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Eisschnelllauf: Anni sprintet allen davon

Besser hätte es für Anni Friesinger gar nicht laufen können: Bei den Einzelstrecken-Meisterschaften in Erfurt krönte die 29-jährige ihren Auftritt mit einem Titel-Hattrick - und Weltklassezeiten.

Friesinger-Festival in Erfurt: Olympiasiegerin Anni Friesinger hat mit einem Titel-Hattrick und Weltklasse-Zeiten den ansonsten tristen Eisschnelllauf-Meisterschaften ganz allein Glanz verliehen. Am Sonntag krönte die 29-jährige Inzellerin unbeeindruckt von den Querelen mit dem Verband ihren überragenden Auftritt mit ihrem insgesamt 16. nationalen Titel und verbuchte über 1000 m in 1:16,05 Minuten wiederum eine Weltklassezeit. "Drei Starts, drei Siege - ein wunderbares Wochenende", resümierte Friesinger.

"Das ist ja fantastisch", reagierte Gianni Romme, ihr neuer Coach euphorisch, als ihn die Nachricht vom 1500-m-Rennen erreichte. In diesem hatte Friesinger in 1:56,74 Minuten den Bahnrekord gleich um.0,99 Sekunden verbessert. Nur auf dem "Sahneeis" von Calgary war die Kanadierin Christine Nesbitt in dieser Saison schneller. "Die Zeit überrascht mich nicht, denn wir haben in den vergangenen Wochen viel Wert auf Technik gelegt", meinte der niederländische Doppel- Olympiasieger, der zuvor in Assen seinen Rücktritt vom aktiven Sport erklärt hatte, um sich ganz auf das Training von Friesinger konzentrieren zu können.

Mit Ruhe zum Erfolg

"Die Zeiten machen mich richtig happy. Das neue Training hat sich ausgezahlt: Ich habe jetzt keine Angst mehr vor den Kurven, gehe jetzt volle Pulle hinein. Es passt", sagte die strahlende Siegerin. Selbst über 500 m war sie von den Spezialistinnen nicht zu stoppen und feierte ihren Premieren-Titel auf der Kurzdistanz. "Ich bin jetzt ruhiger am Start, einfach gelassener. Das hat mir Gianni beigebracht", sagte sie. "Anni darf nicht so hektisch sein. Sie hat viel gelernt, aber sie ist noch lange nicht bei 100 Prozent", meinte Romme aus der Ferne.

Zunächst sollen jetzt die Unstimmigkeiten mit der DESG ausgeräumt werden, dann das neue Erfolgs-Duo das Projekt Profi-Team angehen. "Mit solch einer Ikone wie Anni dürfte das machbar sein. Es gibt für internationale Teams viel Spielraum bei den Sponsoren", prophezeite der Holländer. "Der Knatsch mit dem Verband belastet mich. Wir müssen die Differenzen in Ruhe ausräumen", meinte Friesinger, die mehr Geld zur Finanzierung ihres Trainings-Umfeldes gefordert hatte.

Gravierende Schwachstellen im deutschen Eisschnelllauf

Die Dominanz Anni Friesingers auf den drei Strecken deckte aber zugleich gravierende Schwachstellen im deutschen Eisschnelllauf auf. Fast sechs Sekunden nahm sie über 1500 m der Erfurterin Daniela Anschütz-Thoms ab, die angeschlagen in den Wettkampf ging und ihr Ziel Weltcup-Qualifikation dennoch erreichte. Obwohl Claudia Pechstein wegen Infekts fehlte und noch um einen Weltcup-Start bangen muss, konnte keine der jüngeren Läuferinnen die Lücken stopfen. Die 18-jährige Stephanie Beckert (Erfurt) wurde Doppelmeisterin über 3000 und 5000 m, ist mit ihren Zeiten aber international nur zweitklassig.

Bezeichnend für das dürftige Niveau in Erfurt war auch, dass alle Männer mit der mangelhaften Eis-Qualität haderten. Der vom neuen Coach Bart Schouten angekündigte Vormarsch der "Schattenmänner" lässt so weiter auf sich warten. Für Überraschungen sorgte allein der talentierte Berliner Samuel Schwarz mit seinen Siegen über 1000 und 1500 m, doch seine Zeiten von 1:12,47 und 1:51,05 ließen Schouten die Stirn runzeln. "Beim Weltcup in Heerenveen muss es bei allen bedeutend schneller gehen", meinte der Coach.

Beunruhigend für den deutschen Verband ist auch, dass die Starterfelder immer dünner werden. Ganze drei Sprinterinnen meldeten für die von Jenny Wolf in 10,68 Sekunden zum fünfen Mal in Serie gewonnenen 100 m, im 10.000-m-Rennen der Herren waren es gar nur zwei Teilnehmer. Kein Wunder, dass diesmal so wenig Zuschauer gezählt wurden wie noch nie bei einem Kräftemessen in Erfurt.

DPA / DPA

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