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Kelly Slater und John John Florence: Die Könige der Wellen

Kelly Slater gilt als der beste Surfer der Welt. Es gibt nur einen, der an ihn herankommt: John John Florence, 20 Jahre jünger als "King Kelly" und einer seiner größten Bewunderer.

John John Florence surft eine Welle

John John Florence beim Wellenreiten auf Tahiti

Wenn du so werden willst wie sie, musst du am Wasser geboren sein, denn du wirst das Meer nur reiten können, wenn du es lesen kannst. Du musst die Winde deuten lernen, die Strömungen verstehen. Du musst wissen, an welcher Stelle die Welle bricht und weshalb. Du musst aufpassen, dass du dir an den messerscharfen Korallenriffen nicht die Füße oder das Gesicht aufschlitzt. Und du musst deinen Körper beherrschen wie ein Gott.

Kelly Slater und John John Florence können all das. Zwischen ihnen liegen 20 Jahre, aber sie wohnen in Hawaii Tür an Tür. Der eine ist der beste Surfer der Welt, der andere schickt sich an, ihn vom Thron zu stoßen.

Kelly Slater, Spitzname: "King Kelly". In der Surferszene eine lebende Legende. Geboren 1972 in Cocoa Beach, Florida, elfmaliger Weltmeister, Frauenschwarm. Slater besiegt Konkurrenten, die seine Kinder sein könnten. Er hält einen besonderen Rekord: Er ist sowohl der jüngste als auch der älteste Surfweltmeister aller Zeiten. Sein Freund, der Musiker Jack Johnson, behauptet, durch Slaters Adern fließe kein Blut, sondern Salzwasser.

John John Florence, 24, geboren auf Oahu, Hawaii, als ältester von drei Brüdern. Als Florence sechs Monate alt war, nahm ihn seine Mutter mit aufs Surfbrett. Mit zwei Jahren stand er zum ersten Mal allein auf einem Board. Mit acht Jahren surfte er die "Pipeline", die gefährlichste Welle der Welt.

John John Florence

John John Florence, 24, sah Kelly Slater als Kind auf Hawaii beim Surfen zu. Damals schwor er sich: Irgendwann werde ich so sein wie er - in diesem Jahr wurde er erstmals Weltmeister.


John John Florence heißt eigentlich nur John, nach seinem Vater. Aber als seine Mutter Bilder von John F. Kennedy Junior sah, wie er so tapfer am Sarg seines ermordeten Vaters stand und salutierte, gab sie ihrem Sohn den Vornamen des jungen Kennedy dazu. Der Vater verließ die Familie früh. Alexandra Florence zog die drei Söhne allein groß. Das doppelte John im Namen blieb.

Globale Superstars und Multimillionäre

Slater und Florence wohnen beide an der North Shore von Oahu. Vor ihrer Haustür rollt Pipeline, die Riesenwelle, geformt wie eine Röhre. Wer sie nicht kennt, den wird sie fressen. Denn Pipeline bricht mit brutaler Gewalt auf erschreckend seichtes Riff.

Die North Shore gilt als die Bronx des Paradieses. Als ein hartes Pflaster vor Traumkulisse. Wer hierherkommt und nicht surfen kann, wird vertrieben. Wer hierherkommt und die lokalen Regeln nicht respektiert, wird verprügelt. Zum Beispiel vom Wolfpak, einer der meistgefürchteten Surfgangs der Welt. Ihre Mitglieder tragen tätowierte Dreiecke über dem Herzen. Slater und Florence brauchten das Wolfpak nie zu fürchten. Es sind ihre Freunde.

Maui : Monsterwelle überrollt Surfer


Als Florence noch klein war, vielleicht sieben, nahm Slater ihn manchmal zum Bodysurfen mit. Während Slaters Körper ein Brett formte, stand John John auf seinem Rücken. Heute treten sie gegeneinander an. Es geht darum, wer der beste Surfer der Welt ist. Die Weltmeistertour der World Surf League (WSL) beginnt jedes Jahr im Frühjahr und endet im Dezember nach elf Wettbewerben mit den "Pipe Masters" an der North Shore von Oahu.

Es mag aus deutscher Sicht schwer vorstellbar sein, aber Slater und Florence sind globale Superstars. Und sie sind die Zugpferde einer ganzen Industrie. Auf der Weltmeistertour werden Preisgelder bis zu einer Million Dollar gezahlt. Firmen, die Surfbekleidung herstellen, setzen in den USA Milliarden um. Längst verdienen sie ihr Geld nicht mehr mit den Brettern oder Neoprenanzügen selbst, sondern damit, das Lebensgefühl der Wellenreiter in Form von T-Shirts, Mützen, Jacken in die Großstädte zu verkaufen. Wer so gut surft wie Slater oder Florence, bekommt hoch dotierte Werbeverträge.

Kelly Slater in der Tube

Rasanter Ritt durch die Röhre: Kelly Slater


Slater ist Multimillionär. Er golft mit Cameron Diaz und besitzt angeblich in jeder Stadt mit guten Wellen zumindest eine Wohnung. Auch Florence' Vermögen wird bereits auf mehrere Millionen geschätzt.

Entsprechend ist der Hype, der um die beiden inszeniert wird. Der stern wollte mit ihnen darüber reden, wie es ist, Nachbarn und Konkurrenten zu sein. Slaters Pressefrau in New York sagte schon im Sommer ab: Slater wolle, wenn überhaupt, nur Einzelgeschichten über sich. Und die auch nur, wenn er siegt. Doch das ist gerade nicht der Fall, Florence ist besser. Die Frau hatte also eine andere Idee: 2017 könne man mit Slater über seine neue Firma sprechen. Florence' Sponsor wiederum bot dem stern an, man dürfe mit Firmenvertretern über die Funktionsweise seiner Neoprenanzüge sprechen. Herzlichen Dank.

Doch Ende Oktober traten die 60 besten Surfer der Welt in Portugal gegeneinander an, es war die vorletzte Station der Weltmeistertour. Und niemand kann einem verbieten, dort hinzufahren.

Peniche, eine kleine Stadt am Atlantik, etwa eine Stunde von Lissabon entfernt. Peniche riecht nach Salzwasser, Meer und Fisch, die Stadt ist einer der größten Umschlagplätze des Landes für Sardinen. Und hier brechen im Winterhalbjahr die Wellen besonders gut. Der Untergrund des Meers ist sandig, die Hafenmauer hält störende Nordwinde ab.

Ein Bereich des Veranstaltungsgeländes ist Journalisten vorbehalten, in den anderen kommen nur die Surfer, ihre Trainer und Freunde. Hier also stehen Florence und Slater und warten darauf, ins Wasser zu können. Florence trägt den schwarzen Neoprenanzug seines Sponsors, darüber ein gelbes Shirt, eine Art Trikot aus Badestoff, Rückennummer 12. Wer die Tour anführt, trägt das gelbe Shirt, wie bei der Tour de France. Florence trägt schon lange Gelb. Mit seinen blonden Haaren und dem Shirt sieht er aus wie die Sonne.

Slater hat sich noch nicht umgezogen. Er trägt eine Baseballcap, wie sie amerikanische Rapper tragen, und eine hellgraue Jogginghose. Neben ihm steht seine langjährige Freundin, eine schlanke Asiatin.

Kelly Slater

"King Kelly", 44, ist eine lebende Surflegende. Er hält einen besonderen Rekord: Slater ist sowohl der jüngste als auch älteste Weltmeister aller Zeiten.


Warten auf die Wellen

Der Manager von John John Florence, ein Mann namens Brandon, sagt in Portugal auf die Frage nach einem Interview manchmal Nein, manchmal Ja, meistens gar nichts. Am zweiten Tag verspricht Amy, die Pressefrau der WSL Europa, sie kümmere sich um das Interview und rede noch mal mit Brandon. Am dritten Tag heißt es, könnte klappen, am fünften: eher nicht. Brandon bittet Amy, mitzuteilen, Florence müsse sich fokussieren. Aber zumindest kann man sich jetzt annähern. Denn wenn Florence nicht verliert, darf nach jeder Runde kurz mit ihm gesprochen werden. Das sieht dann so aus: Dutzende Journalisten aus aller Welt umkreisen Florence, halten ihm Mikros, Fotoapparate und Kameras vors Gesicht und stellen Fragen wie: "Wie schwierig war der Heat? Wie gut war dein Gegner?" Die Fragen beantwortet Florence mit Sätzen wie: "Ich gebe immer mein Bestes!" Währenddessen tropft ihm das Salzwasser aus den Locken, seine Augen sind so rot wie frühe Kirschen.

Die meiste Zeit wird man warten müssen. Man steht früh auf, hastet zum Sonnenaufgang an den Strand. Dort lernt man, dass die Surferszene eine Vornamenwelt ist, siezt man jemanden, wird der sauer. Man steht also, sich duzend, mit anderen Journalisten auf einer Holzbalustrade herum. Von dort aus schaut man aufs Meer und wartet, dass die WSL-Kommission sagt: "It's on!" Das heißt: Die Wellen sind gut, los geht's. Manchmal wartet man darauf fünf Stunden. Kurz nach dem Startschuss laufen zwei junge Typen mit ihren Brettern los, beschützt von bulligen Bodyguards.

Je bekannter die Surfer, desto imposanter die Massen. Die größten Hysterien lösen Slater und Florence aus, in dieser Reihenfolge. Menschen mit Selfiesticks kommen angerannt, kleine Kinder zerren an ihnen, betteln um Autogramme. Frauen wollen Babys von ihnen, zumindest schreien sie das.

Eine halbe Stunde surfen die Gegner nach dem K.o.-Prinzip gegeneinander. Jeder versucht in dieser Zeit, so viele gute Wellen so spektakulär wie möglich zu surfen, aber nur die Punktzahl der besten zwei wird gezählt. Wer die meisten Punkte hat, ist eine Runde weiter. Florence wird von Runde zu Runde besser, freier. Er schlitzt unglaubliche Bahnen in Monsterwellen, rast durch die Röhren und dreht sich so schnell und oft um die eigene Achse, dass einem beim Zusehen schwindelig wird. "Yellow in the lead", Gelb gewinnt, ist ein Satz, der in Portugal sehr oft aus den Lautsprechern dröhnt.

Kelly Slater gewinnt seine erste Runde mit beeindruckenden Ritten, fliegt dann aber raus. Es ist klar: Weltmeister wird er nicht werden.

"Kelly ist ein Avatar"

Ein Kalifornier, der ihn kennt, sagt: "Kelly ist der Ehrgeizigste von allen. Er will immer gewinnen. Sein Wille ist so grenzenlos wie sein Körper alterslos. Er ist ein Avatar." Der Sänger Jack Johnson erzählte mal, er und Slater hätten ausprobiert, ob man auf einer Tür surfen könne. Nur Kelly konnte. Er kann fast alles. Und wenn er es nicht kann, trainiert er so lange, bis er es kann.

Abends heißt es zum Interview mit Florence wieder: "Not today!", nicht heute. Ein Fernsehmoderator sagt, es sei ja klar, dass die beiden nicht jedem Magazin Interviews geben könnten, schließlich seien sie Helden. Als man einwendet, dass sie doch nur Wellen reiten und keine kleinen Kinder aus dem Meer retten, guckt der Mann, als sei man eine Schabe, und verschwindet wortlos.

Surfen ist Utopie. Der Strand, das Meer, grenzenlose Freiheit, kurze Hosen, lange Nächte, schöne Frauen. Aber in Peniche merkt man sehr deutlich, dass Surfen vor allem eines ist: Hochleistungssport. Es soll nur keiner merken. Nur die Besten schaffen es, Surfen so aussehen zu lassen, als tanzten sie wie von selbst auf den Wellen. So wie bei Slater und Florence. Überträgt man ihre Art zu surfen auf den Fußball, kann man sagen: Sie ist so unverwechselbar wie ein Freistoß von Cristiano Ronaldo, sie besitzt die Eleganz der Pässe von Mesut Özil.

"Beim Surfen spüre ich Glück und Demut"

Am Ende dauert es fünf Tage, bis man mit Florence sprechen kann, nach seinem Einzug ins Halbfinale. Es ist ein günstiger Moment. Er hat gerade gewonnen und war dem Weltmeistertitel noch nie so nah.

John John, wann sahst du Kelly das erste Mal surfen?

"Es war die Weltmeisterschaft. Ich war am Strand und sah Andy Irons und Kelly Slater. Ich war noch ein Kind. Ich schwor mir: Irgendwann werde ich so sein wie sie."

War Slater dein Idol?

"Ja. Sieh ihn dir an."

Was spürst du, während du surfst?

"Glück. Und Demut. Ich bin meiner Mutter so dankbar, dass sie mir das Surfen beigebracht hat. Ich weiß, sie schaut sich das alles per Livestream an, aber ich wünschte, sie wäre jetzt hier."

Was machst du, wenn du nicht surfst?

Er überlegt, dann sagt er: "Ich surfe eigentlich immer."

In diesem Moment ist klar: Das Warten hat sich nicht gelohnt. Florence ist ein Mann, dem man besser beim Surfen zusieht, als ihm beim Reden zuzuhören. Er sagt jetzt wieder, dass er wirklich immer sein Bestes gibt. Er lacht. Das Salzwasser tropft aus seinen Locken. Es hat keinen Sinn.

Kelly Slater will Revanche und denkt noch lange nicht ans Aufhören

Am nächsten Tag wird um das Halbfinale und Finale gesurft. Slater hätte nach seiner Niederlage abreisen können, aber er ist in Portugal geblieben.

Als klar wird, dass Florence uneinholbar ist, dass er zum ersten Mal Weltmeister wird, steht Slater neben ihm und haut ihm in den Nacken, wie einem kleinen Bruder. Kelly lacht, umarmt John John und sagt: "Was für ein großartiges Jahr für dich. Du hast uns alle zerschmettert." Das ist so ein typischer Slater-Satz. Zerschmettern. Korken knallen, Florence hängt sich die Fahne von Hawaii um. Bierduschen, Jubel.

Später tritt Florence vor die Kameras. Er sagt: "Ich kann es nicht glauben, ich bin Weltmeister. Das war mein Ziel, das ist mein Traum. Darauf habe ich mein ganzes Leben lang hingearbeitet. Ich bin so geflashed. Ich könnte heulen." Er wiederholt das immer wieder, als säßen die Sätze in einem Karussell.

Der Pokal wird gebracht, eine schwere Schale auf geschwungenen Beinen. Florence starrt darauf wie auf einen Fremdkörper. Einen Moment zögert er, dann hievt er ihn gen Himmel. Kelly Slater steht über ihm auf der Holzbalustrade und schaut herab.

Anfang Dezember wird John John Florence die Tour vor seiner Haustür beenden. Seine Mutter wird da sein, seine Brüder, seine hawaiianischen Freunde. Das Wolfpak. Er wird in einem Wettbewerb antreten, den er schon gewonnen hat. Er wird ihn antreten als der Mensch seiner Träume.

Kelly Slater kündigt an, sich in den kommenden Monaten intensiv auf die nächste Weltmeisterschaft vorzubereiten. Sein Ziel: mit 45 den Pokal zurückzuholen, den Florence gerade in den Händen hält. Er sagt, er habe nie vom Aufhören gesprochen. Er habe noch nicht einmal daran gedacht.

Übernommen aus dem aktuellen stern



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