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FUSSBALL: Perfekter Fallrückzieher

Völlig überraschend hat der südamerikanische Fußballverband die Verschiebung der Copa Americana wieder zurückgenommen. Über die Gründe gibt es wilde Spekulationen.

Mit einem beispiellosen Fallrückzieher hat der südamerikanische Fußball-Verband Conmebol die Spieler, Trainer, Funktionäre und Fans auf dem Kontinent überrascht. Nur fünf Tage nach der Verschiebung der Kontinental-Meisterschaft wegen einer Terrorwelle im Austragungsland Kolumbien auf Anfang 2002 wurde das Turnier unversehens wieder auf den ursprünglichen Termin vom 11. bis 29. Juli am ursprünglichen Ort zurückversetzt.

Nicht nur die Kritiker kalt erwischt

Nicht nur die unnachgiebigsten Kritiker der südamerikanischen Fußball-Funktionäre wurden »kalt« erwischt - auch ein ranghoher Senor verstand nach der Entscheidung am Donnerstag (Ortszeit) in Buenos Aires die Welt und seine Kollegen nicht mehr. »Das ist doch unseriös«, kritisierte Argentiniens Verbandsboss Julio Grondona das Votum und fragte in die Runde: »Am Montag habe ich meinen Nationalcoach Bielsa und die Spieler in den Urlaub geschickt, und jetzt soll ich sie zurückrufen?«

Vermutlich nicht. Nach Angaben von Conmebol-Chef Nicolas Leoz (Paraguay) geht das Turnier ohne den zweimaligen Weltmeister über die Bühne. Die FIFA hielt sich mit einer Bewertung zurück: »Das ist eine Sache des Conmebols«, sagte Verbands-Chef Joseph Blatter.

Entscheidung im Hotelbett?

Der große Fußball Südamerikas mit seinen großen Traditionsteams Brasilien, Uruguay und Argentinien, darin sind sich die meisten Beobachter einig, verkommt zur Seifenoper. »Was geschah in den fünf Tagen zwischen der Verschiebung und der Neuansetzung?«, fragen sich jetzt alle. Brasilianische Medien vermuten, dass sich Leoz? Ehefrau »nachts im Hotelbett« lautstark für ihre kolumbianische Heimat eingesetzt habe. Andere Journalisten versicherten, dass Kolumbiens Staatspräsident Andres Pastrana Druck auf seinen »Freund« Leoz ausgeübt habe.

Bei einer Verschiebung hätte eine Millionenklage gedroht

In erster Linie profitieren von der Neuansetzung der brasilianische Fußball-Verband (CBF) und die brasilianische Sportmarketingfirma Traffic, die die Übertragungsrechte des Turniers hält. »Wir sind sehr daran interessiert, dass der Copa wie vorgesehen noch in diesem Monat stattfindet, und daran arbeiten wir«, hatte ein Traffic-Sprecher auf Anfrage in Sao Paulo schon vor Bekanntgabe der Conmebol-Entscheidung eingeräumt. Wie aus Funktionärskreisen in Buenos Aires verlautete, stand Traffic unter Druck, weil eine englische TV-Anstalt mit einer Millionenklage im Falle einer Verschiebung des Turniers gedroht habe.

Eine Rolle spielte auch Brasiliens National-Team. Die »Selecao«, die die schlimmste Krise ihrer Geschichte durchmacht, in der südamerikanischen WM-Qualifikationsgruppe vier Niederlagen erlitt und um die Fahrkarte zum Weltturnier in Japan und Südkorea bangen muss, braucht lieber heute denn morgen »echte Tests« und Erfolge, um die Kritik der Fans und der Medien zu dämpfen.

»Es steht bei uns alles bereit für den Copa«, meinte derweil Pastrana, der in einer TV-Rede »den Erfolg Kolumbiens« und »das Turnier des Friedens« feierte. Die Copa America, die traditionell alle zwei Jahre stattfindet und zuletzt 1999 von Brasilien gewonnen wurde, war in diesem Jahr für den Zeitraum vom 11. bis 29. Juli angesetzt. Nachdem aber in den vergangenen Wochen Bombenanschläge in drei der vorgesehenen Spielorte insgesamt zwölf Menschen getötet hatten und Mitte Juni auch noch der Vizepräsident des kolumbianischen Verbandes, Hernan Mejia (66), von Rebellen entführt worden war, wurde das Turnier kurzfristig auf Januar verschoben.

Von Emilio Rappold

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