Handball-Punks Kretzschmar und Hens "Die Lust auf Party ist da"


Sie sind die Popstars des Handballs. Der Junge führt das neue Nationalteam an, der Alte kommentiert die Spiele fürs Fernsehen. Pascal Hens und Stefan Kretzschmar über die WM im eigenen Land, harte Nächte, böse Fouls und ihre Tattoos.
Von Christian Ewers

Herr Kretzschmar, Herr Hens, die Fußballer sind im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land Dritte geworden, die Hockeyspieler haben in der Heimat die WM sogar gewonnen. Was können wir jetzt von den Handballern erwarten?

Kretzschmar: Ich traue diesen Jungs den Titel zu. Die spielen zu Hause, und was das bedeutet, haben uns ja die Fußballer gezeigt. Auf die hatte vor der WM niemand einen müden Euro gegeben. Ich auch nicht. Und dann spielen die so ein geiles Turnier. Die wurden von den Fans von einer Runde in die nächste gejubelt. Mein Tipp: Finale, mindestens.
Hens: Ich sag's mit den Worten von Klinsmann: Wir wollen Weltmeister werden.
Kretzschmar: Die WM kann ganz schnell eine Dynamik kriegen. Die deutschen Vorrundenspiele sind alle ausverkauft, die Leute sind noch angefixt vom Fußball, die Lust auf Party ist da. Und das wird der Mannschaft auf dem Parkett Flügel verleihen.

Tatsächlich, Herr Kretzschmar? Sie sind vor zweieinhalb Jahren nach über 200 Länderspielen aus dem Nationalteam zurückgetreten. Wollen Sie nicht bloß aus alter Verbundenheit ein bisschen Stimmung machen für die WM und diese junge Mannschaft?

Kretzschmar: Die Stimmung macht aus dir keinen besseren Handballer. Wenn du einen Unterarmwurf nicht draufhast, gelingt er dir auch nicht, wenn die Halle kocht. Aber du wirst selbstsicherer, du gehst mit einem ruhigen Puls aufs Feld, schaust dem Gegner in die Augen, haust vielleicht noch einen Spruch raus. Das ist das Einsnull, erzielt im Kopf.
Hens: Auf diese Psychonummer hoffe ich. Wir haben im Nationalteam viele Verletzte und Neulinge, wir strahlen noch nicht diese positive Arroganz aus wie die Generation vor uns, die 2004 Europameister wurde, bei den Olympischen Spielen Silber holte und bei der WM vor vier Jahren den zweiten Platz belegte. Kretzschmar, Schwarzer, Petersen, Zerbe - wenn die früher mit finsterer Miene einliefen, dann wusste der Gegner: Oje, die tun uns heute verdammt weh.

Kretzschmar: Ja, wir waren Riesen, wir waren Götter. Pommes, erzähl weiter!
Hens: Nee, im Ernst. Vor sechs Jahren, als ich neu war im Nationalteam, hat es mich extrem beruhigt, dass da ein paar Brecher sind, hinter denen ich mich verstecken kann. Die Nationalmannschaft war für mich wie eine riesige Eiche. Mächtig, wuchtig, nicht kleinzukriegen. Die Wurzeln, das sind die Chefs, die dem Baum Halt geben. Und da ist auch noch der Nachwuchs, die vielen dünnen Äste, die nach oben wachsen wollen ...
Kretzschmar: ... und jetzt, wo wir alten Säcke weg sind, bist du selbst einer der Chefs.
Hens: Vor allem bin ich eine Art Märchenonkel. Die Neuen sind hungrig auf die alten Geschichten. Da sagt niemand: Wir sind wir, was geht mich die Vergangenheit an? Nein, die fragen, wie war das damals, die wollen Anekdoten hören. Keiner weiß ja so recht, was das überhaupt für ein Gebilde ist, die Nationalmannschaft. Das sind ja erst mal nur ein paar Namen auf einem Blatt Papier.

Was war das Nationalteam für Sie, Herr Kretzschmar?

Kretzschmar: Eine gute Nationalmannschaft besteht aus guten Geschichten. Als ich noch im Team war, ging es immer um die alten Zeiten, bis zum Schluss. Wir haben richtige Heldensagen gedichtet: Wie wir welchen Pott geholt haben in letzter Sekunde oder wie wir in Paris abgehauen sind aus dem Hotel, ab durch die Feuertür, und dann geht plötzlich die Alarmanlage an, und der Bundestrainer steht im Schlafanzug auf dem Flur. Daraus haben wir eine Story gemacht, die hört sich an wie der Ausbruch aus Alcatraz.
Hens: Wenn du früher so was erzählt hast, Kretzsche, fand ich das super. Das hat mir als jungem Spieler das Gefühl gegeben, bald Teil dieser großen Geschichte zu sein. Ich war total heiß aufs nächste Training, ich wollte ja unbedingt mitschreiben an der Legende.

Verkrampft man da nicht vor lauter historischem Ballast?

Hens: Die Gefahr ist groß. Es gibt eine glänzende und ewig lange Vorgeschichte. Das Team der Bundesrepublik war 1978 Weltmeister und die DDR-Auswahl 1980 Olympiasieger - und als Spieler hast du immer nur ein bisschen ungewisse Zukunft vor dir, das nächste Spiel eben.
Kretzschmar: Na, komm. Wir haben mit allen Neuen ein paar schöne Lockerungsübungen am Tresen gemacht.
Hens: Auch so was kann den Kopf freipusten, ja.

Wissen Sie noch, wann Sie Ihre Lockerungsübung hatten, Herr Hens?

Kretzschmar

: Fragen Sie ihn besser, wann er keine hatte.

Die Handballer saufen also bei jeder Gelegenheit.

Kretzschmar

: An den Partys kann man sehen, wie reif eine Mannschaft ist. Als ich begonnen habe im Nationalteam, Anfang der Neunziger, standen wir schon mal mit Alkfahne und weiß wie ein Kalkeimer beim Morgentraining in der Halle. Ging natürlich nicht, gab auch Zoff. Zum Schluss hat uns Heiner...

... Brand, der Bundestrainer ...

... einfach laufen lassen. Da war ein gegenseitiges Vertrauen da. Er wusste, dass wir Grenzen kennen und nicht überschreiten.

Herr Hens, haben Sie jetzt als Anführer die Neulinge auch schon in die Kneipe gezerrt?

Hens

: Ich beschränke mich aufs Geschichtenerzählen - ohne Bierflasche in der Hand. Man kann das schwer miteinander vergleichen, die Generation Schwarzer, Kretzsche & Co. und die Generation 2007. Wir haben leider keinen harten Kern von Stammspielern wie das Team davor, weil bei uns dauernd jemand ausfällt wegen einer Verletzung. Alles ist im Fluss, der eine geht, ein anderer rückt nach, da ist uns nicht nach Party zumute. Ich erkläre viel und versuche so, den Laden einigermaßen zusammenzuhalten.

Wie ist die Stimmung im Team?

Hens: Jetzt ist Anspannung pur da, jeder lebt in seiner eigenen kleinen Kapsel, jeder versucht, sich in Topform zu bringen für dieses Turnier. Eine WM im eigenen Land, das weiß jeder, wird niemand von uns als aktiver Spieler noch mal erleben.

Herr Kretzschmar, haben Sie Ihren Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2004 schon bereut? Die WM in Deutschland hätte der krönende Abschluss Ihrer Karriere werden können.

Kretzschmar

: Ich bin da mittlerweile mit mir im Reinen. Die WM 2005 habe ich am Fernsehen verfolgt, das war schon ein komisches Gefühl, im Sessel zu liegen und die Jungs auf dem Feld fighten zu sehen. Aber jetzt geht's. Ich bin als Co-Kommentator für die ARD dabei; ich sehe das Ganze aus der Vogelperspektive. Da gibt es no bad feelings.

Sie sind jetzt 33. War der Rücktritt aus dem Nationalteam der erste Schritt Richtung Karriere-Ende?

Kretzschmar

: Weiß ich nicht. Ich stelle mir schon öfters die Frage, ob es in meinem Alter noch die Erfüllung ist, morgens um neun Uhr in kurzen Hosen durch die Halle zu laufen. Und ich spüre auch, dass ich die Belastungen nicht mehr ewig wegstecken kann. Das rechte Knie tut schon seit Jahren weh, da ist kaum noch Knorpel drin, und ich muss vor jedem Spiel eine Voltaren einschmeißen, um die Schmerzen auszuhalten. Der Stress wird von Jahr zu Jahr größer.

Was ist das für ein Stress?

Hens: Das Spiel wird immer schneller und athletischer. Vor ein paar Jahren noch haben wir ein Tor gefeiert wie die Fußballer. Umarmen, abklatschen und dann ganz gemütlich Richtung Mittellinie traben. Heute geht alles blitzschnell: Tor, Abwurf - und schon läuft der Angriff des Gegners. Du hast kaum Zeit, Luft zu holen, weil du sofort in die eigene Hälfte zurücksprinten musst. So geht das bis zur letzten Spielminute, Highspeed-Handball ohne eine Sekunde Pause. Und zwischendurch kriegste auch noch ein paar Schläge ab.

Herr Hens, Ihr Körper streikt immer wieder. Handbruch, Bandscheibenvorfall, mehrere Bänder- und Sehnenrisse - sind die Verletzungen Folge einer zunehmenden Brutalität im Handball?

Hens

: Je höherklassiger man spielt, desto mehr gibt es auf die Fresse, das ist ganz klar. Ich kann die Härte aber besser ab als früher. Da habe ich 20 Kilo weniger gewogen, und wenn ich einen Sprungwurf gemacht habe, reichte ein Schubser, und schon lag ich mit meinen 2,03 Metern waagerecht in der Luft. Jetzt hab ich 100 Kilo drauf, die muss der Gegner erst mal aus dem Gleichgewicht bringen.

Kretzschmar

: Ich sehe keine neue Härte in unserem Sport. Vor zehn Jahren waren die Fouls brutaler. Da hat dir der Gegner an den Eiern gezogen und in die Brustwarzen gekniffen, und wenn man zu nah an die Abwehrmauer kam, war die Faust in der Magengrube. Heute gibt es meist nur noch einen Schweinehund pro Mannschaft, der ordentlich hinlangt.

Haben Sie Angst vor solchen Typen, Herr Hens?

Hens: Angst nicht. Im Spiel bin ich so voll mit Adrenalin, da gehe ich keinem Duell aus dem Weg. Grundsätzlich habe ich aber schon Schiss vor Verletzungen, ich hatte ja die Seuche in den letzten Jahren. Ich bete, dass das bald mal ein Ende hat.

Deshalb auch die religiösen Tattoos auf Ihrem Rücken und Ihrem Bauch?

Hens

: Dürers betende Hände sollen mich beschützen. Und Jesus am Kreuz auf dem Rücken.

Herr Kretzschmar, Sie halten sich seit drei Jahren konstant bei 17 Tattoos. Wann werden die letzten freien Stellen an Ihrem Körper bemalt?

Kretzschmar

: Wenn mal wieder etwas passiert, was mich total wegbeamt. Die Geburt meiner Tochter war so eine Sache. Aber im Moment ist Flaute. Die großen Einschläge fehlen.

Oder sind Sie einfach nur erwachsen geworden?

Kretzschmar: Erwachsen? Ruhiger auf jeden Fall. Ich spüre nicht mehr diesen Druck in mir, jede Party mitnehmen zu müssen, auf Teufel komm raus Spaß zu haben. Auch die Nächte vorm Computer, die endlose Zockerei, gibt's so nicht mehr. Klar, das hat mir alles gefallen, aber es war eine Sache für den Moment, da ist nichts hängen geblieben. Heute mache ich mehr mit meiner Tochter und mit meinen Kumpels in Magdeburg. Und mit den Freunden nicht Vollgas geben oder sich abschießen, sondern essen gehen und reden. Versuchen, irgendwas Bleibendes zu schaffen.

Fällt es Ihnen jetzt leichter, Vorbild zu sein?

Kretzschmar

: Früher wollte ich von einer Vorbildfunktion nichts wissen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein fremder Mensch ein Idol für jemanden sein kann. So kitschig das auch klingen mag: Meine Vorbilder waren immer meine Eltern, die kenne ich, die liebe ich. Erst mit Ende zwanzig habe ich begriffen, dass viele Kids und Jugendliche da ganz anders ticken als ich. Seitdem achte ich auf mich, stecke mir keine Zigarette an, wenn Kinder in der Nähe sind, und bin in meinen Statements nicht mehr so radikal.

Und wie ist das bei Ihnen, Herr Hens?

Hens: Ich versuche, das Ganze aufs Sportliche zu reduzieren, mein Privatleben ist eh nicht so aufregend wie deins, Kretzsche. Angenommen wir packen es wirklich, wir werden Weltmeister, das wäre doch eine Geschichte: Pascal Hens, erst 26 Jahre und schon tausendmal verletzt, ist immer wieder aufgestanden und holt den Titel. Kann man ein besseres Vorbild sein?

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