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FUSSBALL INTERNATIONAL: Stange wird Saddams Super-Trainer

Bernd Stange, der Sport als besten Botschafter des Friedens ansieht, wird in den kommenden vier Jahren die Fußball-Nationalmannschaft des Irak betreuen - die größte Herausforderung seiner Laufbahn.

Bernd Stange trotzt der Kritik aus Deutschland und wird in den kommenden vier Jahren in Doppelfunktion die Fußball-Nationalmannschaft und die Olympia-Auswahl des Irak betreuen. »Es hat lange gedauert, aber jetzt ist alles klar«, bestätigte der frühere Trainer der DDR-Auswahl der dpa. Die feierliche Vertragsunterzeichnung ist für Sonntagabend im Hotel Al- Rashid der 7-Millionen-Metropole Bagdad im Rahmen einer Pressekonferenz geplant.

Nachdem er von deutschen Trainern und Politikern für sein umstrittenes Engagement im Staate des Diktators Saddam Hussein gerügt worden war, legt der 54-Jährige viel Wert darauf, Politik und Sport geflissentlich zu trennen. »Ich habe gefordert, dass ich nur zu sportlichen Belangen in der Öffentlichkeit Stellung nehmen muss. Und ich habe die Forderung gestellt, im Kriegsfall sofort das Land verlassen zu dürfen. Beides ist im Vertrag nun fixiert. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas fordern musste. Es ist gut, dass man mir entgegengekommen ist«, sagte der Jenenser.

»Alleinige sportliche Verantwortung«

Doch auch andere Ansprüche des ersten deutschen Nationalcoaches im Irak hatten die Verhandlungen kompliziert gestaltet. Er habe die alleinige sportliche Verantwortung in allen Bereichen angemahnt. Auch das wurde ihm zugesichert. Angesichts der Tatsache, dass Saddams Sohn Udai Präsident des irakischen Fußball-Verbandes ist, ein wichtiges Unterpfand seines Vertrags.

Stange, der nach seiner Entlassung als Nationaltrainer des Oman über ein Jahr arbeitslos war, hat sich einen Monat mit den Gegebenheiten im nach dem Golfkrieg zerstörten Land bekannt gemacht. »Ich war von Nord nach Süd unterwegs, habe mir Spiele und Clubs angeschaut, damit ich nun meine Kader zusammenstellen kann«, berichtete Stange.

»Das Schlimmste ist, dass der Irak durch den Krieg nahezu eine ganze Fußball-Generation verloren hat«, meinte er und verweist auf Talente, mit denen er sich durchaus eine Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland vorstellen kann. Erst unlängst habe der Irak das Finale der Westasienspiele gegen den Iran gewonnen, ein Erfolg auf den man aufbauen könne. »Es geht überhaupt nicht darum, in die Phalanx europäischer Mannschaften einzudringen, das schaffen die in 100 Jahren nicht. Aber es geht darum, vielleicht an Nationen heranzukommen, die man vor zehn Jahren noch besiegt hat: Saudi Arabien, Iran, Japan, Korea«, erläutert er in einem Feature der »ZDF-Sportreportage«.

Mit großer Gespanntheit verfolgt Stange in seinem Bagdader Hotel täglich zwei Stunden das aktuelle Weltgeschehen via Internet und fragt am Telefon auch gleich interessiert nach den aktuellen Bundesliga-Ergebnissen. »Ich interessiere mich für alle Nuancen der Politik und bilde mir meine Meinung. Nur über meine Lippen geht diese nicht«, versucht er, mit der für ihn schwierigen Situation fertig zu werden.

»Die ticken sich doch nur an die Stirn«

Als politische Rechtfertigung seines Handels führt Stange nach den Schelten aus Deutschland gern an, dass sich über 50 deutsche Firmen auf der bevorstehenden Bagdad-Messe tummeln. Und er kontert: »Versuchen Sie doch mal, irgendeinem Fan in Schalke oder Dortmund einzureden, dass die Vize-Weltmeisterschaft der deutschen Nationalmannschaft eigentlich ein Erfolg für Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber ist. Die ticken sich doch nur an die Stirn. Es ist ein Erfolg von Fußballern, von Trainern, und diesen habe ich angestrebt, überall wo ich war. Und genau das möchte ich hier tun«.

Frank Thomas

Wissenscommunity