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Interview Anni Friesinger: "Da hat man schon ein komisches Gefühl"

Von null auf 100 zurück in der Weltspitze: Bei der Eisschnelllauf-WM in Richmond holte Anni Friesinger, gerade genesen von einer schweren Knieverletzung, Gold. Im Interview mit stern.de spricht Friesinger über schwarze Schafe, verschärfte Dopingrichtlinien und Kontrollen auf Krücken.

Frau Friesinger, Sie hatten eine schwere Knieverletzung, seit zwei Monaten sind Sie im Weltcup zurück. Sie siegen, als seien sie nie weg gewesen. Bei den Eisschnelllauf-Weltmeisterschaften in Richmond holten Sie schon wieder Gold. Das nennt man wohl ein märchenhaftes Comeback.

Ja, es läuft viel besser als erwartet. Dabei ist mir im Moment am wichtigsten, dass mein Knie nach der Operation im Juli wieder vollständig ausheilt. Es wird noch dick nach großen Belastungen, knirscht und knackt noch. Aber es hält.

Sie betreiben eine Sportart, in der Doping durchaus eine Rolle spielt. Wer da von null auf 100 zurück in die Weltelite schießt, steht schnell unter einer Art Generalverdacht.

Wir haben beim Eisschnelllauf auch unsere schwarzen Schafe, da bin ich mir sicher. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass ich nie etwas genommen habe. Das wäre Betrug, und so etwas mache ich nicht. In meiner Karriere hat es übrigens nie dubiose Leistungssprünge gegeben. Wenn es nach mir geht, kann der Kampf gegen Doping nicht hart genug geführt werden.

Da laufen Sie bei der Welt-Anti-Dopingagentur Wada offene Türen ein. Das neue Meldesystem zwingt die Athleten, jeden Tag anzugeben, wo sie die Nacht verbringen. Außerdem müssen sie sich täglich eine Stunde für Kontrollen zur Verfügung halten.

Kein Problem für mich, ich habe auch vorher schon meinen Tag exakt durchplanen müssen. Wenn wir den Kampf gegen das Doping ernst nehmen wollen, hat das seinen Preis. Ich finde ihn nicht zu hoch.

Im Gegensatz zu einigen Ihrer Kollegen aus anderen Sportarten. Fußballer klagen, die neuen Richtlinien störten massiv ihre Privatsphäre. Sie könnten ja nicht einmal für ein paar Stunden das Haus verlassen, ohne sich abzumelden.

Klar geht das. Das Problem ist, dass viele Athleten im Moment mitreden, die gar nicht genau wissen, was wirklich von ihnen verlangt wird. Wenn ich höre, dass es ein Problem sein soll, per Internet oder SMS regelmäßig seinen Standort durchzugeben, kann ich nur lachen. Die meisten Athleten haben einen Computer daheim und sitzen stundenlang davor. Es gibt mobiles Internet, und notfalls kann man immer noch bei der Wada anrufen.

Und dass Sie sich jeden Tag eine Stunde bereithalten müssen, nervt Sie wirklich nicht?

Das ist nicht zu viel verlangt. Wenn ich zum Beispiel zum Nachmittagstraining in der Eishalle bin, gebe ich diese Stunde bei den Kontrolleuren an. Den Rest des Tages kann ich tun und lassen, was man will. Wenn mich da die Kontrolleure mal nicht antreffen, warten sie eben.

Ihr Trainer ist Niederländer, ihr Freund ebenfalls. Sie selbst haben Ihren Wohnsitz in Salzburg und starten für Deutschland. Da kann man als Kontrolleur schon mal den Überblick verlieren.

Ach, so kompliziert ist das nicht. Ich trainiere in einer dezentralen Gruppe, wie man so schön sagt. Wir sind ein paar Holländer, ein paar Leute aus Erfurt, und ich komme aus Salzburg. Wir besuchen uns gegenseitig im Rhythmus von zehn, vierzehn Tagen. Das steht alles schon Wochen vorher fest. Im Winter ist der Kalender ohnehin durch die Wettkämpfe vorgegeben. Wo soll da das Problem sein?

Welche Kontrolleure sind eigentlich für Sie zuständig, Niederländer, Österreicher oder die Deutschen?

Die Nationale Antidopingbehörde Nada in Deutschland und die Wada arbeiten Hand in Hand. Die sprechen sich intern ab. Wir haben manchmal eine österreichische Kontrolle, mal kommen die Deutschen, auch wenn wir zum Beispiel in Italien sind. Halte ich mich zehn Tage bei meinem Freund in Holland auf, kann es auch sein, dass die Wada mir ein niederländisches Kontrollteam vorbeischickt.

Wie oft sind Sie zuletzt kontrolliert worden?

In der Woche der deutschen Meisterschaften im Februar zwei Mal. Auch während meiner Rehabilitation wurde ich getestet, da lief ich noch auf Krücken. Mal ist ein paar Wochen Ruhe, dann ist man wieder öfter dran.

Werden ihre schärfsten Konkurrentinnen aus Kanada oder den Niederlanden im gleichen Maße getestet?

Das ist schwer zu sagen, aber alle Athletinnen unterliegen ja nicht nur den nationalen Antidopingbehörden, sondern der Wada. Ich hoffe, dass wir alle gleich scharf kontrolliert werden.

Haben Sie selbst manchmal die Befürchtung, sich mit gedopten Gegnerinnen zu messen?

Eigentlich nicht. Ich bin noch immer der Meinung, dass bei uns nicht die Kraft, sondern vor allem die Technik über Sieg und Niederlage entscheidet. Aber natürlich gibt es auch den Fall einer Weißrussin, die erwischt wurde und jetzt wieder mit dem Laufen beginnt. Da hat man dann schon ein komisches Gefühl.

Interview: Mathias Schneider

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