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Handball-WM: Gerannt, gekämpft - verloren...

Der Traum vom dritten Titelgewinn nach 1938 und 1978 hat sich für die deutschen Handballer nicht erfüllt. Ohne die verletzten Stefan Kretzschmar und Volker Zerbe verlor der EM-Zweite am Sonntag in Lissabon das Endspiel der Weltmeisterschaft gegen Überraschungsfinalist Kroatien mit 31:34.

Der Traum vom dritten Titelgewinn nach 1938 und 1978 hat sich für die deutschen Handballer nicht erfüllt. Ohne die verletzten Stefan Kretzschmar und Volker Zerbe verlor der EM-Zweite am Sonntag in Lissabon das Endspiel der Weltmeisterschaft gegen Überraschungsfinalist Kroatien mit 31:34 (18:20). Mit der Silbermedaille feierten die Schützlinge von Bundestrainer Heiner Brand dennoch den größten Erfolg für den deutschen Männer-Handball seit dem WM-Bronze der DDR 1986.

"Niederlage im Finale, aber ein Sieg im Turnier"

"Die Mannschaft, die ein super Turnier gespielt hat, hat keine Kritik verdient. Wir waren nah dran", sagte Brand nach dem spannenden Finale und räumte ein: "Wir waren heute nicht gut genug." DHB- Präsident Ulrich Strombach zollte den besten deutschen Handballern ein großes Lob: "Es ist zwar eine Niederlage im Finale, aber ein Sieg im Turnier." Was das Team gegen Kroatien geboten hat, sei die "beste Werbung für den deutschen Handball, die wir seit Jahren gesehen haben", befand Erhard Wunderlich, 1978 mit Brand Weltmeister.

Vor 12.000 Zuschauern im ausverkauften Pavilhao Atlantico scheiterte die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) an der Dynamik des Überraschungsfinalisten. Die Lemgoer Markus Baur (8/5) und Florian Kehrmann (7/2) als beste Torschützen und ihre Teamkollegen konnten sich über Platz zwei nicht freuen und saßen geknickt auf ihrer Auswechselbank.

Ausfälle kaum zu kompensieren

Ab 18.04 Uhr wollte die DHB-Auswahl ein neues Kapitel in der Erfolgsgeschichte des deutschen Männer-Handballs mit zwei Olympiasiegen (1936, 1980) und zwei WM-Titeln (1938, 1978) schreiben. Dafür musste Bundestrainer Heiner Brand seine Mannschaft jedoch auf zwei wichtigen Positionen umformieren. Linksaußen Stefan Kretzschmar (Magdeburg) konnte sein 200. Länderspiel auf Grund eines gebrochenen kleinen Fingers an der Wurfhand nicht bestreiten. Rückraumspieler Volker Zerbe wurde wegen eines Muskelfaserrisses im rechten Oberschenkel auf ärztliches Anraten nicht eingesetzt.

Starker Auftakt

Von den Hiobsbotschaften unbeeindruckt, startete die deutsche Mannschaft mit einer 4:2-Führung (6.). Allerdings konnten sich die Brand-Schützlinge damit nicht in Sicherheit wiegen. Schnell glichen die Kroaten zum 5:5 (9.) aus und brachten den EM-Zweiten beim 8:11 (15.) gar mit zwei Toren in Rückstand. "Die Mannschaft weiß, dass sie nicht der ganz große Favorit ist", hatte der ehemalige Bundestrainer Horst Bredemeier schon vorher vor zu großer Euphorie gewarnt.

Sensationelle Einstellung

Doch wie in allen engen Spielen zuvor demonstrierte die DHB-Auswahl Stärke und gewachsenes Selbstbewusstsein. Schon am Vortag im Halbfinale hatte der EM-Zweite mit diesen Vorzügen Titelverteidiger Frankreich mit 23:22 ausgeschaltet. "Ich weiß, dass die Mannschaft diese sensationelle Einstellung hat. Man wird schon nachdenklich, wenn erst Volker Zerbe ausfällt und später auch noch Stefan Kretzschmar. Um so sensationeller ist es, dass wir es geschafft haben", urteilte Brand.

Unerwartetes Torhüter-Problem

So kehrte sein Team auch im Finale beherzt und couragiert wieder ins Spiel zurück und glich zum 12:12 (21.) aus. Allerdings hatten weder der zum besten WM-Torhüter gewählte Henning Fritz (Kiel) noch sein Kollege Christian Ramota (Lemgo) ihren besten Tag erwischt und bekamen im ersten Durchgang kaum einen Ball zu fassen. Dadurch gerieten die Deutschen wieder mit 15:18 (27.) in Rückstand und lagen zum zweiten Mal im Verlauf des Turniers zur Pause hinten (18:20)

Nur 66 Prozent der Würfe saßen

"Jetzt kann es nur noch besser werden", sagte Uwe Schwenker, Manager des THW Kiel. Trotz des langen Halbfinalspiels am Samstag mit dem 39:37-Erfolg nach zweimaliger Verlängerung gegen Spanien wirkten die Kroaten frischer und agierten mit mehr Begeisterung. Während der Olympiasieger von 1996 genau 80 Prozent seiner Würfe im Tor unterbrachte, kam das deutsche Team gerade auf eine 66 Prozent.

Doch mit Schwung und neuem Elan kamen die Deutschen aufs Parkett zurück. Fritz im Tor steigerte sich und mit ihm die ganze Mannschaft. Dem 23:23-Ausgleich (37.) ließ Florian Kehrmann (Lemgo) mit seinem fünften Treffer nur eine Minute später die 24:23-Führung folgen. Die Kroaten aber erwiesen sich als Steher, die fast im Handumdrehen das Brand-Team mit 24:28 (44.) ins Hintertreffen brachte. Daran konnte auch der zum "Wertvollsten Spieler" der WM gewählte Kreisläufer Christian Schwarzer nichts ändern, da er bei der aufmerksamen Deckung des Olympiasiegers von 1996 weitgehend abgemeldet war.

Lob vom Kanzler

Trost kam für die DHB-Cracks von höchster Stelle. Bundeskanzler Gerhard beglückwünschte die Vize-Weltmeister per Pressemitteilung. "Das ist ein großartiger Erfolg, zu dem ich den Spielern, dem Trainer und allen Verantwortlichen ganz herzlich gratuliere. Das Team hat ein begeisterndes Turnier gespielt und sicher viele neue Freunde für den Handballsport gewonnen. Ich wünsche eine gute Heimkehr nach Deutschland und freue mich auf ein Zusammentreffen mit dem Vize-Weltmeister!".

Martin Kloth / DPA

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