Doping Der erste Boykott der Spiele


Kölner Forscher haben Dopingtests für Insulin und Synacthen entwickelt - doch die Welt-Anti-Doping- Agentur zeigt kein Interesse, sie in Peking einzusetzen.

Köln, Deutsche Sporthochschule, Institut für Biochemie, siebter Stock, Raum 720. Da steht er, der Apparat, vor dem der Sport zittern muss. Tag und Nacht summen Ventilatoren, "Sherlock", so der Spitzname des 400.000 Euro teuren Massenspektrometers, braucht einen kühlen Kopf. Sherlock hat ein weltweit einmaliges Talent: Er kann Insulin und Synacthen aufspüren, zwei äußerst beliebte Dopingsubstanzen, er braucht nur ein paar Milliliter Urin oder Blut, und schon nach kurzer Untersuchung ist klar: schmutzig oder sauber. Betrüger oder ehrlicher Athlet.

Mario Thevis, 34, Professor für Präventive Dopingforschung, hat die Analyseverfahren entwickelt. Sie könnten scharfe Waffen sein im Kampf gegen den Medikamentenmissbrauch im Sport. Doch Sherlock ermittelt in Köln einsam vor sich hin - weder das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch die Welt-Anti-Doping- Agentur Wada interessieren sich für sein Testverfahren. Dabei hat der neue Wada- Präsident John Fahey erst Anfang des Jahres wieder bekräftigt, man werde "intelligenter als je zuvor" Betrüger jagen. Schließlich solle die größte Sportveranstaltung der Welt, die Olympischen Spiele im August in Peking, "eine saubere Sache" werden.

Alles vergebens

Mario Thevis schüttelt nur den Kopf. "Absurd", sagt er. "Reden und Handeln sind bei der Wada offensichtlich verschiedene Dinge. Erst fördert sie unseren Insulintest mit 300.000 Dollar, und jetzt will sie nichts mehr von ihm wissen."

Seit Januar 2007 ist der Kölner Test wissenschaftlich anerkannt. Mithilfe eines Massenspektrometers werden Molekulargewichte gemessen und Aminosäuresequenzen gelesen, so kann künstliches von körpereigenem Insulin unterschieden werden. Wada-Forschungsdirektor Olivier Rabin hatte sich auf dem Expertenkongress in Lausanne beeindruckt gezeigt und verkündet: "Wir möchten diesen Test einführen, um unsere Chancen gegen Betrüger zu maximieren."

Passiert ist nichts. Und so darf weiter mit Insulin geschummelt werden. Das Hormon ist ein echter Klassiker im Sportdoping, das weiß man aufgrund von Geständnissen und polizeilichen Ermittlungen - nicht aber aufgrund positiver Tests. Marion Jones, mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Sprint, hat es sich gespritzt, ebenso der amerikanische Radprofi Tyler Hamilton und wohl auch Tour-de-France-Sieger Marco Pantani.

Risiko Insulin-Schock

Insulin stockt den körpereigenen Energiespeicher auf, es sorgt dafür, dass Glukose aus dem Blut in die Zellen eingeschleust wird. So können die Muskeln bis zu zwölf Mal mehr davon einlagern - das macht Insulin ideal für höchste Belastungen. Allerdings riskieren Insulin-Doper viel. Das Überangebot hemmt die körpereigene Produktion und kann aus Topathleten Diabetiker machen. Falsch dosiert, führt Insulin sogar zum Schock, der tödlich enden kann.

Auch für Synacthen, ein Präparat, das eigentlich zur Behandlung von Multipler Sklerose verwendet wird, hat Dopingforscher Thevis einen Nachweis entwickelt. Synacthen wird vor allem von extrem belasteten Radfahrern geschätzt. Der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche sagt: "Man kann es gut für ein Tagesrennen nehmen oder bei wichtigen Etappen. Man fühlt sich zwar am Anfang des Rennens schlecht, aber nach 80 Kilometern macht es klick." Dann kommt der Euphorie-Schub. Synacthen lässt den Schmerz vergessen, denn es fördert die Ausschüttung der Nebennierenrindenhormone, besonders von Cortisol. Weniger Freude macht der Beipackzettel. Mögliche Nebenwirkungen: Psychosen, Nierensteine, Thrombosen, Krampfanfälle.

Den Synacthentest ignoriert die Wada noch konsequenter als den Insulinnachweis. Vor vier Jahren hatte Thevis einen Antrag auf finanzielle Unterstützung seiner Forschungsarbeit gestellt. "Nicht förderungswürdig", hieß es aus dem Hauptsitz der Wada in Montreal. Auch heute hält Forschungschef Rabin von dem Bluttest aus Köln nicht viel.

Knappe Antwort

Vom stern um Stellungnahme gebeten, antwortete er knapp per E-Mail: "Im Vergleich zu dieser Nachweismethode für Synacthen hat ein anderes Forschungsteam schon bedeutende Fortschritte erzielt. Es ist nicht notwendig, die Arbeit zu doppeln."

Von diesem zweiten Forschungsteam weiß wohl nur Rabin. Es gibt in der Datenbank Medline, die wissenschaftliche Fachliteratur listet, keinen Eintrag, und auch Francesco Botrè hat nichts von einem zweiten Projekt gehört. Botrè ist Chef der World Association of Anti-Doping Scientists (WAADS), die alle 33 von der Wada akkreditierten Labore und unabhängige Forscher vereint. "Nicht nachvollziehbar" sei die Verweigerungshaltung der Wada, sagt der renommierte Analytiker aus Rom. "Wir sollten eigentlich alle guten Werkzeuge einsetzen, um den Sport sauber zu bekommen."

Den deutschen Insulintest hält Botrè für wissenschaftlich erstklassig, auch wenn der nicht alle Formen erkennen kann. Rabin hingegen, der das Verfahren noch im vergangenen Jahr gelobt hatte, bemängelt heute, dass eine "unpraktikable Menge" Urin für die Dopingprobe notwendig sei. "Unsinn", sagt Botrè "fünf bis zehn Milliliter Urin brauchen wir für den Test, nicht einmal halb so viel wie für den Nachweis von Epo."

Befremdet über die Wada

Don Catlin, der in Los Angeles ein Vierteljahrhundert lang das renommierteste Dopinglabor der Welt leitete, ist ebenfalls befremdet über die Wada, die vermeintlich so ambitionierte Speerspitze des Anti-Doping-Kampfs. "Aus Köln kenne ich seit Jahren nur fundierte Arbeit", sagt er, "da gibt es nichts zu mäkeln." Der Amerikaner ist eine Kapazität. Er überführte Stars wie den 100-Meter-Weltrekordler Justin Gatlin oder Skilangläufer Johann Mühlegg, Olympiasieger von Salt Lake City; er entwickelte den Test zur Unterscheidung von künstlichem und körpereigenem Testosteron und entschlüsselte die Feinstruktur von Designersteroiden. Catlin, Mitglied der Wada-Kommission für Wissenschaft und Medizin, glaubt, dass die Agentur die Analytiker nicht ernst nimmt. "Sie sagen uns nicht, warum sie einen Test anerkennen und einen anderen nicht. Wir können nur zuhören, argumentieren und auf ihre Integrität vertrauen."

Dieses Vertrauen hat Horst Pagel längst verloren. Er ist Professor am Institut für Physiologie der Universität Lübeck und gilt als Experte für Erythropoietin, kurz Epo, das im Sport illegal als Blutauffrischer verwendet wird. "Was ich über den Kölner Fall höre, kommt mir bekannt vor. Wir könnten ja längst alle Epo-Formen nachweisen, aber der Wada geht es um business as usual. Erwischt werden sollen nur ein paar Athleten. Die präsentiert man dann zur Beruhigung des Publikums als die Bösen. Der große Rest kann in Ruhe weitermachen wie bisher."

Der Italiener Alessandro Donati, seit drei Jahrzehnten einer der weltweit führenden Dopingfahnder, geht noch weiter. Er spricht sogar von einer "fatalen Bindung" der Wada an das mächtige IOC als Veranstalter der Olympischen Spiele. "Der Fehler liegt im System", sagt Donati. "Die Wada ist nicht frei, solange sie vom IOC finanziert wird. Und das IOC ist ein unheilvolles Wirtschaftsunternehmen, das kein Interesse an Werten wie Gesundheit hat." Vom IOC kommt knapp die Hälfte des Wada-Budgets, zwölf Millionen Dollar. Das ist etwa ein Hundertstel dessen, was das IOC von Sponsoren und für die Fernsehrechte kassiert.

"Intelligentes Überwachungssystem"

Donati, der die italienische Regierung beim Antidopinggesetz beriet, fordert eine unabhängige Wada, die nur von Staatsregierungen finanziert werden soll. Und er plädiert für ein "intelligentes kriminologisches Überwachungssystem für die Athleten und ihr Umfeld". Dazu kommt eine Art biologischer Pass für jeden Sportler mit rund 50 Blutparametern. Regelmäßige Checks signalisierten kleinste Veränderungen des molekularen Fingerabdrucks, egal, ob Insulin, Anabolika oder Wachstumshormone im Spiel sind.

Italienische Wissenschaftler spürten mit diesem Verfahren schon vor acht Jahren verdächtige Olympiateilnehmer auf, die konventionelle Tests unauffällig passiert hatten. Ein Fahndungserfolg ohne Folgen für die Athleten: IOC und Wada zogen keine Konsequenzen, Belehrungen haben beide noch nie gemocht. Und so bleibt die Wada auch beim Insulin- und Synacthennachweis stur.

Oder gibt es doch Bewegung? "Gemäß ihrer Politik verrät die Wada nicht, wann sie welchen Test einführt", sagt Wada-Forschungschef Olivier Rabin. Neulich habe es ein kurzes Gespräch gegeben, erzählt der Kölner Mario Thevis, aber noch nicht mehr. Er sagt, er sehe das als kleines Zeichen, er habe noch "ein Fünkchen Hoffnung".

Von Chris Ewers und Grit Hartmann print

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