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LEICHTATHLETIK: Edmonton: Die kalkulierte WM-Pleite

Für den Leichtathletik-Weltverband IAAF entwickelt sich die Vergabe der Weltmeisterschaft ins »Leichtathletik-Entwicklungsland« Kanada zu einer kalkulierten Pleite.

Für den Leichtathletik-Weltverband IAAF ist die Vergabe der Weltmeisterschaft ins »Leichtathletik-Entwicklungsland« Kanada eine kalkulierte Pleite. Halb leere Ränge, unterkühlte Zuschauer und insgesamt nur rund 140 000 Besucher an den ersten vier Wettkampftagen im Commonwealth Stadium von Edmonton lassen vor allem Helmut Digel, dem neugewählten und für Marketing verantwortlichen IAAF-Vizepräsidenten, nicht frohlocken: »Das war uns klar. Doch wir können uns nicht damit schmücken, größtes Mitglied der Olympischen Familie zu sein, und zum 100-m-Finale der Männer kommen nicht einmal 20 000 Zuschauer.«

Doping-Spätfolgen

Dabei hatte die IAAF noch unmittelbar vor der WM mit einer Werbekampagne und ganzseitigen Anzeigen in den kanadischen Zeitungen versucht, die Misere abzumildern. »Eine Stadt mit 650 000 Einwohnern und ohne Umland kann ein Stadion nicht füllen«, meint Digel. Zudem stehe die Leichtathletik in Kanada seit dem Doping-Supergau von Ben Johnson bei Olympia 1988 im Abseits. Dies sei auch an dem minimalen Zwei-Millionen-Dollar-Etat (rund drei Millionen Mark) des Verbandes sichtbar.

Kleine Lichtblicke

Ein Lichtblick für den Marketing-Mann ist, dass die WM erstmals von zwei nordamerikanischen Fernsehsender zumindest in einer täglichen Zusammenfassung übertragen wird. »Der Fernseh- und Marketingmarkt in den USA ist wichtig für uns. Aus diesem Grund werden wir dieses Leichtathletik-Entwicklungsland weiter vorantreiben und wieder ein Risiko eingehen«, so Digel. Es sei deshalb nicht ausgeschlossen, dass schon 2007 oder 2009 die WM in die USA vergeben werde.

Packt den Puck aus

Gefruchtet haben die gezielte Vergabe und die Werbekampagne zumindest bei den Kanadiern nicht. Die Tageszeitung »The Globe and Mail« führt auf der ersten Seite den Medaillenspiegel der Nationen,. Schon auffällig eingefärbt am Ende liegen bisher stets die Gastgeber - mit drei Nullen. Obwohl die Kanadier noch auf Diskuswerfer Jason Tunks sowie auf die Hochspringer Kwaku Boateng und Mark Boswell hoffen, gab das Blatt die Stimmung in der Stadt so wieder: »Die Show ist vorbei. Lasst uns zum wahren Sport zurückkehren: Packt den Puck aus!«

Sorgfältigere Auswahl

Eine Erfahrung aus Edmonton sowie den Titelkämpfen in Athen 1997 und Sevilla 1999, wo die Zuschauer ebenfalls nicht in Massen strömten, ist, dass die Schauplätze für das größte Sport-Ereignis nach Olympia und Fußball-WM sorgfältig ausgesucht werden müssen. »Es gibt nur acht bis zehn Orte auf der Welt, wo eine WM organisiert werden sollte. Dahin müssen wir auch immer wieder zurückkehren«, sagte Digel, der mit Blick auf die WM 2003 und 2005 in Paris sowie London keine Probleme sieht.

Europa ist aus IAAF-Sicht der ideale Schauplatz für seine Premium-Veranstaltung. Schließlich sorgt allein die Europäische Fernseh-Union (EBU) für 84 Prozent der Einnahmen aus TV-Lizenzen und für ein Drittel des Weltverbands-Budgets.

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