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Handball-Nationalmannschaft: Der Jüngling und der Krieger

Vor einem Jahr waren sie Helden: Markus Baur, der Dirigent, und sein kongenialer Ersatz, der junge Michael Kraus, führten die deutschen Handballer zum Weltmeistertitel. Bei der jetzt beginnenden Europameisterschaft muss Kraus zeigen, dass er aus dem Schatten seines Lehrmeisters treten kann.

Von Iris Hellmuth

Auf seinem Gesicht liegt ein Schatten, er ist noch nicht lange da, und später, auf den Fotos, wird er verschwunden sein, weil der Fotograf sein Gesicht ausleuchtet, und trotzdem wird er sich selbst nach dem Shooting auf dem Display der Kamera anschauen und sagen: "Manchmal habe ich in letzter Zeit so Schatten um die Augen." Er sagt das so, als würde er sich selbst nicht wiedererkennen.

Hier unten in der Lobby kann man die Schatten gut sehen, sehr gut sogar. Sie geben seinem glatten Gesicht eine Härte, die neu ist, die vor einem Jahr noch nicht da war, im Januar 2007, als der Handballer Michael Kraus mit 23 Jahren zum Überraschungsspieler der Weltmeisterschaft wurde. Es war in der Hauptrundenpartie gegen Frankreich, als sich der erfahrene Spielmacher Markus Baur verletzte. Die Zuschauer verstummten, wie gelähmt verharrten sie auf den Rängen. Jetzt ist alles vorbei, schienen sie zu denken. Niemand kann einen Markus Baur ersetzen, und schon gar nicht Mimi Kraus, der war ja noch grün hinter den Ohren. Doch Kraus ging aufs Feld, bekam den Ball, warf ihn ins Tor. Jubelte, als würde er explodieren. Nahm die Verantwortung und den Ball an sich, passte ihn weiter, bekam ihn zurück, warf wieder ein Tor, die Halle tobte, sie feierte ihn wie einen Star, der er auch war, für diesen Moment. Seine Mannschaft gewann gegen Frankreich, vier Spiele später war sie Weltmeister. Ausgerechnet die Deutschen. Denen man vorher so wenig zugetraut hatte. Höchstens das Viertelfinale.

Bei der WM unglaubliche Heldengeschichten geschrieben

Es waren unglaubliche Geschichten, die das Team von Heiner Brand bei der Weltmeisterschaft schrieb, längst schon sind sie zu Legenden geworden, vom Heldenepos "Projekt Gold" auf die große Leinwand geworfen: Wie der gebrochene Torhüter Henning Fritz zu alter Stärke fand, weil der Bundestrainer nie den Glauben an ihn verlor. Wie der pensionierte Kreisläufer Christian Schwarzer seinen geschundenen Körper überwand und zur Mannschaft zurückkehrte. Und schließlich, wie ein ungeprüfter Jüngling den Stoß ins kalte Wasser meisterte, weil ein verletzter Krieger nicht von seiner Seite wich. Sobald im Spiel das Zeichen zum Timeout ertönte, wartete Markus Baur an der Seitenlinie, und dann standen sie beieinander, tauschten leise Sätze aus, Baur gestikulierte, Kraus nickte und verstand.

An diesem Donnerstag beginnt die Handball-Europameisterschaft in Norwegen, dann werden die beiden wieder so beieinander stehen und selbst danach noch, denn Markus Baur ist seit ein paar Tagen Trainer des TBV Lemgo, wo auch Mimi Kraus seit einem halben Jahr spielt. Und so ergibt sich für diese EM eine Situation, wie es sie wohl noch nie gegeben hat im deutschen Sport: Dass sich Trainer und Spieler desselben Vereins in der Nationalmannschaft die Position teilen. Für Markus Baur dürfte es eines der letzten Turniere als Spieler sein. Für Mimi Kraus ist es gerade mal sein drittes. Und wenn er sich aus dem Schatten des großen Lehrmeisters befreien will, dann wäre in Norwegen die beste Gelegenheit dazu.

Für Mimi Krauss wird die WM wieder Gegenwart

In der Lobby des Hotels wird das Spiel gegen Frankreich gerade wieder Gegenwart. Mimi Kraus schlägt mit den Armen, sein Oberkörper schwingt von rechts nach links, seine Stimme ist atemlos. "Der Heiner sagte damals, Mimi, ab jetzt bereitest du dich auf jedes Spiel so vor, als würdest du anfangen, das habe ich getan, und dann, wie der Teufel es will, verletzt sich der Markus, und dann hab ich gesagt: Jetzt gilt's, und dann war ich drinnen und gleich da und mein erster Wurf trifft, und dann", sagt Mimi Kraus mit leiserer Stimme, "ja dann hat alles seinen Lauf genommen." Eine nette Umschreibung für den Weg einer Mannschaft zur Goldmedaille.

So richtig begriffen, was vor einem Jahr passiert ist, hat Mimi Kraus noch immer nicht, es wäre auch viel verlangt. So jung die Rolle des Machers zu spielen, das ist, als wenn man als Musikstudent kurz den Taktstock halten soll - und dann die ganze Symphonie dirigiert, bis zum großen Finale. Mimi Kraus hat eine wunderbare WM gespielt, doch nun hat sie Erwartungen geschaffen, die Kraus nicht erfüllen kann. Noch nicht. Wer mal ein gutes Spiel macht, ist im Handball noch lange kein Spielmacher, die anspruchsvollste Position auf dem Feld, eine Art Knoten, bei dem alles zusammen läuft. Es braucht eine Menge Erfahrung, bis ein Spieler die nötige Größe hierfür hat.

Markus Baur ist der Dirigent des Orchesters

Markus Baur hat sie seit Jahren, und er hat sie sich hart erarbeitet. Er ist der unangefochtene Dirigent des Orchesters, er liest das Spiel, gibt das Tempo der Pässe vor und ihren Takt, kurz, weit, hoch, andante, allegro, fortissimo. Handball ist Hochgeschwindigkeitssport, abgestimmt bis ins feinste Detail, doch nur einer gibt die Kommandos, die anderen folgen ihm blind. Mimi Kraus weiß, dass er noch lange nicht so weit ist, dass er die Verantwortung eines Spiels tragen kann. Er ist unbekümmert, das ist sein größter Trumpf. Zumindest war er es bis zur vergangenen WM. "Wenn man sich mal die großen Vereine ansieht", sagt Kraus, "da sind die Spielmacher meist 30 oder älter, es ist ja nicht oft so, dass einer wie ich...", und dann stockt er.

Sein Gesicht will weiter souverän wirken, aber die Züge entgleiten ihm, wenn auch nur kurz. "Ein 23-Jähriger kann sich halt nicht so viel Vertrauen erarbeitet haben wie ein 34-Jähriger", sagt er. "Und das ist das große Problem." Die Hände, die eben noch durch die Luft fuchtelten, liegen jetzt vor seinem Mund. Er knabbert an seinen Fingernägeln. Etwas arbeitet in ihm, es ist das Wissen, dass da etwas nicht stimmt, dass er bereits größer war, als er eigentlich ist, dass er einmal in seinem Leben schon 34 war und jetzt warten muss wie der Bube aufs Christkind. Handballer reifen allmählich. "Um ein richtiger Spielmacher zu werden, der die Mannschaft führt, da braucht der Mimi sicher noch ein bisschen, das ist aber ganz normal", sagt Bundestrainer Heiner Brand.

Seine Stärke ist der Körper

Im Moment ist Kraus' ganze Stärke sein Körper, seine Athletik. Er ist schnell, kraftvoll und wendig. Wenn er in die gegnerische Abwehr stößt, ist er unberechenbar. So zu spielen kostet viel Kraft. "Der Markus, der macht viel mit dem Auge", sagt Kraus, nimmt zwei Finger und stößt sie wie zum Beweis vor sein Gesicht, "der macht alles mit seiner Erfahrung." Wo Mimi Kraus drei Schritte braucht, macht Baur nur einen. Er ist der Denker des Spiels, während Kraus meist spielt, ohne zu denken. Velimir Petkovic, 51, hat ihn trotzdem auf die Position des Spielmachers gesetzt, und er ist ein Risiko eingegangen, damals, im Sommer 2004. Als Trainer übernahm er die Mannschaft von Frisch Auf Göppingen. "Da war der Mimi 15. Spieler, niemand hat ihn ernst genommen", sagt Petkovic. Er hat eine raue Stimme, seine Sätze sind einfach und klar. "Ich habe ihn spielen sehen und sofort als Mittelmann eingesetzt. Da haben sie in Göppingen gesagt: Der Petko bleibt höchstens zwei Monate." Doch Petkovic behielt recht und seinen Trainerposten. Er sagt, dass er eine Menge investiert habe. Vor allem in Mimi Kraus.

Petkovic ist Kroate, seit 17 Jahren lebt er in Deutschland, und im Grunde hat auch er Anteil daran, dass die Deutschen nun Handball-Weltmeister sind: Er hat nicht nur Mimi Kraus entdeckt, sondern auch Markus Baur. Vor zehn Jahren wechselte Baur, damals 27 Jahre alt, von Niederwürzbach nach Wetzlar, wo Petkovic Trainer war; ein Rückschritt in seiner Karriere, sagten die einen, er werde dort versauern, die anderen. Doch nichts davon trat ein. Bis heute bezeichnet Baur diesen Wechsel als beste Investition seiner Karriere. "Als er zu mir kam, war er am Boden", sagt Petkovic, und die Augenbrauen in seinem Gesicht beginnen zu tanzen, so sehr bewegt ihn, was er gerade erzählt. "In Niederwürzbach hatte er am Ende kaum noch gespielt, er war fertig. Ich habe ihn aufgebaut. Tag für Tag, oft waren wir nur zu zweit im Training. Dann hat Heiner Brand mich angerufen, hat gefragt: Soll ich dem Markus eine Chance geben? Ich habe gesagt: Ja. Er ist ein guter Handballer. Seitdem ist er Stammspieler." Petkovic räuspert sich, denn für die folgenden Sätze braucht er den ganzen Klang seiner Stimme: "Man kann sich die deutsche Nationalmannschaft nicht vorstellen ohne Markus Baur. Wenn er auf dem Feld ist, dann hat das Spiel Kopf, Beine, Füße, dann hat es alles."

Wie Popstars zum Anfassen

Petkovic hat sich einen Espresso bestellt, an dem nippt er nun mit spitzen Lippen. Die Wände des italienischen Cafés sind verglast, in seinem Rücken liegt klotzig die Hohenstaufenhalle, hier spielt Frisch Auf Göppingen. Es ist ein typischer Ort für das Spiel, denn Handball in Deutschland, das war schon immer Provinz, und so sehen auch die Hallen aus: viel Beton, viel dunkles Glas, meistens erbaut in den sechziger Jahren. Es war die Zeit, in der Handball vom Großfeld in die Halle wanderte und damit ein Sport wurde, der in unsere Zeit passt, mit kurzen Laufwegen und präzisen Pässen; technisch, schnell und unfassbar spannend. Die Spieler brachte es noch näher an die Zuschauer heran, bis heute ist es Tradition, dass sie nach Abpfiff auf das Spielfeld laufen und ihre Helden feiern, ein undenkbarer Vorgang im Fußball, wo die Profis inzwischen Popstars sind und keine Volkssportler mehr, diese Rolle haben nun die Handballer. Sie sind Schweinis und Poldis zum Anfassen.

Mimi Kraus sagt, genau das habe ihn in Göppingen so belastet, dass da immer die ganze Halle auf ihn draufgelaufen ist, und die anderen Spieler seien dagestanden wie begossene Pudel. Als er das hört, beugt sich Velimir Petkovic vor, seine Stimme ist nur mehr ein Raunen. "Das verstehe ich nicht. Der Mimi ist so ein Typ, der mag das. In Göppingen war er der einzige Nationalspieler. Er war der König." Petkovic klingt wie ein Vater, dem der eigene Sohn nichts vormachen kann. Vor acht Jahren war Mimi Krause Bravo-Boy, seitdem hat er ständig gemodelt. Er weiß, wie er sich vor der Kamera zu geben hat.

Mimi hat es geschafft

Und doch hat es Mimi Kraus geschafft. Er hat Petkovic etwas vorgemacht, ausgerechnet dem Mann, der für ihn jahrelang wie ein Vater war. Im vergangenen Sommer ist er nach Lemgo gegangen, obwohl er Petkovic zugesagt hatte, bis 2008 in Göppingen zu bleiben. Kraus hatte sich einfach nicht getraut. Petkovic hat das nicht ertragen. Seit einem halben Jahr antwortet er nicht auf Mimis SMS, so gekränkt ist er. Nur mit Markus Baur spricht er weiterhin, fast jeden Tag, und Markus Baur wiederum sieht Mimi Kraus fast jeden Tag.

Markus Baur sagt, der Mimi soll endlich hinfahren und sich entschuldigen, dem "Petko" in die Augen schauen und sich verhalten wie ein Mann. Der Mimi sagt, er hat einen wahnsinnigen Respekt vor diesem Schritt. Doch er weiß, dass er ihn tun muss. Es ist das andere große Ding, das in ihm arbeitet. Er weiß, dass er sich überwinden muss, dass es ein wichtiger Schritt ist auf seinem Weg zum richtigen Spielmacher. Einem, dem die Mannschaft vertraut.

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