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Louis Vuitton Cup: Der Kampf der "alten Möhre"

Nach dem fünften Platz beim Test für den America´s Cup in Valencia ist die Stimmung beim Team Germany prächtig. stern.de hat sich auf der fünf Jahre alten und notdürftig modifizierten Yacht der Crew um den dänischen Skipper Jesper Bank umgesehen.

Was auf der Welt reizt einen Mann, der so reich ist, dass er sich alles leisten könnte? Nichts, was man kaufen kann, denn bekanntlich macht Geld allein nicht glücklich. So muss das Geld Mittel zum Zweck werden und finanzieren, was sich zwar gewinnen, aber nicht bezahlen lässt: den Wettbewerb!

Also lässt der Mann Boote bauen, die Millionen kosten, und finanziert ein Team aus den besten Seglern der Welt. Und er lässt sie kämpfen, Mann gegen Wind, Wind gegen Boot, Boot gegen besseres Boot. Und wenn dabei modernstes High-tech Equipment, vom eigenen Label verziert, sich dem Wind stellt, machen die Ausgaben in Millionenhöhe nicht nur Spaß, sondern Werbung. Die Geschichte des America's Cup, der Champions League des Segelsportes, ist vom Anbeginn gepflastert mit den Namen großer Industriemagnaten: Männer, die alles besitzen und die eben nur eines nicht kaufen, sondern nur gewinnen können: den Cup.

Ruhm und große Namen

Im Jahre 1851 segelten die ersten Cupper, wie die Boote heute liebevoll genannt werden, zum Ruhm und zum Eifer großer Namen: Sir Thomas Lipton, der trotz vier Anläufe den begehrten Cup zu seinem Leidwesen nie mit seinem Tee füllen, dafür aber die Cup Publicity für sein Teegeschäft nutzen konnte. J.P. Morgan, der Investmentbanker, der seinerzeit zu den reichsten Männern der Welt zählte. Oder Harold S. Vanderbuilt, der nicht minder vermögend dahersegelte.

Waren es damals die großen Banker und Wirtschaftsbosse der Jahrhundertwende, so wechselte das Bild der gutbetucht- und besegelten Sponsoren und Geldgeber mit dem Motto des Jahrzehntes: Ted Turner und Sir Frank Packer z.B., Zeitungs- und Fernsehbosse vertraten die Sechziger und Siebziger. Heute liefern sich die IT Konzerne, Modemagnaten wie Prada und das Team BMW/Oracle die Schlacht um die glänzende Kanne, die werbewirksam in einem alten Teil des Hafens der spanischen Architekturmetropole Valencia auf einem Sockel aufgebahrt ruht. Pradas Segeljungs sehen in ihren hauteng gestylten Segelhemdchen mit den passenden Kappen übrigens genau so aus wie Ken, die Mattelpuppe, die als "Barbies Lover" einige Berühmtheit erreichte.

Kein Hafen in der Schweiz

Dem Schweizer Syndikat rund um die Alinghi, der "Primaballerina" unter den Cuppern, gelang 2003, was noch nie zuvor einem europäischen Land gelungen war: Es holte den Cup nach Europa. Da die Schweiz mit Hafenstädten nicht reich gesegnet ist, fiel die Wahl für den Austragungsort in einem Auswahlverfahren an Valencia, der Stadt, die durch den Anbau und die Verarbeitung von Orangen in Wortabwandlungen bis in deutsche Supermarktregale gelangte. Valencia ist der Austragungsort des nächsten Cup- Finales 2007 und bis dahin hat sich nicht nur der alte Hafen in ein komplettes "Hightech meets High Society in einem Waterworld Film-Set" verwandelt, die ganze Stadt rüstet auf für ein Großereignis, dessen Bedeutung sich sonst nur den Eingeweihten aus der Segelwelt mitteilt. Damit dies anders wird und auch der letzte Taxifahrer den Sinn der Milliardenausgaben seiner Regierung wertschätzen lernt, wird eifrig die Werbetrommel gerührt. Das ACM, "Americas Cup Management", verkauft den Cup werbewirksam an letzte Zweifler. "Valencia bietet neben dem ausbaufähigen Hafen idealen und stetigen Wind für die einzelnen Races", so der charismatische Medienchef von ACM, der Ire Marcus Hutchinson. Neben den Hafenanlagen für die Großsegler entstehen hier für jedes Syndikat, so nennen sich die Zusammenkünfte aus Sponsoren, Sportsmännern und PR-Vertretern, so genannte Bases. Jedes Land, jedes Schiff hat seine eigene Base, die je nach Segelmachtbedeutung aufbereitet wurde. BMW Oracle erinnert mit seiner Siebziger-Jahre-Teppichlounge und den viel bestaunten Neu- und Neidfahrzeugen im Erdgeschoss an eine Mischung aus 2001 Mondbase und einem Verkaufsraum für schnelle Autos. BMW Oracle, die für die USA starten, und Alinghi, die Cup-Verteidiger aus der Schweiz hatten in der neu gestalteten Marina die freie Wahl des Standplatzes. So spiegelt sich auch hier eine Kluft zwischen den etablierten Syndikaten und den "Neuen", die frech ihre Nase ins Renngeschäft und ihre Segel in den Wind stecken wollen.

Deutsches Schiff mit deutschen Seglern

Dazu gehört, erstmalig in der Geschichte des America Cup, auch Deutschland. Unter der Nummer "GER 72" segelt erstmalig ein deutsches Boot um die Unsterblichkeit. In einer Nacht- und Nebelaktion in letzter Minute ging das Team an den Start. Hauptsponsor Ralph Dommermuth, Vorstand der United Internet AG, durfte das von den Italienern kurzfristig gekaufte und dann in Rekordzeit umgebaute Schiff nicht nur bei dessen Taufe in Kiel enthüllen, sondern sich auch namentlich auf ihm verewigen. Das "United Internet Team Germany" segelt mit dem prägnanten 1+1 auf dem Segel. Dass das Emblem kurz zuvor auf ein altes Segel aufgeklebt wurde, tut der Mannschaftsherrlichkeit keinen Abbruch. Damit aus lauter Segelindividualisten eine Spitzenmannschaft wird, wurde Skipper Jesper Banks verpflichtet. Der dänische Goldmedaillengewinner ist ein echter Volksheld in seinem Land und wird nach Wunsch des Syndikates auch bald in Deutschland zum Segel-Begriff werden. In der Tat strahlt der 48-jährige eine Souveränität und Ruhe aus, die man sich nicht nur bei einem Segelguru, sondern bei jedem väterlichen Vorgesetzten wünscht. Sein Team wurde von ihm selbst zusammengestellt. Alte Segelfreunde wie seine Gold-Jungs Thomas Jacobsen und Henrik Blaksjaer - quasi aus dem Vaterschaftsurlaub aktiviert und mit dem Motto der "neuen deutschen Herausforderung" gebrieft. Dass ein Gutteil der Mannschaft aus Deutschland kommt, war dem dänischen Skipper wichtig. "Es ist ein deutsches Schiff, so sollen es auch deutsche Männer segeln."

Der Alibichinese

Etwas belustigt blickt der verschmitzte Helmsman auf das benachbarte chinesische Team, das außer dem Geld und den schönen roten Standarten nur einen Alibichinesen an Bord hat. Das Ziel der deutschen Mannschaft ist, da sind sich die Sportler einig, zunächst nur, das Boot sauber über die Linie zu bringen und nicht immer Letzter zu werden. Nun, diese Rolle zumindest wurde ihnen glücklicherweise vom operettenhaft anmutenden Team der Chinesen und den sozialen Underdogs der Südafrikaner abgenommen. Diese, so betont Marcus Hutchinson, haben echte Ghettobewohner an Bord. Das ist in Gesellschaft der Luis-Vuitton-Freunde so exotisch wie eine Curry-Wurst im Gourmet-Tempel.

Das neue deutsche Boot ist jedenfalls im Bau und hat in der Kieler Knierim Werft, die dem erfolgreichen Segelsportler Dr. Klaus Murmann als Hauptgesellschafter untersteht, Bauplatz und Heimathafen gefunden: Bis 2006 wird Kiel das Basis- und Trainingslager der "United Internet Team Germany". Das freut selbstverständlich die Kieler, deren Oberbürgermeisterin Angelika Volquarts den Umzug als "eine Riesensache für Kiel" bezeichnet.

Improvisation und unerwarteter fünfter Platz

Zur Zeit besticht die deutsche Base, zwischen den Chinesen und den Italienern beheimatet, noch durch handgemachte Improvisation. In Containern lagern Taue und Werkzeuge. Die Segel liegen auf dem Boden und die markigen Seemänner waschen ihre Socken und Mannschaftshemden selbst. Ein Flügelwäscheständer Marke "Baumarkt universal" steht mitten auf der Base in der Sonne. Aber gut schauen sie aus, die Jungs mit ihren Dreitagebärten und den schicken Oberarmmuskeln unter hoch gerollten T-Shirts, die zum hurtigen Aufwickeln der Taue unerlässlich sind. "Alle müssen hier am Schiff mitarbeiten", betont Jesper Banks, "zum Teil bis ein Uhr nachts." Dass dies als Ehre betrachtet werden muss, versteht sich von selbst, denn, zum Team zu gehören, ist Ehrensache.

Immerhin als Fünfter segelte das Internet Team Germany bei dem zweiten Rennen am vergangenen Sonnabend ins Ziel. Das Reglement sieht zwei verschiedene Segelwettbewerbe für die Herausforderer, die Challenger, vor. In einem Kampf Boot gegen Boot, den so genannten Match-Races, werden Siege in Punkte umgemünzt. So konnte z.B. die Alinghi als Einzige alle anderen 11 Challenger bezwingen und dafür neben dem ersten Rang elf Punkte aufs Konto verbuchen. United Internet Team Germany konnte trotz der "alten Möhre", wie Peter Kirchberger vom Medienteam des deutschen Syndikates sie liebevoll respektlos nennt, drei Schiffe im offenen Kampf bezwingen. Dass zwei davon zu den krassen Außenseitern zählen, tut der Stimmung keinen Abbruch. In den darauf folgenden Fleetraces, in denen alle Boote höchst eindrucksvoll gleichzeitig mit geblähtem Spinnaker und immerhin 800 Quadratmetern Segelfläche in teilweise fluoreszierenden Farben in einer Phalanx auf die Ziellinien losknattern, gibt es eine nach Plätzen gestaffelte Zieleinfahrt.

Selbst aus ein paar hundert Metern Entfernung hört man den Wind in den Segeln heiser bellen und die Taue ächzen. Mit dem neuen Boot will die deutsche Crew dann endgültig angreifen, Angst vor erhöhtem Erwartungsdruck mit zunehmender Hightechausrüstung hat das deutsche Team nicht. "Wie jeder Sportler freuen wir uns auf unser neues Gerät, ansonsten machen wir das, was wir üben, gut segeln," betont Andreas John, einer der zwei Hamburger im Team. Der fünfte Platz überraschte selbst die Fachwelt, die in Skipper Jesper Banks Crew längst eine ernstzunehmende Größe im Segelzirkus sieht. Erklärtes Ziel der unbescheidenen Crew: den Cup im Jahre 2011 nach Deutschland zu holen.

Aus den Regatten in Valencia, Malmö (25. August bis 30. August) und Trapani (29. September bis 9.Oktober) werden die Sieger der Qualifikationsregatten ermittelt. Diese dürfen dann in zwei Round Robins, dem Kampf Boot gegen Boot, die vier punktbesten Halbfinalisten ermitteln, die über Kreuz die Finalteilnehmer ausfahren. Die Alinghi, der Cup-Verteidiger wird aus dieser Wertung herausgenommen. Nur der Sieger dieses Zweikampfes hat dann das Recht, Cup Verteidiger Alinghi beim 32. America's Cup herauszufordern, der am 23. Juni bis 7. Juli 2007 in Valencia stattfindet. Bis dahin heißt es, die Öffentlichkeit für das Segelspektakel der Extraklasse zu gewinnen, denn auch die größte Exklusivität nützt nichts, wenn man niemanden hat, der dabei zuschaut.

Näher an die Öffentlichkeit

Auch dafür hat das ACM Team sein Konzept. "Näher an die Öffentlichkeit" heißt das Motto, mit dem versucht wird den "sophisticated Sport", so Marcus Hutchinson, an den zahlenden Mann zu bringen. Auf Großleinwänden im überdachten America's Park, wo auch die silbernen Trophäen von der Öffentlichkeit bestaunt werden dürfen, wird das Rennen dem Laien näher gebracht. Computersimulationen, gespeist von GPS-Geräten am Mast der Boote, bieten eine zeitgleiche Rennsimulation. Selbstverständlich ist diese nützliche Bildinformation auch auf dem Display des neuen Handys eines der Hauptsponsoren zu betrachten. So spiegelt sich auch die Geschichte der Medien im blanken Silber des Cups: Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Pressemeldungen noch mit Tauben an Land geflogen und Filmpionier Lumiere kurbelte mit einer Riesenkamera einen seiner ersten Filme über das Cup-Rennen.

Für seefeste Besucher starten fünf Zuschauerboote mit dem restlichen Tross der Superyachten aus dem Hafen in das vor der Küste gelegene Renngebiet. Das ist sicherlich die hautnahe Erfahrung der elementaren Duelle. Für die Damenwelt bleiben die Shops, in denen von den Prada-Hemden bis zu den BMW-Rucksäcken alle Rennaccessoirs in Topqualität an den Käufer gebracht wird. Der Besuch des America's Cup Hauses, dem Multimedia Museum mit Bildergalerie aller großen Cup Namen im Foyer sorgt dann für die finale Gänsehaut. Den an Land Gebliebenen bleibt neben der Großleinwand, die auch mit Helikopterbildern versorgt wird, noch das Planschbecken mit ferngesteuerten Modellyachten, wo der Vater mit dem Sohne das Match-Race mit verteilten Rollen nachspielen kann.

Marina Kramper

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