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Handball-Star Roggisch im Interview: "Brutaler geht es nicht"

Die deutsche Nationalmannschaft startet am Abend (ab 18.30 im Liveticker) in die Handball-Europameisterschaft. Kurz vor Turnierbeginn hat stern.de mit Star-Verteidiger Oliver Roggisch über Körperschmerz, das Hass-Duell mit Polen sowie drohenden Lagerkoller gesprochen.

Wie fühlt sich Ihr Körper nach dieser intensiven Vorbereitung an?
Man hat in den vergangenen Tagen jeden einzelnen Knochen im Körper gespürt. Umso wichtiger waren die vergangenen freien Tage. Denn jetzt sind wir vom Kopf her voll da für die EM.

Gab es keinen Lagerkoller?
Nein, kein bisschen. Wir waren auch nach den beiden Island-Niederlagen Eisstockschießen. Das hat die Anspannung dann völlig genommen.

Eisstockschießen?
Der Nationaltrainer setzt zwischendurch mal auf solche Aktionen, um die Lockerheit zurück ins Team zu bringen. Allerdings musste ich mit Erschrecken feststellen, mit welchen Grobmotorikern ich in einer Mannschaft spiele. Das ging teilweise in den Bereich der eigenen Körperverletzung (lacht).

Aber dass Lockerheit alleine nicht ausreicht, haben die dürftigen Vorbereitungsergebnisse Ihres Teams deutlich gezeigt. Wozu ist diese deutsche Mannschaft fähig?
Perspektivisch zu allem. Gegenwärtig sind alle Ergebnisse von einzelnen Faktoren abhängig: Zum einen darf sich niemand verletzten. Unsere erste Sieben gehört sicherlich zur Weltspitze. Die nachrückenden Spieler, insbesondere im Rückraum und am Kreis, sind noch etwas weiter weg und müssen an sich arbeiten. Zum anderen müssen die jungen Spieler Ihre Konzentration hoch halten. Und zwar möglichst über das ganze Turnier.

In der Vorbereitung wurde die Abwehr ziemlich häufig kritisiert. Sie sind der Chef der Defensive. Was gilt es zu verbessern?
Die Vorbereitung ist kein wirklicher Maßstab für Abwehrarbeit. Wir haben in den vergangenen Tagen sehr viel im Bereich der Schnellkraft gearbeitet und waren dementsprechend müde in den Testspielen. Für die Abwehr braucht man aber insbesondere schnelle Beine.

Was macht einen guten Abwehrspieler noch aus?
Abwehr zu spielen bedarf keines besonderen Talents. Vielmehr geht es um die Einstellung, den Willen zu kämpfen und sich zu quälen. Manche Angreifer mögen es nicht sonderlich sich zu quälen. Als Abwehrspieler muss man dies ausnutzen und ihnen noch mehr zusetzen.

Bringen alle Ihre Mitspieler die nötige Einstellung für die Abwehrarbeit mit?
Grundsätzlich schon. Trotzdem muss man dem einen oder anderem schon mal in den Hintern treten, damit er wieder Vollgas gibt.

Mit wem spielen Sie im Nationaldress am liebsten in der Deckung zusammen?
Momentan mit Manuel Späth oder Michael Haas. Beide sind sehr aggressiv und können das Spiel des Gegners gut lesen und unterbinden. Dazu kommunizieren sie gut, so dass jeder weiß, welche Bewegungen sie als nächstes machen.

Sie sind das Paradebeispiel eines Abwehrspielers. Macht Zerstören mehr Spaß als das Torewerfen?
Beides ist schön. Ich war ja auch nicht mein Leben lang Abwehrspieler. Als ich mit 23 Jahren zu TuSem Essen ging, war ich auch ein ordentlicher Kreisläufer. Aber dort spielte einer der besten Kreisspieler der Welt, Dimitar Torgovanov, im Angriff, an dem war kein Vorbeikommen. So habe ich mich immer mehr auf die Abwehr konzentriert, um überhaupt zu spielen. Und man muss eins festhalten: So schlecht war die Entscheidung gar nicht. Denn ich bin so immerhin Weltmeister geworden und spiele bei den Rhein-Neckar-Löwen, einem europäischen Topklub.

Häufig wird Ihnen unterstellt, Sie würden zu hart spielen.
Ich gehe schon an die Grenzen. Manchmal auch darüber hinaus, aber so ist die Arbeit im Mittelblock. Da ist alles erlaubt, was sich im Rahmen der Fairness gebietet. Und was der Schiedsrichter eben nicht sieht (lacht).

Aber fehlt Abwehrspielern nicht manchmal die Anerkennung von außen?
Ich bekomme genügend Anerkennung. Außerdem bin ich eh kein Mensch, dem man ständig sagen muss, wie toll er ist.

Trotzdem stimmt auch Ihre Angriffsquote. Bei den vergangenen drei internationalen Turnieren haben Sie dreimal auf das gegnerische Tor geworfen und drei Treffer erzielt…
(lacht) Das ist eben effizient. Im Team wird gemunkelt, dass ich nach dem ersten Torwurf nicht mehr über die Mittellinie gehe, um mir diese Quote nicht zu versauen.

Bei der EM gibt es erneut ein Schulungsvideo für die Schiedsrichter. Auf diesem sind insbesondere Sie sowie Ihr französisches Pendant Didier Dinart sehr häufig zu sehen. Glauben Sie, dass könnte die Schiris beeinflussen?
Das nervt mich jedes Mal. Natürlich beeinflusst so etwas die Schiris, wenn Sie ständig meine Fratze bei angeblich üblen Aktionen zu sehen kriegen. Solche Videos sollten wesentlich ausgeglichener gestaltet und von jeder Mannschaft einzelne Szenen vorgeführt werden. Meinen Sie denn, dass zum Beispiel die polnischen Abwehrspieler zimperlicher als ich sind?

Das müssten Sie besser wissen. Immerhin spielen Sie mit Karol Bielecki, dem zentralen Abwehrrecken der Polen, bei den Rhein Neckar-Löwen in einem Team. Wie stark schätzen Sie denn Ihren ersten Gruppengegner ein?
Bielecki ist kein Kind von Traurigkeit. Der kann schon sehr gut zulangen. Außerdem hat er wahrscheinlich den härtesten Wurf der Welt. Die Polen sind ein extrem gut eingespieltes Team mit einem sehr erfahrenen Trainer. Das wird für uns ein echter Kraftakt.

Ist bei Ihnen im Hinterkopf noch verankert, dass der polnische Trainer Bogdan Wenta bei der WM 2007, als er Christian Zeitz den Ball bei einem Einwurf nicht rausgeben wollte, für einige Tumulte und böses Blut zwischen den Lagern sorgte?
Nein, so etwas ist vergessen. Heiner Brand und Bogdan haben sich danach wohl auch ausgesprochen. Aber klar ist, dass die Polen ein Team auf Augenhöhe sind und wir aufgrund der Duelle in den vergangenen Jahren ein ganz besonderes Prestige zu ihnen aufgebaut haben.

Sind die Polen das stärkste Team der Gruppe?
Das kann keiner sagen. Das ist die absolut brutalste Gruppe, die es überhaupt geben kann. Brutaler geht es nicht. Wenn überhaupt ein Team etwas abfällt, dann ist es wohl Slowenien. Aber auch da bleibt abzuwarten, wie sich die Mannschaft nach den Comebacks zahlreicher Stars und der Verpflichtung von Noka Serdarusic gibt. Wir werden in jedem Spiel an unsere absolute Leistungsgrenze gehen müssen.

Beschäftigen Sie sich manchmal mit einem frühzeitigen Ausscheiden in der Gruppenphase?
Das kann passieren. Aber es ist nicht in unserem Kopf verankert. Wir denken positiv und wollen in die Hauptrunde.

Sie spielen bereits Ihre dritte Euro. 2006 gab es den fünften Platz, 2008 den vierten. Eigentlich müssten Sie nun für eine Medaille reif sein.
Nehmen würde ich diese sofort. Aber ich glaube, dass unser Team noch ein wenig zu unerfahren und unkonstant für die Medaillenplätze sein könnte.

Können Sie mit Ihrer internationalen Erfahrung in diesem Bereich nicht helfen?
Das probiere ich. Ich gebe in der Deckung sehr viele Kommandos, bin außerhalb des Platzes für alle Mannschaftskollegen ansprechbar und versuche mit guter Leistung voran zu gehen. Ich glaube, dass meine Teamkollegen das schätzen und sich manchmal auch an mir orientieren können.

Sie sind 31 Jahre alt und haben nun Ihren Vertrag mit den RNL um weitere zwei Jahre verlängert. Wie lange wollen Sie spielen?
Ich fühle mich topfit und sehe kaum Verschleißerscheinungen. Mein Ziel ist es, wie Christian Schwarzer bis zum 38 Lebensjahr zu spielen. Aber wenn ich vorher merke, dass die Leistung nachlässt, mache ich sofort Schluss.

Rafael Buschmann

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