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Altkanzler Gerhard Schröder: Scheune, Plumpsklo, Steckrübenpampe

Am Dienstag veröffentlicht der Historiker Gregor Schöllgen eine 900-Seiten-Biografie über Altkanzler Gerhard Schröder. Eine Quelle zu Schröders Jugend ist ein stern-Report von 2004 - der sein Leben zwischen Bruchbuden und Schuldenbüchern beschreibt. Hier ist der Text. 

Gerhard Schröder mit seiner Mutter Erika

Gerhard Schröder mit seiner Mutter Erika

Die Straße steigt steil an, links im Tal liegt ein Autofriedhof, den Rand säumen Tannen, auf der Kuppe dann ein alter Buchenhain, dahinter ein Gehöft. Rechts zweigt ein asphaltierter Weg ab, ein Ortsschild gibt es nicht, dafür gleich hinter der Kreuzung einen Findling, auf dem steht: "Stock" und "1". Es geht vorbei am prächtigen Bauernhaus, an Scheune, Schweinestall und Entenpfuhl zur "Leibzucht", dem früheren Gesindehaus. Hier ist man am Ende. Dahinter kommen nur noch Felder, Brombeerhecken und ein Kaninchenstall. Der Wind pfeift. "Anno 1818" steht über dem Holztor. Das Fachwerk ist schief und krumm, die Fenster sind nicht größer als Backbleche und die Dachziegel mit Moos überzogen. Nur eine weiße Satellitenschüssel erinnert ans 21. Jahrhundert.

Zwischen Bruchbuden und Schuldenbüchern

Wer wissen will, warum Gerhard Schröder so ist, wie er ist, der muss seine Spuren suchen in Behelfsbaracken, Bruchbuden und Schuldenbüchern. Wer verstehen will, warum dieser Mann einen derart unbändigen Durchsetzungswillen besitzt und einen so unerschütterlichen Glauben an sich selbst, der muss weit wegfahren von Berlin, tief in die Provinz hinein, in den nordöstlichen Zipfel von Nordrhein-Westfalen, ins Lipperland, nach Kalletal, ganz genau: nach Osterhagen.

Erika Skarabin öffnet die Tür. Die 81-Jährige erinnert sich gut an Schröders Familie. "Das war Armut, nein, noch mehr als Armut." Im Mai 1957 zog die Sippe hierher. Unten wohnten die Skarabins, oben teilten sich der gerade 13 Jahre alt gewordene Gerd, seine Mutter Erika, die 18-jährige Schwester Gunhild, Oma Schröder, Stiefvater Paul Vosseler und seine drei Halbgeschwister Lothar, Heiderose und Ilse Küche und zwei Zimmerchen, alles zusammen kaum mehr als 30 Quadratmeter.

Erika Skarabin hat heute noch die hungrigen Gesichter der Kinder vor Augen. "Ich hab dem Gerd immer ein Butterbrot gemacht." Und wenn mal freitags auf der Deele ein Schwein geschlachtet wurde, dann ging sie mit einem dampfenden Teller nach oben, "damit die auch mal Fleisch hatten". Der Normalfall war sehr bescheiden: Gemüseeintopf, Steckrübenpampe, Kohl. Aufs Schulbrot gab's keine Wurst, nur Zucker. Die Klamotten kamen aus der Kleiderstube der Fürsorge. Gerds Mutter Erika half auf dem Hof mit, dafür wohnten sie praktisch mietfrei; auch Obst oder Gemüse fiel gelegentlich für sie ab.

Die Kinder mussten selbstverständlich mitarbeiten. Rüben verziehen, Kartoffeln aufklauben oder Pflaumen pflücken und mit dem Bollerwagen im Dorf ausliefern. Pro Pfund gab's fünf Pfennig. Um an ein bisschen mehr Geld zu kommen, zweigten Gerd und sein Kumpel Willi Adrian, genannt Pötti, einfach ein paar Kilo ab, die sie in Weidenkörben am Bauern vorbeischmuggelten und auf eigene Rechnung verkauften, für 30 Pfennig das Pfund.

"Wir waren die Assozialen"

Das Wirtschaftswunder rauschte spurlos an der Familie vorbei. Die Eltern der Schulkameraden bauten Häuser, kauften Autos oder reisten nach Rimini, Mutter Erika und ihre Kinder blieben zurück. Die Väter pendelten in die neuen Fabriken der Möbel- und Kunststoffindustrie nach Westfalen, Paul Vosseler lag mit seiner Tuberkulose meist in der Lungenklinik "Lindenhaus". Der Anteil der Fürsorgeempfänger im Landkreis Lemgo war seit Kriegsende um drei Viertel auf 1,6 Prozent der Einwohner gesunken, die Schröder-Vosseler-Familie blieb weiter auf Stütze angewiesen. Oma Klara bezog nur eine Minirente, Mutter Erika erschuftete sich ein paar Mark beim Putzen dazu, Tochter Gunhild musste daheim abliefern, was sie in der Milchbar in Lemgo verdiente.

Nur an Mangel herrschte keine Not. Eigentlich war der Weg für Gerhard Schröder vorgezeichnet: Volksschule, Lehre, Beruf. Im besten Fall. Heute wäre er ein aussichtsreicher Kandidat für eine Sozialhilfekarriere in zweiter Generation. Ein Fall für Hartz IV.

Schröder selbst hat nie verhehlt, aus welchen Verhältnissen er stammt: "Wir waren die Asozialen." Abgesehen von einigen Anekdoten und griffigen Formulierungen ("Ich habe jahrelang Fensterkitt gefressen") hat er aber kaum detaillierten Einblick in seine Kindheit und Jugend gewährt - was man gut verstehen kann. Die Biografien über ihn sind lückenhaft und ungenau, sogar der regierungsamtliche Lebenslauf ist nicht ganz korrekt.

Geburtsort Dachkammer

Mossenberg, ein Bauernflecken im lippischen Niemandsland. Keine Schule, keine Kirche, kein Laden. Nicht einmal ein Friedhof. Nie gehabt. Außen rum Felder und ein paar Wäldchen als Windstopper. Am Ortsende Richtung Blomberg steht rechts ein rot geklinkertes Bauernhaus, gebaut 1901. Hier wurde Gerhard Schröder geboren, angeblich in einer Dachkammer.

Rudi Freitag, 66, stapft die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Ein Schwenk nach rechts, in die Wohnküche, wo die Bratkartoffeln für die Enkelin noch auf dem Tisch stehen. "Hier ist Gerd zur Welt gekommen, eine Dachkammer hatten wir gar nicht." Freitag war damals fünf Jahre alt.

In den 40er Jahren gibt es in Mossenberg keine Straßennamen, die 30 Häuser sind einfach wild durchnummeriert. Als Emmi Freitag aus Nr. 16 am 7. April 1944 losläuft, um Hebamme Luise Kuhfuß zu holen, ist der Krieg weit weg und doch verflucht nah. Ihr Rudolf ist wie alle wehrfähigen Männer des Dorfes eingezogen, auf ihrem Hof haben sich zwei Frauen einquartiert, die mit ihren Kindern dem Bombenhagel und der Not in der Stadt entgehen wollten. Eine ist Erika Schröder. Sie bewohnt seit Mai 1943 mit der kleinen Gundi zweieinhalb Zimmer im Obergeschoss, etwa 40 Quadratmeter für zwölf Reichsmark Miete im Monat. Fritz Schröder war nur einmal auf Heimaturlaub in Mossenberg, im Sommer 43. Nun liegt Erika in den Wehen.

Abends um zehn ist das Baby an diesem Karfreitag da. "Das Kind hat die Vornamen erhalten: Gerhard Fritz Kurt", notiert der Standesbeamte Carl Helpup im Nachbarort Cappel, wo es Pastor Wehrmann am 4. Juni tauft. Der Vater schreibt von der Front: "Ich freu mich für dich, dass es diesmal ein Junge ist." Im Herbst, kündigt er an, "komm ich nach Hause". Im Herbst kommt stattdessen die Nachricht, dass er gefallen ist "für Führer, Volk und Vaterland", auf dem Rückzug von Russland, nahe dem rumänischen Dorf Ceanu Mare. Als der Ortsvorsteher mit der Botschaft eintrifft, hat Erika Schröder gerade den Kleinen an der Brust. Das Bild seines Vaters sieht Gerhard Schröder erst, als er schon Kanzler ist. Die Ähnlichkeit ist frappant. "Das bin doch ich", sagt er.

Die sorgenfreiste Zeit

Es mag makaber klingen, aber in Mossenberg verlebt Erika Schröder auf Jahrzehnte die sorgenfreiste Zeit ihres Lebens. Emmi Freitag übernimmt die Patenschaft für den Jungen. Es gibt eine Kuh, Schweine, Hühner. "Wir hatten Mehl, Milch, Eier. Die Frauen bewirtschafteten den Hof. Meine Mutter hatte Hilfe, und die Leute hatten was zu essen", erinnert sich Rudi Freitag. Noch heute hält er Kontakt zu der Untermieterin seiner Eltern. Die sagte ihm mal bei einem Besuch: "Hier bei Emmi hatte ich alles für meine Kinder."

Trotzdem packt Erika Schröder nach Kriegsende ihre Habseligkeiten, zieht mit Gundi und Gerd weiter nach Nordwesten - und strandet ganz unten: in einer beschönigend Behelfswohnheim genannten Bretterbude auf dem Sportplatz in Wülfer-Bexten bei Bad Salzuflen. Einmal bringt sie Gerd für eine Woche zur Patentante. "Da habe ich meine erste gute Butter bekommen", weiß Schröder noch heute.

"Nicht mit Schröder-Kindern spielen"

Bexten. Die Straße in das fast 1000 Jahre alte Örtchen führt an der alten Tanzlinde vorbei, kurz danach kommen schon die wenigen Überreste einer gewaltigen Hofmeieranlage. Rechts protzt das Fachwerk der restaurierten Försterei, links der Straße liegt der "Waldkrug". Das Lokal war zugleich der örtliche Krämerladen, als Erika Schröder 1947 gemeinsam mit dem Melker Paul Vosseler, dem sie im Kino näher gekommen war, gegenüber in die "Villa Wankenich" zog. So nannten die Bextener die 1599 errichtete Schafscheune, an die später ein paar Behausungen für Landarbeiter angebaut worden waren.

Herbert Kampe sitzt auf dem Sofa. Er kann sich kaum noch regen, Spätfolgen eines Schusses, den er sich 1943 vor Moskau eingefangen hat. Seine Nachbarn hat er nicht in bester, aber in deutlicher Erinnerung. Der Wirt des "Waldkrugs" hat akribisch Schuldenbuch geführt damals, denn "die taten bei uns einkaufen, ließen anschreiben, bezahlten aber nicht". Jedenfalls nie genug. "Einige 100 Mark" haben sie ihn gekostet, ein bis zwei Monatslöhne, eine Menge Geld. Dabei war Erika Schröder durchaus guten Willens. Einmal bot sie Kampe zur Auslöse ein altes Sofa an, "wo sie's weghatte, weiß ich nicht, aber selbst gekauft hatte sie's bestimmt nicht". Für die Mutter dagegen "ging's immer nur darum, die Kinder satt zu kriegen".

Das Leben in der "Villa Wankenich" war primitiv und zugleich ziemlich turbulent. Auf engstem Raum hockten - verteilt auf je zwei übereinander liegende winzige Zimmer - vier Familien aufeinander, oft mehr als 20 Menschen, ohne Bad, ohne Heizung, ohne Wasser. Das musste sommers wie winters mit dem Eimer aus einem Brunnen unterm Walnussbaum geschöpft werden. Für die Notdurft gab es draußen zwei Plumpsklos. Wenigstens in den unteren Zimmern standen Kanonenöfen. Die Kohlen dafür fringste Erika Schröder in der alten Ziegelei, es kam "innen Sack, was ich so tragen konnte".

Bei den einheimischen Bauern gerieten die zugereisten Habenichtse schnell in Verruf. "Es hieß: Mit den Schröder-Kindern spielt ihr nicht", erinnert sich die Bürgermeisterstochter Marie-Luise Kleimann. Nicht alle hielten sich an das Verbot. Herbert Kampe untersagte seiner Tochter Marianne vergebens den Kontakt mit den Fürsorgeempfängern. Die wilde Welt in der "Villa" faszinierte sie: "Kinder hatten da Narrenfreiheit." Der junge Gerhard Schröder registrierte die Ausgrenzung ganz genau. Noch 1998 gestand er in einem Fernsehgespräch mit Günter Gaus: "Ich habe darunter gelitten, dass bestimmte Alterskollegen, Mädchen wie Jungs, nicht mit mir gespielt haben. Und vielleicht ist das einer der Antriebe" - für seinen Drang, sich allen Demütigungen zum Trotz durchzubeißen. Nach oben, so weit wie irgend möglich.

Ein starkes Kind und ein schwacher Mann

Sollte Schröders Mutter gehofft haben, mit dem neuen Lebensgefährten der kleinen Familie Halt, Auskommen und eine bessere Zukunft zu verschaffen, hat sie sich gründlich getäuscht. "War nicht schön mit ihm", sagt sie rückblickend. "Der Vosseler", wie sie und die anderen Familienmitglieder ihn nannten, trug auch vor dem Ausbruch seiner Tuberkulose wenig zum Überleben bei. Dafür ging er fremd. Das Verhältnis zu einer Mitbewohnerin aus der "Villa Wankenich" war ortsbekannt. Gelegentlich geriet er mit deren Lebensgefährten aneinander. "Heini und Vosseler haben sich ab und zu mal verwemmst", erinnert sich Herbert Kampe. Bei der Polizei war die "Villa" gut bekannt. "Wenn man am Telefon sagte: Bextener Straße 1, wussten die schon Bescheid."

Trotz alledem zeugten Paul Vosseler und Erika Schröder bis 1954 drei Kinder, und nach der Heirat nahm Gerds Mutter den Namen Vosseler an. Als Vaterersatz für den Jungen war Paul Vosseler ein Totalausfall. Weder setzte er ihm Grenzen, noch wies er ihm Wege. Das starke, lebensgierige Kind und der schwache Mann blieben einander fremd.

Im Frühjahr 1950 kommt Gerhard Schröder, kaum sechs geworden, in die Bextener Zwergschule, wo vier Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Laut seinem offiziellen Lebenslauf wechselt er nach einem Jahr nach Talle, in Wirklichkeit bleibt er bis zur siebten Klasse. Er ist der Kleinste und Schmächtigste, aber "ein pfiffiges Kerlchen", wie Mitschüler übereinstimmend erzählen. Um bei den üblichen Keilereien nicht vermöbelt zu werden, hilft er stärkeren Jungs bei den Schulaufgaben, die ihn im Gegenzug beschützen. "Ich war sein erster Bodyguard", witzelt Ernst Vogel. Schröder sagt: "Ernstchen stand immer auf meiner Seite."

Eine Kindheit ohne Maßstäbe

Dabei hatte der kleine Gerd eine Menge Mut, vor allem gegenüber dem gefürchteten Lehrer Heinrich Tegtmeier, der einem Schüler sogar mal das Schlüsselbein brach. "Es war ihm auch egal, wenn er eine gelangt kriegte", erinnert sich Mitschülerin Marianne. "Er hat seine Klappe nicht gehalten." Der ganzen Klasse stockte der Atem, als Gerd den an der Tafel vorrechnenden Tegtmeier unterbrach: "Da ist ein Fehler drin" - und die richtige Lösung parat hatte. Drohte der Rohrstock, schob sich Schröder schnell ein Buch hinten in die Lederhose, das dämpfte die Hiebe.

Der Junge aus der "Villa Wankenich" ist fix im Kopf, aber nur ein mittelprächtiger Schüler. Er tut nicht mehr als nötig. Seine Energie steckt er in seine große Leidenschaft: Fußball. Im Bexterwald bolzt er, wann immer es geht. Die anderen Jungs nervt er manchmal, weil er ungern abspielt und zu viel fummelt. Sie rufen ihn "Acker". Aber Acker hat ein unschlagbares Argument: Obwohl der Ärmste, besitzt er den einzigen Lederball weit und breit.

Es ist eine wilde, ungezügelte und in Schröders Erinnerung deshalb bei allen Entbehrungen "außerordentlich glückliche" Kindheit. Aber außer der Liebe seiner Mutter bekommt er daheim nicht viel mit fürs Leben. Geistige Anregungen gibt es nicht. Keine Bücher, keine Bilder, nix. Auch bürgerliche Werte spielten in dem Haushalt, in dem es um das schiere Überleben ging, keine Rolle. Später gestand Schröder, er habe manchmal diejenigen "beneidet, die zu Hause so ganz selbstverständlich Maßstäbe mitbekommen haben für das, was gut und böse, was richtig und falsch ist. Das kriegt man natürlich bei so einer Art zu leben nicht so mit. Das muss man sich mühsam aneignen."

Fußball für die Anerkennung

Talle. Mitten in dem "Bergdorf" (Eigenwerbung) liegt, unterhalb der Peters-Kirche, der "Alte Krug", das einzige Gasthaus, das übrig geblieben ist von einstmals dreien im Ort. "Freitag ist Schnitzeltag - 5 Euro", steht auf dem Schild. Dunkles Holz dominiert. Ausgeschenkt wird Herforder Pils zu 1,10 Euro für 0,2 Liter. Herbert Batzer nimmt einen kräftigen Schluck und erinnert sich an früher, an die 60er Jahre, als er zweiter Vorsitzender des TuS Talle war und Gerhard Schröder der Star der Elf. Kein Virtuose am Ball, aber ein Grasfresser, einer, der nie aufsteckte, furchtlos war, kopfballstark und schussgewaltig. Der ideale Mittelstürmer. Schon in der Jugendmannschaft fielen Schröders Ehrgeiz und sein aggressiver Drang zum Tor den Vereinsoberen auf. "Wir haben darauf gewartet, dass er endlich 18 wird, damit er in der Ersten spielen kann", erzählt Batzer.

Für den Bolzer aus dem Bexterwald hatte der Fußball eine neue Funktion bekommen: Über das Kicken konnte er sich einen Platz in der Dorfgemeinschaft erkämpfen. "Ich habe Fußball gespielt, wie Ihre Neger rennen, aus Bedürfnis nach sozialer Anerkennung", sagte Schröder mehr als 20 Jahre später einem US-Diplomaten. Jedes Tor war ein Stückchen Integration, mit jedem Tor drängte er seine Herkunft weiter in den Hintergrund, obwohl die Armut der Familie präsent blieb. Samstags schlüpfte Schröder kurz vor Toresschluss noch regelmäßig in das öffentliche Bad in Talle. Das hätte eigentlich 40 Pfennig gekostet, aber der Aufseher war ein Mitspieler und ließ ihn umsonst duschen.

Morgens steigt er in den Bus ins zwölf Kilometer entfernte Lemgo. 1958 hat er die Volksschule abgeschlossen und lernt nun Einzelhandelskaufmann im Porzellanwarenladen August Brand am Markt, immerhin das erste Geschäft am Platz. Bei der Bahn war Bewerber Schröder zuvor durchgefallen; für einen Stellwerker hatte er einfach eine linke Hand zu viel. Nun bohnert er abends den Boden und wischt Staub, fühlt sich aber bald unterfordert in seiner "nichtssagenden Lehre", deren Höhepunkt darin besteht, mit dem Dekorateur das Schaufenster umzugestalten. "Ich will nicht mein Leben lang Bratpfannen verkaufen", klagt er seinem Kumpel Fritz Ellermeier, der ihn beim TuS mit Flanken versorgt. Sein Los empfindet er zunehmend als ungerecht. Jeden Morgen ärgert er sich im Bus über die "doofen Bauernsöhne", die aufs Gymnasium in der Kreisstadt gehen dürfen. Das will er auch. Für so schlau wie die hält er sich allemal.

Stück für Stück nach oben

In dieser Zeit reift in ihm die Entscheidung: Ich will da raus! Aus dem Laden in Lemgo, aus Zuständen wie zu Hause, wo er mit Lothar ein Zimmer ohne Schrank und Heizung teilt; an den nackten Wänden bildet sich im Winter Raureif. Nach der Lehre verdingt er sich 1961 noch für ein gutes halbes Jahr in der Eisenwarenhandlung Meier-Tönies in Lage. Er verdient 150 Mark im Monat. Damals gar nicht wenig Geld für einen Halbwüchsigen. Er aber baut sich eines Tages vor seinem Kollegen Friedel Stille auf, zerrt demonstrativ mit beiden Händen an seinem Kittel und deklamiert: "Mein lieber Stille, Eisen und Nägel, das ist nichts für Schröder!"

Wenig später meldet er sich am Göttinger "Institut für Erziehung und Unterricht" an. Der Zugang zur höheren Bildung war für ihn "ein unerhörtes Privileg, was ich immer haben wollte". Tagsüber arbeitet er, abends büffelt er für die mittlere Reife - und nimmt sofort danach die nächste Stufe auf dem Weg nach oben in Angriff: Erst bei Siegen, dann in Bielefeld macht er auf dem Kolleg das ersehnte Abitur nach. Auf den erwachsenen Schülern, die fast alle einem Unterschicht-Schicksal entfliehen wollen, lastet immenser Druck. "Wer aus dem Dreck rauswill, muss das Doppelte leisten", sagt Mitschüler Willi Wetzel, heute Professor für Zahnmedizin.

Gerhard Schröder, das Kind eines Kirmesarbeiters, quält sich durch Cicero und Plinius-Briefe, erscheint mit dem "Spiegel" unterm Arm im Unterricht und politisiert - mittlerweile in die SPD eingetreten - mit den Lehrern. Auf dem Bau, wo er in den Ferien jobbt, verspotten sie ihn nun als "Doktor Schröder".

Der Wille, etwas Besonderes zu werden

Der "Alte Krug" in Talle. Lothar Vosseler sitzt unter der Vitrine mit den Pokalen, die der TuS einst gewonnen hat. Der gelernte Heizungsmonteur war in den vergangenen zehn Jahren die meiste Zeit arbeitslos. Er hat ein Buch× verfassen lassen, das bald erscheinen soll, aber glücklich wirkt der 57-Jährige nicht. Das Werk ist ein Gemisch aus Anekdoten und einer Abrechnung mit seinem Halbbruder, der ihm Jahr für Jahr immer mehr abhanden gekommen ist. "Sein unbedingter Wille, etwas Besonderes zu werden, war mir völlig fremd und ängstigte mich", sagt Lothar Vosseler, der bis heute im Lipperland geblieben ist - wie fast alle von Schröders Mitschülern und Mitspielern. Sie wollten nicht mehr vom Leben als ihr Auskommen. Acker wollte es allen zeigen.

Kurz vor dem Abitur, im Bus auf dem Weg ins Bielefelder Kolleg, stößt Gerhard Schröder beim Abzweig nach Bexten seinen Doppelkopfpartner Manfred Möller an, deutet auf die Tanzlinde und den alten Kotten dahinter und sagt voller Ernst: "An dem Haus da soll mal eine Tafel stehen, dass ich da gewohnt habe."