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Maria Sharapova: Die Schöne ist ein Biest...

... aber nur so steigt man auf zur reichsten Athletin der Welt. Maria Sharapova sieht aus wie ein Fotomodell und spielt Tennis, als gäbe es kein Morgen. Doch der Weg aus der Armut an die Spitze war steinig, die Russin wirkt gehetzt. Hat sie einen zu hohen Preis bezahlt?

Von Mathias Schneider

Sie ist groß, verdammt groß, wie sie da vor einem steht auf ihren Pantoletten. Locker über 1,90 Meter. Das Haar glänzt noch feucht, sie hat es nicht geföhnt. Warum auch, der Sommer Australiens kennt keine Kälte. Die eng geschnittene Jeans endet an den Waden. Durchaus lässig. Sie könnte gut als Model durchgehen, aber ist Maria Sharapova, 21, das nicht längst - ein Tennis-Model?

Soeben hat sie ein Spiel gewonnen, irgendeines jener lästigen Erstrundenspiele, doch ihr Gesicht verrät das Ergebnis nicht. Stattdessen wirkt sie gehetzt, schaut genervt um sich. Sie ist muskulöser geworden seit dem ersten Gespräch vor vier Jahren, aber was hat sich nicht geändert? Aufgestiegen ist sie zur profiliertesten Sportlerin des Planeten. Eine "Marke" sei sie jetzt, erfährt man von ihrem Manager Max Eisenbud, die "Marke Maria". Ein Hochglanzprodukt, das sich selbst auf der Tennisbühne dieser Welt aufführt. Product-Placement in eigener Sache sozusagen.

Doch das Produkt Maria umgibt an diesem Mittag ein Mantel der Unnahbarkeit. Kein Lächeln, dafür eine Aura, die Arroganz und Härte verströmt. Man möchte sie fragen, wie das ist, wenn eine die Fesseln der Armut sprengt und emporschießt in eine Umlaufbahn, die nur noch Luxus kennt. Doch sie will jetzt nicht reden, verweist auf die Pressekonferenz (wo sie nur über Vorhand und Rückhand dozieren mag). Kurz darauf hastet sie dem Ausgang der Katakomben zu. Glück sieht anders aus. Es lässt sich leider nicht herbeisiegen.

Ihr Rezept: Wille und Erotik

Liesse es sich erzwingen, Maria Sharapova würde es zu ihrer Geisel machen. Kaum eine kann das ja wie sie, ihr Glück erzwingen. Im Januar hat sie wieder einmal Zeugnis von dieser Kunst abgelegt. Sie hat ihr drittes Grand-Slam-Turnier, die Australian Open, nicht nur gewonnen - sie hat ihre Gegnerinnen förmlich überrollt. Vergangenen Sonntag siegte sie zum dritten Mal in dieser Saison, diesmal in Amelia Island. Keine spielt derzeit besser.

Ein Leben als Triumphmarsch, so muss es sich anfühlen für sie, die in Bradenton, Florida lebt und mit 19 schon zum vierten Mal in Folge vom "Maxim Magazine" zur heißesten Athletin der Welt gewählt wurde. 23 799 501 Millionen Dollar hat sie vergangenes Jahr eingespielt. Rund 20 Millionen davon erhält sie für Werbeverträge.

Blond, lange Beine, dazu die Strahlkraft einer Siegerin - sie haben beim Vermarktungsgiganten IMG früh erkannt, welch lukratives Geschöpf ihnen da ins Netz gegangen ist. Wer sieht schon aus wie das Tennis-Pin-up Anna Kurnikova und spielt mit dem Furor der Williams-Schwestern - eine unwiderstehliche Mischung aus kühler Erotik und maximalem Erfolg, welcher sich die Industrie nur schwer würde entziehen können. Es musste einfach funktionieren, sie musste einfach funktionieren. Heute verdient keine Sportlerin auf dem Planenten so viel wie sie.

Prioritäten setzen

Wenn Sharapova, wie in New York im vorigen September, ihren neuen Dress für die US Open vorstellt, lässt sich für Unkundige nicht mehr ermitteln, welchem Metier die Hauptperson da entsprungen ist. Wie in einer Disco blitzen die Kameras in New Yorks Rockefeller Center, als schritte da gerade Angelina Jolie den roten Teppich ab. "Maria, dreh den Kopf bitte noch ein bisschen. Jaaa, sehr schön." Sie rufen ihren Namen. Und Maria dreht den Kopf, wirft ihn nach links und rechts. Maria schaut kokett in die Kamera. Knallrot leuchtet das eng geschnittene Kleid, am Ausschnitt glitzert die Skyline von Manhattan. "Weil ich New York so liebe", sagt Maria. Der Sponsor wird oft genannt in einem der zahlreichen Interviews. Sie vergisst so etwas nicht. Nicht sie. Im Vorjahr trug sie auf dem Platz noch eine Art Cocktailkleid, inspiriert von "Breakfast at Tiffany's". Audrey Hepburn, das ist jetzt die Liga.

Auf ihrem 18. Geburtstag tauchten die Schauspielerin Lindsay Lohan, Fergie von den Black Eyed Peas - und die Band Maroon 5 auf. Mit dem Sänger soll sie mal etwas gehabt haben. Gerüchte. Einen festen Mann an ihrer Seite gibt es nicht. Keine Zeit, nicht jetzt, wo die eigene Ambition nur dem Ich, nicht dem Du Raum lässt. Dafür führt sie Abendkleider von Marc Jacobs auf Fashion-Partys vor, rekelt sich für eine Badekollektion des Magazins "Sports Illustrated" am Strand.

Und doch hat sie sich im Gegensatz zu Kurnikova ihren Ehrgeiz auf dem Tennisplatz nie abkaufen lassen. Sharapova weiß, dass nur Siege sie auch jenseits des Platzes zum Vorbild einer Generation machen. Anna Kurnikova - schön, aber sieglos - dient ihr als warnendes Beispiel. Wahrscheinlich will sie deshalb nicht mit ihr verglichen werden. Trotz der Millionengagen steht sie ihren Sponsoren nur zwei Wochen im Jahr für Werbezwecke zur Verfügung. "Man muss seine Prioritäten kennen und wissen, dass Fans, Medien und anderes Zeug einen ablenken", sagt sie.

Tennisvater Juri Sharapov

Es geht es ihr bis heute vor allem ums Tennis, das immer mehr als nur ein Spiel für sie gewesen ist. Dazu war die Sache von Anfang an viel zu ernst. Wie ernst, wird am 3. Juli 2004 der ganzen Welt klar. Mit 17 Jahren sinkt sie nach dem Matchball auf den Rasen von Wimbledon. Der erste Grand-Slam-Sieg. Mehr geht nicht. Und doch bleibt beim Beobachter ein seltsames Gefühl der Beklommenheit zurück. Zu kontrolliert ihre Emotionen. Beinahe scheint es, als sei selbst der Kniefall Teil einer großen Inszenierung. Sharapova wirkt wie programmiert. "Ich möchte meinem Vater und meiner Mutter danken. Ich verdanke euch so viel", brabbelt sie mit einer Barbie-Stimme, die keine Höhen und Tiefen kennt, ins Mikrofon. Die Zuschauer applaudieren artig. Doch ein Funke springt nicht über. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Zu ihrem Vater steigt sie nach der Partie in die Loge hinauf, und spätestens dort oben bekommt jenes flaue Gefühl, das sich in ihrer Gegenwart einstellt, ein Gesicht. Es ist das Gesicht Juri Sharapovs. Wie eine Puppe drückt er seine Tochter an sich, fleht theatralisch den Himmel an. Immer wieder drischt er ihr seine mächtigen Pranken auf den Rücken, wirkt entrückt vor Glück. Es ist eine aggressive Freude, wie man sie unter Männern in Fußballmannschaften kennt. Dies ist sein erster großer Sieg, sein Werkzeug hat ihn geholt. Seine Tochter muss sich regelrecht losreißen. Sie lacht nicht einmal. Da ist kein Platz für kindliche Freude. Juri Sharapov. Wie er dafür gehasst wird von den Trainerkollegen, den Kontrahentinnen seiner Tochter, dass er bei Marias Spielen die Faust nach jedem Punkt in die Luft reckt, als sei das alles ein Kampf auf Leben und Tod. Aber war Tennis nicht genau das - ein Kampf auf Leben und Tod? Gerade für einen, der in der Nähe von Tschernobyl aufwächst, in Gomel, Weißrussland. Am 26. April 1986 explodiert Reaktor vier. Als Juris Frau Jelena drei Monate später mit Maria schwanger wird, bleibt nur die Flucht. Sie endet bei Jelenas Eltern in der Industriestadt Nyagan in Sibirien. Sie teilen sich alle ein Einzimmerapartment. Juri Sharapov, einst in der Armee, arbeitet nun in den Ölfeldern.

Ein Plan B existierte nicht

Nach zwei Jahren zieht er mit seiner Familie weiter nach Sotschi am Schwarzen Meer. Mit vier beginnt seine Tochter mit einem abgesägten Schläger Tennis zu spielen. Sie muss trainieren, auch im Winter, wenn der Schnee heftig fällt. Einmal, sie ist mittlerweile sechs, brechen Vater und Tochter auf, um den Bus zum Tenniscenter zu erwischen. Doch Maria fällt und schneidet sich in die Hand. Tränen. "Hör auf zu heulen, Mascha", sagt Juri Scharapow. Mascha, ein Kosewort für Maria, doch um Liebe geht es nicht an diesem Tag. Als die Hand blutet und der Nagel sich löst, Mascha ihren Vater anfleht, zurück nach Hause zu dürfen, brüllt er: "Hör auf zu heulen. Wir gehen zum Training."

1994 fliegt Maria Sharapova mit ihm in die USA. Sie ist sieben Jahre alt, wird zwei Jahre ohne ihre geliebte Mutter sein, die kein Visum erhält. Juri Sharapov hat gerade einmal 700 Dollar gespart, als er mit ihr in Florida bei Nick Bollettieris Tennisschmiede auftaucht. Er setzt alles auf eine Karte - die Karte Maria. Sie muss ihnen den Wohlstand garantieren. Ein absurdes Risiko, vom unbeschreiblichen Druck für das Kind ganz zu schweigen. Ein Plan B existiert nicht. Zwei Jahre müssen beide warten, sie sei zu jung für harte Drills. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Dann endlich die Erlösung: Sie wird mit neun Jahren aufgenommen - und nur gehänselt für ihre spindeldürren Beine.

Nein, der Ball war nie ihr Spielzeug. Die Gegnerin auf der anderen Seite des Netzes stand zwischen ihr und dem Wohlstand. Noch heute bekämpft sie die Rivalinnen mit einer unnachgiebigen Härte, als ginge es um die einzige Scheibe Brot für eine ganze Woche.

Das Stadion ist ihre Bühne

Die erste Begegnung, Mai 2002. Ein langes Mädchen steht da auf dem Court Nummer zwei von Wimbledon. Sie ist gerade 15 geworden. Ihre Schreie ziehen einen förmlich an. Man will sehen, wo der Lärm herkommt, der eine ganze Anlage in Atem hält. Sharapova brüllt jeden Ball übers Netz. Sie bearbeitet ihr gut einen Kopf kleineres Landsfräulein Maria Kirilenko schon da mit einer professionellen Kälte, die auch in kniffligen Situationen keine Furcht kennt. Betont aufrecht bewegt sie sich, man kann förmlich hören, wie sie ihr eingebimst haben: "Maria, halt dich gerade! Kopf hoch! Keine Schwäche zeigen!" Der ganze Auftritt eine einzige psychologische Kriegsführung.

Noch heute schreitet sie wie ein Pfau über den Platz. Dermaßen gestelzt kommt sie daher, dass die Grenze zur Affektiertheit überschritten ist. Vor jedem Aufschlag werden die letzten Haarsträhnen hinter die Ohren gezwungen. Das ganze Stadion eine Bühne. Sollen sie darüber lästern, sie sind nicht dabei gewesen, damals. "Ich habe nicht umsonst drei Jahre in ärmlichen Hütten geschlafen und Haferschleim gegessen, während ich irgendwo im Nirgendwo gespielt habe", hat sie einmal gesagt.

Nun ist sie oben angekommen, taugt der Welt zur Projektionsfläche für all die Sehnsüchte nach dem perfekten Leben. Ob sie dieses Leben genießt? Man wünschte es nicht der Marke Maria. Man wünschte es dem Mädchen hinter der Maske.

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