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Doping-Sperre: Pechstein giftet gegen Anti-Doping-Experten

Nachdem die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom Weltverband wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt worden ist, hat die fünfmalige Olympiasiegerin öffentlich Werbung für sich gemacht. Gleichzeitig griff sie den angesehenen Anti-Doping-Experten Werner Franke wegen dessen "Geschwätz" scharf an.

Claudia Pechstein muss sich auf eine nervige Wartezeit einstellen, die Juristen und Wissenschaftler auf eine Verhandlung mit "Hauen und Stechen". Das von der Sportwelt erwartete Grundsatz-Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS im Fall der gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin wird frühestens im Herbst fallen. Dies erklärte ein erfahrener CAS-Richter am Montag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er prophezeite für die Haupt- Verhandlung in Lausanne "eine Schlacht der Sachverständigen". Die angebliche Doping-Sünderin setzte am Montag unterdessen ihre Medien- Offensive fort und verzichtete sogar auf das geplante Eistraining in Berlin, um zum nächsten Interview nach München zu fliegen.

In der richtungweisenden CAS-Verhandlung wird es für Pechsteins Juristen nun darum gehen, die Verlässlichkeit der Messtechnik zu untergraben. So wird mit Sicherheit in die Waagschale geworfen, dass ihre Blutwerte auch von Laboren gemessen wurden, die nicht von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA akkreditiert sind. Bei einem Erfolg vor dem CAS, droht der ISU zudem eine Klage auf Schadenersatz in Millionenhöhe, bestätigte Pechstein.

Endgültiges Urteil

Sollte sie einen Start bei Sommerwettkämpfen denken, muss beim CAS eine sogenannte "vorläufige Maßnahme" beantragt werden, über die relativ schnell - in ein bis zwei Wochen - entschieden werden kann. Dabei stehen die Dringlichkeit des Falles und die Möglichkeit eines Sieges in der Hauptsache-Verhandlung im Mittelpunkt der Beurteilung des CAS. Mit der eigentlichen Hauptverhandlung hätte dies aber nichts zu tun. Das vom CAS gefällte Urteil wird endgültigen Charakter haben, betonte der CAS-Jurist, der ungenannt bleiben wollte.

Während Pechstein am Montagvormittag nur ein leichtes Radtraining absolvierte, relativierte der anerkannte Doping-Experte Fritz Sörgel seine Einschätzungen des Falles, nachdem er Einsicht in die Unterlagen der ISU-Disziplinarkommission genommen hatte, die über die zweijährige Doping-Sperre für Pechstein ohne positiven Befund entschieden und damit für ein Novum in der Sportgeschichte gesorgt hatte. Bisher war nur US-Sprinterin Marion Jones ohne Positiv-Test gesperrt worden, hatte aber Doping selbst zugegeben.

Emotionale Funktionäre

"Experten müssen sich an einen Tisch setzen und eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, wie häufig so ein Retikulozyten-Wert in der Bevölkerung überhaupt entstehen kann", sagte Sörgel und forderte eine aktivere Rolle der Nationalen Anti-Doping Agentur Nada, die mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zeitnah eine statistische Erhebung vorlegen soll. "Es war keine gute Lösung, eine so wichtige Entscheidung vom Urteil einer Disziplinarkommission abhängig zu machen. Funktionäre sind immer ein bisschen emotional. Der CAS ist da die bessere Stelle", so Sörgel, der Pechstein vor dem CAS nicht so chancenlos sieht, wenn sie lückenlos alles auf den Tisch lege.

Sörgel bekräftigte seine Äußerung, wonach die fünfmalige Olympiasieherin kaum die Möglichkeit haben werde, eine genetische Krankheit nachzuweisen. "Aber ihre Profile sind tatsächlich absolut ungewöhnlich. Es ist phänomenal, wie niedrig ihre Hämatokrit- und Hämoglobin-Werte sind. Sie liegen ja sogar teilweise unter den Normalwerten", meinte der Professor aus Nürnberg, aus dessen Sicht nun die Verhandlung vor dem CAS sehr harte Anforderungen an die Wissenschaft stellt. "Die Sache wird keine triviale Geschichte." Der neue Code der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sei noch nicht zu Ende gedacht, der es den Dopingjägern ermöglicht, Athleten nur anhand einer Indizienkette zu sperren. "Wir brauchen mehr Mathematik und Statistik - mehr Wahrscheinlichkeitsrechnung."

Pechstein wettert gegen Franke

Pechstein empörte sich unterdessen am Montag über die Bewertung ihres Falls durch den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke. Sie verlange von ihm "wissenschaftliche Nachweise", nicht nur "sein übliches Geschwätz", sagte die 37-Jährige in einem Interview mit dem "Berliner Kurier". Franke hatte eine krankhafte Erhöhung der Retikulozyten ausgeschlossen und die Argumentation ihrer Anwälte als "hanebüchenen Unsinn" bezeichnet. "Scheinbar benötigen wir gar keine anderen Gutachten und Experten. Franke scheint in der Lage zu sein, alles schnell und auf Anhieb zu erläutern", wetterte Pechstein.

Frank Thomas/DPA / DPA

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