Fremdbluttransfusion Das gefährliche Spiel mit dem roten Saft

Das Blut wird abgezapft, um es zu Wettkampfzeiten wieder injizieren zu können
Das Blut wird abgezapft, um es zu Wettkampfzeiten wieder injizieren zu können
© Colourbox
Radprofi Alexander Winokurow soll unmittelbar vor seinem Sieg am Samstag Bluttransfusionen erhalten haben - genauer eine Fremdbluttranfusion. Doch was genau steckt hinter dieser verbotenen Doping-Methode? stern.de sprach mit einem Doping-Experten.

"Es ist unfassbar", kommentiert Ralf Meutgens den Dopingskandal um Alexander Winokurow. Der Journalist und Autor beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Doping im Radsport. Neu und überraschend sind die jüngsten Vorfälle in der Radsportwelt für ihn aber nicht. In seinem im April erschienen Buch "Doping im Radsport" hat Meutgens sich unter anderem auch mit Eigen- und Fremdbluttransfusionen beschäftigt, jenem Verfahren, das Alexander Winokurow aus dem Astana-Team bei der Tour de France jetzt zum Verhängnis wurde.

Doch wie funktioniert diese Art des Dopings eigentlich? "Es geht um die Steigerung von Erythrozyten im Blut", erklärt Meutgens. Erythozythen, das sind die roten Blutkörperchen; sie sind für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich. Die Formel, die jeden blutgedopten Radfahrer antreibt, ist also relativ simpel: Je mehr Sauerstoff transportiert wird, desto größer die Leistungsfähigkeit.

"Es kann zum tödlichen Schock kommen"

Was manche Radprofis unternehmen, um an die begehrten Blutkörperchen zu kommen, beschreibt Meutgens in seinem Buch unter der Kapitelüberschrift "Bloodwork orange". Eine beliebte Methode sei beispielsweise das Höhentraining: In den Bergen sei der Luftdruck geringer und das Training entsprechend belastender. Der Körper reagiere auf die ungewohnten Umstände und bilde mehr rote Blutkörperchen - aus Sportlersicht also der perfekte Zeitpunkt, sich selbst oder anderen Blut abnehmen zu lassen, um es sich später in Wettkampfzeiten injizieren zu lassen.

Meutgens beschreibt weiter, dass das abgezapfte Blut zunächst zentrifugiert und in Blutplasma und -zellen unterteilt werde. Den Leistungssportlern gehe es nur um die Zellen. Sie würden mit Stabilisatoren versetzt und dann bei zwei bis acht Grad gekühlt. Bis zu 48 Tage blieben sie so haltbar.

Das Verfahren mag relativ simpel klingen, doch die Risiken sind enorm. Am gefährlichsten ist die Transfusion von Fremdblut, wie sie bei Alexander Winukurow festgestellt wurde. "Es kann zum tödlichen Schock auf nichtkörpereigene Eiweiße kommen", erklärt Meutgens. Außerdem könnten HIV, Creutzfeldt-Jakob, Hepatitis und andere Krankheiten übertragen werden.

Selbst wenn das entnommene Blut auf diese Krankheiten getestet würde, könne ein Restrisiko nicht ausgeschlossen werden. "Außerdem gibt es noch ganz andere Krankheiten und Viren, die in klinischen Standardtests nicht nachgewiesen werden", sagt Meutgens weiter. Bei der Eigenbluttransfusion können diese Risiken hingegen weitgehend ausgeschlossen werden.

"Es gibt keine Ausnahmen"

Warum sich Alexander Winukurow ausgerechnet fremdes Blut hat spritzen lassen, bewusst also mit seinem Leben gespielt hat, ist kaum nachvollziehbar. Zumal es aus seiner Perspektive weitaus cleverer gewesen wäre, auf Eigenblut zurückzugreifen: Eigenbluttransfusionen können im Gegensatz zu Fremdblut nicht nachgewiesen werden.

Die Transfusion von fremdem Blut lässt sich dagegen seit 2004 belegen. Australische Forscher von der Organisation "Science and Industry Against Blood Doping" haben ein Verfahren entwickelt, das sich die Einzigartigkeit der roten Blutköperchen zu Nutzen macht. So hat jeder Mensch ein individuelles und genetisch bedingtes Spektrum von Blutgruppen-Antigenen (Antigene sind Stoffe, die eine Immunreaktion auslösen). Die Wahrscheinlichkeit, einen Blutspender zu finden, der dasselbe "Antigen-Profil" hat, ist also sehr gering. Eine Tatsache, die die Australier um den Mediziner Michael Ashenden ausnutzten und so den Test für Fremdblut-Doping entwickelten.

Dem Fremdblut gedopten Winukurow wurde der Test der Australier zum Fallstrick. Doch Ralf Meutgens ist überzeugt, dass Winukurows Überführung eher ein Glücksfall und der Radsport längst nicht vom Doping gesäubert ist. "Es gibt keine Ausnahmen", ist sich Meutgens sicher. Selbst die jungen Fahrer nimmt er von dieser These nicht aus: "Das sind junge Leute in einem alten System."

Um endlich "sauber" zu werden, um Nachwuchsfahrern eine echte Chance zu geben, sieht Meutgens nur einen Weg: die rigorose Zäsur. "Der jetzige Radsport ist das Ergebnis eines langen, langen Prozesses. Da hilft nur abschalten. Medien, Sponsoren, Funktionäre, Sportler alles abschalten und dann neu anfangen." So glaubt er auch, dass Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme eine historische Chance verpasst hat, als er die Frankreichrundfahrt nach den jüngsten Dopingfällen nicht abbrach.

Jetzt hofft Meutgens zumindest, dass die Organisatoren der Deutschlandtour (10. bis 8. August) und der Stuttgarter Straßenrad-Weltmeisterschaft (25. bis 30. September) die Konsequenzen aus dem jüngsten Doping-Skandal ziehen und die Rennen absagen.

Trotz Dopingskandals: Straßenrad-WM wird stattfinden

Bislang wollten sich die Organisatoren der Deutschlandtour nicht dazu äußern. In Stuttgart ist man sich dagegen sicher, dass die Straßenrad-WM stattfinden wird. Rolf Schneider, Generalsekretär des Organisationskomitees, teilte mit, dass alles daran gesetzt werde, eine dopingfreie WM in Stuttgart durchführen zu können. So werde es eine Steuerungsgruppe von UCI, BDR, WADA und NADA geben, die unter anderem dafür Sorge trage, dass Fahrer, die unter Dopingverdacht stehen, nicht zur WM zugelassen werden. Der Däne Michael Rasmussen gehöre beispielsweise eindeutig dazu.

"Wir werden alles tun, damit am Ende des Rennens mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit ein nicht gedopter Fahrer durch Ziel fährt", versichert Schneider. Eine höchstmögliche Wahrscheinlichkeit - beim momentanen Zustand des Radsports ist das offenbar schon viel.

Britta Hesener

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