagte, dass der MVP-Titel ihm nichts bedeute, solange sein Team den NBA-Titel nicht holt. In einem Sport, der von seinen Protagonisten ein großes Ego einfordert, war er vielen zu brav, zu sehr "good guy". In einem Markt, der von Großmäulern lebt, war er vielen zu leise. Er war der eindeutig beste Spieler der Saison, aber bei den Trikotverkäufen der NBA rangierte seines nicht unter den Top Ten. Er hat keinen Fernsehstar zur Freundin wie San Antonios Tony Parker. Und keine Ganzkörpertattoos wie Denvers Allen Iverson. Und sagt auch noch diese ernüchternden Sätze: "Ich versuche aus mir nicht eine Marke zu machen. Ich liebe es zu spielen und ich liebe den Sport, aber ich betreibe ihn nicht, um Popularität zu erlangen."

Ein Mann ohne Killerinstinkt?

Es gehört zu den Gesetzen des US-Sports, dass bei historischen Niederlagen wie dieser einer schuldig ist, ein "Bad Guy". So ist nun also der Good Guy der Bad Guy, Nowitzki. Die Journalisten betreten die Umkleidekabine der Mavericks und fordern seinen Abschuss. Sie reden ein auf den Clubeigner Marc Cuban und fragen nach dem Schuldigen, nach Nowitzki. Ist er nicht einfach zu weich? Ein Mann ohne Killerinstinkt? Sollte man ihn nicht verkaufen? Cuban ist ein Milliardär, doch er benimmt sich nicht so. Er stellt sich mit einem schulterfreien Hemd aufs Laufband und beantwortet die Fragen der Journalisten beim Laufen. Er sagt: "Ich liebe Dirk so wie er ist. Ich lasse nichts auf ihn kommen. Er ist ein harter Kerl, ein echter Krieger." Cuban schwitzt und gerät außer Atem und beschreibt einen Mann, den so keiner kennt. Eine Mischung aus Michael Jordan und Larry Bird. Ein feiner Krieger. Aber eben ein Krieger.

Je schwieriger die Lage, desto größer die Worte

Natürlich ist Nowitzki anders. Kein Krieger, aber alles andere als ein Softie. Er hat viele entscheidende Spiele für die Mavericks gewonnen, auch in den Play-Offs. Er hat sich oft genug als Leader gezeigt. Er kann laut sein und Witze machen und seine Ellbogen einsetzen, aber das will jetzt keiner hören. Also fragen die Journalisten Nowitzkis Trainer Avery Johnson. Er ist aufgebracht nach der Niederlage, aber er muss ihn jetzt schützen. Auch er sagt allen, Dirk sei ein großer Kämpfer. Und weil das der Meute nicht reicht, nennt er ihn zudem einen Krieger. Je schwieriger die Lage, desto größer die Worte. Doch auch Johnson erntet ratlose Blicke: Ein Krieger? Nowitzki? Niemals.

Was wirklich in Johnson vorging, zeigte sich am Montag der vergangenen Woche. Da platzte es aus ihm heraus. Da sagte er, dass er es satt habe, Nowitzkis Entschuldigungen zu hören. Er habe auch dieses mangelnde Selbstbewusstsein satt. In diesem einen Moment gab Johnson den Deutschen zum Abschuss frei. Ihr habt Recht, sagten seine Worte. Nowitzki ist zu weich. Er sucht nach Ausreden. Er hat nicht das Selbstvertrauen eines Leaders. Als Nowitzki darauf angesprochen wurde, wehrte er sich nicht. Er schwärmte für Johnson. Er nannte ihn einen großen Motivationskünstler.

Ein guter, aber doch ein Verlierer

Nowitzki selbst trägt eine Mitschuld an dem Zerrbild, das viele nun von ihm kreieren. Nach den ersten drei Niederlagen gegen die Golden State Warriors trat er vor die Presse und lobte die Taktik des Gegners. "Sei ein Mann", hatten Schlagzeilen und Fan-Plakate von ihm gefordert, doch er war lieber ehrlich. Er war ein guter Verlierer. Aber eben ein Verlierer. Noch bevor alles entschieden war. In tiefer Resignation, fast weinerlich, sagte er über den Gegner: "Ich weiß nicht, ob das meine Spiele werden, denn die bedrängen mich, sobald ich den Ball habe."

Da saß er und wirkte so, als habe er die Play Offs schon verloren. Wie einer aus Old Europa, der sich nicht traut in die Schlacht zu ziehen. Wie einer, der das Klischee vom weichen Deutschen endlich erfüllt.

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