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Bundeskanzler: Als Gerhard Schröder noch den Rasen pflügte

Tief im Osten Nordrhein-Westfalens, im Kreis Lippe-Detmold, liegt ein kleines Dorf, das Talle heißt. Seinem früheren Stürmerstar "Acker", der kurz vor seinem 60. Geburtstag den SPD-Vorsitz abgeben musste, hält es auch in schlechten Tagen die Treue.

Den SPD-Parteivorsitz hat Gerhard Schröder kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag abgeben müssen. In Niedersachsen, seinem politischen Stammland, hat längst ein Christdemokrat das Sagen. Doch ganz im Osten von Nordrhein-Westfalen liegt ein kleines Dorf, das seinem Gerhard in guten wie schlechten Tagen die Treue hält. Das "Bergdorf Talle" im Kreis Lippe-Detmold nennt sich stolz "Heimat des Kanzlers". Hier hat Schröder seine Jugend verlebt, seine erste Frau kennen gelernt und erstmals Ruhm erworben: Als schussstarker Mittelstürmer des TUS Talle von 1923.

Oben am Berg, die Peterskirche, darunter der Alte Krug, außerdem ein einziges Geschäft für alles, dazwischen die schmale gewundene "Taller Straße". Minutenlang stört kein Auto die Stille. Unten am Ortsrand auf dem Fußballplatz kicken Zehn- bis Zwölfjährige in roten-schwarzen Trikots.

Schröder als Stürmerstar

Genauso alt sei Gerhard Schröder gewesen, als er 1956 nach Talle zog, sagt Helmut Kern, ehemaliger Vorsitzender des Vereins. Er hat in den sechziger Jahren den Stürmerstar Schröder auch schon mal mit dem eigenen Wagen aus dem Heimatdorf in die Göttinger Studentenwohnung gefahren hat.

Zur Geburtstagsfeier im Theater am Aegi in Hannover, die etwas verspätet nicht am 7. April sondern am 16. April stattfindet, sind neben dem Bürgermeister der Gesamtgemeinde Kalletal, zu der Talle heute gehört, auch fünf ehemalige Vereinskameraden eingeladen. Hans Pohl, der damals halblinks neben dem "wirklich sehr guten Mittelstürmer" Schröder spielte, weiß von den "schon erbärmlichen Verhältnissen" zu berichten, in denen der spätere Bundeskanzler aufgewachsen ist.

In Mossenberg einen Dorf 20 Kilometer südlich von Talle wurde Schröder am 7. April 1944 geboren. In der Nachkriegszeit lebt er zunächst im 13 Kilometer westlich von Talle gelegenen Bexten - mit seiner Mutter, seinen Geschwistern und seinem Stiefvater, der dann sehr früh an Tuberkulose starb.

Die Familie wohnte in einer Baracke direkt am Fußballplatz. "Da wackelten Geschirr und Möbel von den Bällen, die gegen die Wand prallten", erinnert sich Pohl, der später auch SPD-Politiker und immerhin Landrat des Kreises Lippe-Detmold wurde. Die Mutter, die "allein fünf Kinder durchbringen" musste, zog dann nach Talle in eine "sehr ärmliche" Gesindewohnung eines Bauernhofes.

Spitzname "Acker"

Den Fußballer Schröder, der mit 18 in die erste Mannschaft durfte, nannten die Vereinskameraden nur "Acker". Er sei damals nicht kräftig oder groß aber "sehr flink und wendig - so ein Uwe-Seeler-Typ" gewesen, sagt Pohl. Er habe Anteil daran gehabt, dass der Dorf-Verein bis in die Bezirksliga aufgestiegen sei.

"Sie nannten mich 'Acker', weil ich mich immer voll reingehängt habe, und ich gebe zu, ich war schon ein bißchen stolz auf den Spitznamen. Über den Kampf zum Spiel finden, war meine Devise", sagte Schröder einmal selbst über Schröder.

Schröder, der zunächst nur die Volksschule abschließt und dann eine Lehre als Verkäufer von Haushaltswaren macht, hält seinem Verein auch die Treue, als er außerhalb die Mittlere und die Hochschulreife nachmacht und in Göttingen ein Jura-Studium beginnt. Er arbeitet in den Semesterferien in einem Baugeschäft in Talle und bewohnt ein Zimmer im ehemaligen Schulgebäude des Dorfes.

Erst 1971, so sagt Bürgermeister Klaus Fritzemeier, habe der spätere Kanzler sich dann abgemeldet und seinen Wohnsitz in Talle aufgegeben: "Er war damals einfach einer von uns", betonte der SPD-Kommunalpolitiker.

Erste Ehefrau stammt aus dem Nachbarort

Schröders erste Frau Eva stammte aus einem Nachbarort von Talle. Sie war seine Lebensabschnittspartnerin in der Zeit des Zweiten Bildungsweges. Fest angetraute Partnerin für die Juso-Zeit wurde später Anne, für die Zeit in der niedersächsischen Landespolitik Hiltrud und für Kanzlerschaft bekanntlich Doris.

Den Ehrgeiz, der ihn später ganz nach oben führte, hat Schröder in den Augen seiner Vereinskameraden schon als Fußballer gehabt. "Auch bei Freundschaftsspielen sagte er immer, wenn ich meine Schuhe anziehe, will ich auch gewinnen", erinnert sich etwa Herbert Batzer, der Zweite Vorsitzende des TUS Talle, der auch zur Feier in Hannover eingeladen ist. Beim Fußball habe Schröder "nie aufgegeben, bis zur letzten Minute". Auch damals sei er schon "der Wortführer in der Mannschaft" gewesen.

"Er ist einfach der alte Kumpel geblieben"

An der Politik des Bundeskanzlers äußern seine Freunde aus dem Heimatdorf auch schon mal Kritik. Bürgermeister Fritzemeier klagt über die Finanznot, die auch seine Kommune erreicht. Batzer wünscht dringend, "dass die Wirtschaft in Schwung kommt", hat aber Zweifel, "ob der Kanzler da überhaupt was machen kann". Und Günter Nolte ein weiterer Kamerad hält wenig von der Praxisgebühr und den erhöhten Zuzahlungen bei Arzneimitteln. Dennoch betonten alle, "dass die Taller stolz sind" auf ihren ehemaligen Mittelstürmer. Nicht nur für Nolte "ist er einfach der alte Kumpel geblieben".

Jürgen Voges / DPA