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Handball: Schnell, kräftig, Lemgo

"Bei uns wird der TBV Lemgo nicht Meister", hatte HSV-Handball-Trainer Bob Hanning vor dem Spiel verkündet. Da lag er falsch - Lemgo schlug den HSV und wurde so vorzeitig Meister.

Der TBV Lemgo ist neuer deutscher Handball- Meister. Die Ostwestfalen gewannen am Mittwoch die Bundesliga-Partie beim HSV Hamburg mit 33:27 (15:14) und stehen damit drei Spieltage vor Saisonende als neuer Titelträger fest. Die mit sieben Punkten Rückstand folgende SG Flensburg-Handewitt kann den Spitzenreiter nicht mehr einholen.

Drei-Tore-Vorsprung schnell verspielt

Die Gastgeber hatten sich eigentlich vorgenommen, den Lemgoern vor 11 744 Zuschauern in der Color-Line-Arena die Feier zu verderben. "Bei uns wird der TBV Lemgo nicht Meister", hatte HSV-Trainer Bob Hanning vor dem Spiel verkündet. Seine Mannschaft hielt sich nur in den ersten Minuten an die Maßgabe. Der Drei-Tore-Vorsprung (5:2/7.) war schnell verspielt. Ab der 13. Minute behaupteten die Gäste die Führung und bauten sie zwischenzeitlich auf acht Tore (57.) aus. Der HSV, der auf seine Leistungsträger Belaustegui, Agren, Judycki, Muffentangen und Moldestad verzichten musste, vergab zahlreiche Chancen überhastet und wurde in der zweiten Halbzeit vom neuen Meister phasenweise vorgeführt. Mit nunmehr 1056 Toren hat der TBV den Trefferrekord des THW Kiel (1032) aus der Saison 2000/2001 bereits drei Spieltage vor Saisonschluss überboten.

Neue Maßstäbe, überragende Spielkultur

Die Rekorde purzeln, die Konkurrenz staunt, die Fachwelt schwärmt - mit dem zweiten deutschen Meistertitel nach 1997 hat der TBV Lemgo neue Maßstäbe gesetzt. Ohne Punktverlust überstanden die Ostwestfalen als erstes Bundesliga-Team die komplette Hinrunde, die alte Tor-Bestmarke des THW Kiel ist nur noch Geschichte. Vor allem der Spielkultur der Übermächtigen begegnet die Konkurrenz mit Ehrfurcht. Attila Kotorman, Torjäger des ungarischen Vertreters Pick Szeged, kam nach den beiden Niederlagen im Europacup-Viertelfinale gegen den TBV nicht mehr aus dem Stauen heraus: "Niemand von uns konnte sich bis heute vorstellen, dass man 60 Minuten so schnell und kräftig laufen kann, wie Lemgo das macht."

Konsequentes schnelles Spielen

Der Hochgeschwindigkeits-Handball trägt die Handschrift von Volker Mudrow. Wie kein anderer seiner Kollegen machte sich der jüngste Bundesliga-Coach eine bereits Jahre alte Regeländerung zu Nutze: Weil ähnlich wie beim Basketball im Anschluss an einen gegnerischen Treffer sofort weiter gespielt werden darf, kultivierte er bereits in der Saisonvorbereitung ein System der so genannten schnellen Mitte - mit verblüffendem Erfolg. In unnachahmlicher Manier wurde die Gegner reihenweise an die Wand gespielt, wie die Startbilanz von 34:0 Punkten und 588:444 Toren beweist. Von einer Pioniertat wollte Mudrow jedoch nicht sprechen: "Das schnelle Spielen haben wir nicht erfunden. Wir wenden es nur konsequent an."

Shooting-Star Mudrow

Gleichwohl gilt der 33 Jahre alte ehemalige Nationalspieler als Shooting-Star der Szene. Der Nachfolger des in Lemgo gescheiterten Zbigniew Tluczynski verschaffte sich in dem mit sechs Nationalspielern gespickten Kader des 'TBV Deutschland' auch ohne jahrelange Erfahrung als Coach schnell den nötigen Respekt. "Anders als viele Trainer hat Volker nicht vergessen, dass er selbst mal Spieler war. Er spricht die Sprache der Mannschaft und horcht in sie hinein", lobte Kreisläufer Christian Schwarzer.

Nur zwei Niederlagen

Es dauerte fast vier Monate bis der SC Magdeburg als erster Bundesligist ein probates Mittel gegen die Ostwestfalen fand. Deren erste Meisterschafts-Niederlage der Saison am 29. Dezember beim Champions-League-Sieger 2002, die zudem mit 30:43 unerwartet heftig ausfiel, schürte bei der Konkurrenz die Hoffnung auf ein Ende der TBV-Dominanz. Aber erst drei Monate später geriet der Klassenprimus erstmals richtig ins Straucheln: Der zweiten Liga-Schlappe in Eisenach am 26. März folgte das unerwartete Aus im Europacup- Halbfinale gegen den schwedischen Vertreter Redbergslids IK. "In dieser Phase haben uns alle eine Krise einreden wollen", meinte Spielmacher Markus Baur.

Weiter erfolgshungrig

Doch dieser Rückschlag wurde genauso souverän weggesteckt wie die Verletzung des bei der Wahl zum Welthandballer 2002 Drittplatzierten Daniel Stephan gut einen Monat zuvor. Nur wenige Tage nach dem Achillessehnenriss des Welthandballers von 1998 am 19. Februar überrannte Lemgo Gastgeber Wallau-Massenheim mit 38:32 - und erstickte damit das Gerede von einer drohenden Talfahrt im Keim.

Der Erfolgshunger des Titelträgers ist noch immer nicht gestillt. Liebend gern würden die Spieler von Volker Mudrow auch den vom eigenen Verein im Meisterjahr 1997 aufgestellten Meister-Rekord mit nur sieben Minuspunkten knacken. Das wäre ein würdiger Abschluss einer großartigen Saison.

Heinz Büse / DPA

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